Große Emotionen, atemberaubende Momente

Der 59. Bundeswettbewerb Jugend musiziert in Oldenburg


(nmz) -
Rund 2.300 junge Musikerinnen und -musiker feierten den Bundeswettbewerb Jugend musiziert in Oldenburg acht Tage wieder als großes Fest der Musik. Alle Beteiligten, Teilnehmende wie Jurymitglieder, Publikum, Musiklehrer*innen sowie Eltern und Geschwister waren überwältigt von der Kraft der Live-Musik.
Ein Artikel von Jugend musiziert

Aus allen Teilen Deutschlands und von 35 Deutschen Schulen im Ausland kamen die Nachwuchstalente. Nach den 1.500 Wertungsspielen vergaben die 140 Jurorinnen und Juroren 531 Musikerinnen und Musikern einen 1. Bundespreis, 759 einen 2. Bundespreis und 616 einen 3. Bundespreis. Alle anderen Teilnehmenden wurden mit einer Urkunde mit sehr gutem bis gutem Erfolg geehrt. Jugend musiziert, ein Projekt des Deutschen Musikrates, glänzte wieder durch seine Fülle und Vielfalt, die Kategorien reichten von Solo-Kategorien bis zu Ensemble-Kategorien mit bis zu 13 Spielenden, von Alter Musik bis zu zeitgenössischen Werken und Pop-Gesang. Teilnahmeberechtigt waren Musikerinnen und Musiker im Alter von 13 Jahren bis zu 27 Jahren bei den Vokalkategorien. Insgesamt waren an diesem großen Fest der musikalischen Begegnung Musikbegeisterte zwischen 10 und über 80 Jahren beteiligt.

2022 begegneten sich die Teilnehmenden in folgenden Wettbewerbskategorien: den Solo-Kategorien Streichinstrumente, Akkordeon, Schlagzeug (Percussion, Mallets) und Gesang (Pop), den Ensemble-Kategorien Klavier-Kammermusik, den Duos aus Klavier und einem Blasinstrument, Vokal-Ensemble, Zupf-Ensemble, Harfen-Ensemble, Baglama-Ensemble und Hackbrett-Ensemble sowie der Besonderen Besetzung Alte Musik.

Die Vielfalt der Kulturen verkörpern auch die 44 Schülerinnen und Schüler der Deutschen Schulen im Ausland, die sich für den diesjährigen Bundeswettbewerb Jugend musiziert qualifiziert hatten. Ob aus Portugal oder Ägypten, aus Finnland oder Palästina, aus Dublin oder Rom – unter dem Dach von Jugend musiziert trafen sie sich mit Gleichgesinnten zum musikalischen Austausch und sorgen so dafür, dass der Bundeswettbewerb Jugend musiziert mit der Gesellschaft, in der er stattfindet, ständig Schritt hält und in ihr Impulse setzt.

Zwei Jahre konnte der Bundeswettbewerb Jugend musiziert nicht in der gewohnten Form in Präsenz stattfinden. Für ein kleines Meinungsbild zum diesjährigen Wettbewerb haben wir mit einem langjährigen Juror und einer Jurorin, die erst zum zweiten Mal dabei war, gesprochen.

Interview mit Lorenzo Rüdiger

Lorenzo Rüdiger (Juryvorsitzender Violine III) ist für den Regionalwettbewerb an der Deutschen Schule Rom zuständig sowie Landesausschussvorsitzender des Landeswettbewerbes der Deutschen Auslandsschulen des Östlichen Mittelmeerraums (Deutsche Schulen aus Italien, Griechenland, Israel/Paläs­tina, Ägypten und der Türkei). „Ich bin als Sohn eines deutschen Archäologen gebürtiger Römer und „lebenslänglich“ in der seit Jahrhunderten bestehenden deutschen „Kolonie“ in Rom aufgewachsen; auch Jugend musiziert wie die Teilnahme an den Aktivitäten an einer deutschen Auslandsschule tragen dazu bei, das Verhältnis mit dem Herkunftsland aufrecht zu erhalten.“ Seit 12 Jahren ist er als Juror und Juryvorsitzender beim Bundeswettbewerb Jugend musiziert.

