Die Suche nach dem weiblichen Mozart

Braunschweiger Klavierpodium in der Grotrian-Steinweg Klavierfabrik


(nmz) -
Im November 2016 fand das Braunschweiger Klavierpodium in der Grotrian-Steinweg-Klavierfabrik zum Thema „Die W-Saite. Weibliche Beiträge zur Musik“ statt. Das Thema war für den DTKV als Gastgeber ein Wagnis, das die Musikerkreise stark polarisierte. Viele Fragen standen im Raum, die Hoffnung auf handfeste Antworten war groß, die Suche nach Argumenten, um die weibliche Musik in der Musikwelt gleichberechtigt zu etablieren, mehr als notwendig.
Ein Artikel von Claudia Bigos

Mit manchen Themen setzt man sich ungern auseinander. Mir erging das so mit dem Thema Komponistinnen. Man lässt Generationen von Schülern Werke spielen, ohne zu merken, dass darunter fast nie Komponistinnen sind. Man besitzt unzählige Aufnahmen ohne weibliche Beiträge und noch schlimmer: Man vermisst nichts. Aber wie soll man etwas vermissen, wenn man es nicht kennt? Sätze wie „Musik von Komponistinnen braucht die Welt nicht“, „Solange es keine Komponistin von Beethovenformat gibt, werde ich keine im Recital spielen“, „Frauennamen in Konzertprogrammen sind für das Publikum und den Veranstalter nicht attraktiv genug“ grenzen an eine Provokation. Die meisten Musiker, weiblich wie männlich, kennen im Schnitt drei bis vier Komponistinnen. Es gibt aber um die 1.800 vom Archiv „Frau und Musik“ in Frankfurt erfasste Komponistinnen aus 52 Nationen mit 28.000 Medieneinheiten, und die Welt schaut zu, wie ihre Werke im Archiv unter der dicken Staubschicht der Ignoranz verschwinden.
Das war der Grund, warum ich dem DTKV das Thema vorschlug, neue Literatur für die Bühne und für den Unterricht kennenzulernen, über die Ungerechtigkeiten in der Musikgeschichte aufzuklären, neue Kontakte zu vermitteln, zu neuen Programmen zu inspirieren, zu ermutigen, etwas an dem Zustand des Schweigens über die „weibliche“ Musik zu ändern.
Susanne Wosnitzka aus Augsburg repräsentierte das Archiv Frau und Musik in Frankfurt. Ihr Streifzug durch die Musikgeschichte mit Schwerpunkt auf Komponistinnen war mit so vielen spannenden Fakten gespickt, dass man aus dem Staunen nicht herauskam. Komponistinnen gab es, seitdem komponiert wird, also schon immer. Viele herausragende weibliche Persönlichkeiten in der Musikgeschichte werden vorgestellt, Fakten, Statis­tiken, Ungerechtigkeiten aufgezählt, die wir der jahrhundertelangen Vorherrschaft männlicher Musiker verdanken. Frauen wie Mascha Blankenburg oder Eva Weissweiler verdanken wir es, dass die Geschichte der komponierenden Frauen erfasst, aufgearbeitet und fortgesetzt wird, damit die Suchmaschinen unserer Zeit nicht nur beim Stichwort Komponist sondern auch bei Komponistin Treffer herausspucken.
Elisabeth Brendel, ebenfalls vom Archiv Frau und Musik, zeigte, wie wichtig und vielseitig die Arbeit des ältes­ten und bedeutendsten internationalen Komponistinnen-Archivs ist, dessen Existenz immer wieder von Etatkürzungen bedroht ist und nur durch den Idealismus und die Ehrenarbeit der Mitarbeiter am Leben gehalten wird. Isolde Weiermüller-Backes gründete 2010 den Certosa-Verlag, um ausschließlich Werke von Komponistinnen zu veröffentlichen. Sie sprach von den musikalischen Schätzen der über 270 Komponistinnen, die in ihrem Verlag vertreten sind. Das mitgebrachte Notenmaterial war eine wahre Fundgrube. An Stelle von Frau Dr. Eva Weissweiler trat Frau Christa Nies aus Kassel mit einem Vortrag „entdeckt – aufgeführt – dokumentiert“. Ihre Buchdokumentation „Komponistinnen und ihr Werk“ sowie das internationale Komponistinnen-Festival „Vom Schweigen befreit“ lieferten viele spannende Fakten. Sie berichtete auch von Schwierigkeiten und Erfolgen ihrer langjährigen Tätigkeit für die „Neue Musik für Stimme“, die sehr viel Durchhaltevermögen abverlangen. Das Recital von Claudia Meinardus im Anschluss an das Klavierpodium mit Werken von Cécilie Chaminade, Johanna Senfter, Josephine Lang, Laura Netzel, Anna Teichmüller, Maria Szymanowska und Lili Boulanger zeigte die Vielfalt der Formen, die virtuose Anlage und starken Ausdrucksmöglichkeiten der Kompositionen, für die sich nicht nur die Pianistin begeisterte. Das Publikum hörte gebannt zu, es gab viel Neues und Wunderbares zu entdecken.
Einen weiblichen Mozart haben wir nicht gefunden. Wie denn auch? Es braucht Jahre, wenn nicht Jahrhunderte, bis Frauen, in dem Maße, wie es bis jetzt die männlichen Kollegen taten, ihre künstlerischen Möglichkeiten entfalten können. Und bis jetzt, das weiß jeder, gab es nur einmal einen Mozart. Zum Fazit des Klavierpodiums gehört also, dass wir eine bessere Vermarktung benötigen, mehr Möglichkeiten, die von Frauen komponierten gro­ßen Formen wie Orchesterwerke oder Opern aufzuführen, um eine selbstverständliche Gleichberechtigung auf der Bühne, im Konzertsaal und auf dem Programm der Festivals und der Wettbewerbe ohne Machtkampf der Geschlechter zu erreichen.

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