neue musikzeitung: Wie viele Kinder und Jugendliche nehmen an Ihrer Schule oder in Ihrer Region durchschnittlich an Jugend musiziert teil und wie viele werden dann zum Landes- und schließlich zum Bundeswettbewerb weitergeleitet?
Lorenzo Rüdiger: An unserem Regionalwettbewerb in Rom nehmen etwa 70 Jugendliche jährlich teil, davon werden etwas weniger als die Hälfte zum Landeswettbewerb weitergeleitet. Am Landeswettbewerb nehmen etwas mehr als 100 junge Musikerinnen und Musiker teil, davon wird zirka ein Viertel, oft auch weniger, zum Bundeswettbewerb nach Deutschland weitergeleitet.
nmz: Was hat sich in den vergangenen Jahren aus Ihrer Sicht an dem Wettbewerb verändert?
Rüdiger: Mehrere Veränderungen haben meiner Ansicht nach stattgefunden: Durch G8 an den Gymnasien hat sich die Teilnehmendenzahl in der Altersgruppe VI sowie VII stark reduziert; dies sowohl im In- als auch im Ausland. Die Einführung der Popkategorien hat den Schülerinnen und Schülern im Ausland viel mehr Teilnahmemöglichkeiten ermöglicht; das Gleiche gilt wahrscheinlich auch für die innerdeutschen Jugendlichen. Am Anfang meiner Tätigkeit bei Jugend musiziert waren eher die Solokategorien stark besucht, während in den letzten Jahren die Ensemblewertungen immer mehr Zuspruch gefunden haben; diese letzte Tendenz wurde hingegen durch Corona wieder etwas rückgängig gemacht.
nmz: Hat sich die Motivation der Kinder und Jugendlichen verändert?
Rüdiger: Die Jugendliche sind immer stark motiviert, auf hohem Niveau Musik zu machen, auch wenn sie wissen, dass sie später nicht unbedingt ein Musikstudium einschlagen werden. Unsere Schule wird oft gerade von musikbegeisterten Familien besucht, die ein vergleichbares Musikprofil an einer italienischen oder an einer anderen privaten Schule in Rom nicht vorfinden können. Diese Motivation bleibt bestehen, allerdings merke ich, dass die sogenannte „klassische“ Schiene der Musik, die früher auch innerhalb der gebildeten Familien sehr gepflegt wurde, immer mehr durch die sogenannten „Popszene“ ersetzt wird.
nmz: Ist Jugend musiziert an den Deutschen Schulen im Ausland ein Fest der Begegnung oder eher ein Wettbewerb mit Konkurrenz?
Rüdiger: Dass es in einem Wettbewerb auch etwas Konkurrenz gibt, lässt sich nicht vermeiden, aber unsere Landeswettbewerbe sind wirklich Feste der Begegnung: In meinem Landesverband spricht man zu Hause manchmal Deutsch, aber auch Italienisch, Griechisch, Arabisch, Türkisch oder Hebräisch, aber die Sprache, die alle Jugendlichen verbindet, ist tatsächlich ausschließlich die deutsche Sprache. Die kulturellen Voreingenommenheiten gegenüber anderen Kulturen oder Religionen, die manchmal in Familien bestehen bleiben, werden von den jugendlichen Teilnehmenden mit Natürlichkeit und Selbstverständlichkeit aufgrund eines höheren und sehr starken Gemeinschaftsgefühls überwunden; wir Erwachsene können viel daraus lernen!
nmz: Welchen Stellenwert hat Jugend musiziert und ein Bundespreis bei Jugend musiziert in Italien oder studieren die Kinder/Jugendlichen dann in Deutschland?
Rüdiger: Viele unserer Schülerinnen und Schüler möchten tatsächlich dann gerne in Deutschland studieren und diejenigen, die gerade Musik studieren möchten, suchen nach allgemeingültigen Parametern, die sie auch im Wettbewerb vorfinden. Dass sie einen Bundespreis gewinnen (oder auch nicht), gibt ihnen wichtige Informationen zu ihrem Leistungsstand im Vergleich zu Musikstudierenden an deutschen Musikschulen. Oft werden in anderen Ländern auch verschiedene Schwerpunkte gesetzt und der Vergleich, der im Wettbewerb hergestellt wird, ist für sie von außerordentlicher Wichtigkeit. Der Bundeswettbewerb ist auch eine außergewöhnliche Möglichkeit, nach neuen Spielprogrammen zu suchen, um den eigenen musikalischen Horizont zu erweitern.

Interview mit Maria Mertes

Maria Mertes (Jurorin Klavier-Kammermusik IV & VI): Nach dem Studium in Essen und Oslo studiert die 24-Jährige nun Posaune in Stuttgart. Sie ist Mitglied des Ensembles Brasssonanz und spielt aktuell bei den Augsburger Philharmonikern. Konzertreisen führten sie unter anderem nach China und Brasilien.

nmz: Haben Sie den Wettbewerb anders erlebt/wahrgenommen früher als Teilnehmende und jetzt als Jurorin? Wenn ja, inwiefern?
Maria Mertes: Durch die Möglichkeit im vergangenen Jahr, erstmalig als Jurorin beim Wettbewerb dabei zu sein und damit die Perspektive von der Teilnehmerin zur Jurorin zu wechseln, habe ich Jugend musiziert natürlich anders erlebt. Die aktive Teilnahme habe ich damals als sehr aufregende und intensive Zeit wahrgenommen, als Jurymitglied dabei zu sein, war für mich ebenso aufregend, spannend und sehr lehrreich. Schon als Teilnehmerin hatte ich das Gefühl, dass die Jury den vortragenden Musiker*innen besonders fair und ehrlich begegnet. So fand ich es nun toll zu erleben, wie viel Zeit wir uns als Jury genommen haben, um uns sorgfältig auszutauschen und die Leistungen der Teilnehmenden anzuerkennen und ihnen gerecht zu werden.
nmz: Was war für Sie das Besondere an dem diesjährigen Wettbewerb?
Mertes: Im letzten Jahr hat sich die Jury aufgrund der Coronapandemie in Bremen und Bremerhaven die Wertungsspiel-Videos der Teilnehmenden angeschaut und bewertet. In diesem Jahr konnten die Wertungen endlich wieder live stattfinden. Nach der langen coronoabedingten Zwangspause war dieses Jahr neben jedem Wettbewerbsgedanken vor allem die große Freude am gemeinsamen Musizieren aller Teilnehmenden und die gegenseitige Unterstützung der Ensembles, der Lehrenden, Eltern und Freunde spürbar. Bei jedem Wertungsspiel war der Zuschauerraum durch begeistertes Publikum gut besetzt, was für eine wirklich schöne und besondere Atmosphäre gesorgt hat.
nmz: Wie sehen Sie die Entwicklung von Jugend musiziert? Hat sich der Wettbewerb verändert?
Mertes: Meiner Meinung nach ist der Jugend musiziert-Gedanke über die Jahre hinweg derselbe geblieben und konnte trotz der Pandemie erhalten bleiben. Ich denke schon, dass der Wettbewerb sich immer weiterentwickelt und neue Angebote schafft, die man jedoch aus zeitlichen Gründen während des Wettbewerbs als Jurorin kaum wahrnehmen kann.
Ich erinnere mich, dass zu meiner Zeit als Teilnehmerin die Jury meist aus sehr erfahrenen Musiker*innen bestand. Daher nehme ich es durchaus als Veränderung wahr, dass auch junge Musiker*innen wie ich nun Teil dieser Jury sein dürfen, auch wenn wir keine langjährige Erfahrung mitbringen wie die meisten Juror*innen. Als Berufseinsteigerin lerne ich selbst noch stetig dazu und kann mich noch gut in die Situation und das Gefühl der Teilnehmenden hineinversetzen und so eventuell andere Perspektiven für eine vielseitige Beurteilung beisteuern.
nmz: Haben sich die Teilnehmenden verändert?
Mertes: Ich denke, die Teilnehmenden haben sich nicht besonders verändert. Vielmehr habe ich das Gefühl, dass die gemeinsame Freude aller an der Musik, eine intensive Vorbereitungszeit und die Lust, das erprobte Programm zu präsentieren schon immer im Vordergrund stand und weiterhin stehen wird. Das sehr hohe musikalische Niveau, den Ehrgeiz und Elan der zahlreichen jungen Musikerinnen und Musiker zu sehen, die trotz Allem weitergemacht und sich den Spaß an der Musik erhalten haben, haben mich sehr beeindruckt.  ¢

Weitere Termine
im Anschluss an den Bundeswettbewerb Jugend musiziert 2022:
16.–27.8.2022: Deutscher Kammermusikkurs Jugend musiziert in Trossingen
17./18.9.2022: WDR 3-Klassikpreis der Stadt Münster
23./24.92022: Wochenende der Sonderpreise (WESPE) in Schwerin

Der 60. Bundeswettbewerb Jugend musiziert wird vom 25. Mai bis 1. Juni 2023 in Zwickau und Umgebung zu Gast sein.

 

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