Herausforderungen, Unsicherheiten, Konflikte

Musik unterrichten in der Corona-Krise


(nmz) -
In den vergangenen Wochen erreichten uns Erfahrungsberichte, Fragen und Anregungen von Musiklehrkräften aus ganz Bayern. Dabei wurde rasch deutlich: Organisatorische und technische Rahmenbedingungen für den Musikunterricht unterscheiden sich auch fast zwei Monate nach Einführung von Online-Unterricht erheblich, ebenso die Probleme, die es zu lösen gilt. Die folgenden Beiträge dokumentieren ausschnittweise die Vielfalt der Herausforderungen. Herzlichen Dank an alle Kolleginnen und Kollegen, die uns Einblicke in ihre Arbeitssituation der letzten Wochen gewährt haben!
Ein Artikel von Gabriele Puffer

„Man darf ja eh noch nicht singen“

„Zu Beginn der Ausgangsbeschränkungen stellt sich erstmal ein kleines Gefühl von Urlaub ein. Seit langer Zeit plötzlich keine Geigenschüler am Nachmittag, keine zusätzlichen Termine mehr an den Abenden und freie Wochenenden statt Konzerten. An unserem Gymnasium gibt es die Vorgabe, dass vorrangig Hauptfächer wie Mathe und Deutsch Schulmaterial an die Schüler schicken sollen. Noch bin ich über die Entlastung dankbar - das Homeschooling mit zwei Kindern nimmt viel mehr Zeit ein als gedacht. Der Chef schickt aufmunternde Informationsmails zur aktuellen Lage. Mit meinem gemischten Chor steige ich schnell auf Onlineproben um. Auch der Schulchor freut sich über die willkommene und aufregende Abwechslung, sich zu sehen und so die Stimme „warm“ halten zu können. Die Nachmittage füllen sich langsam wieder durch den verschiedenen Instrumentalunterricht meiner Kinder und meiner Geigenschüler.

Nach drei Wochen ohne Veränderung der schulischen Vorgaben kommt langsam Verwunderung auf und die Erkenntnis, dass Musik an unserer Schule wohl einen noch geringeren Stellenwert einnimmt als gedacht: Kollegen, die sich erlaubt haben, kleine musikalische Aufgaben unseren Schülern nach Hause zu schicken, bekommen Abmahnungen aufgrund von Elternbeschwerden.

Andere Eltern schimpfen über die scheinbar faulen Nebenfachlehrer. Die kinderlosen Musikkollegen werden nachdrücklich aufgefordert, beim Gesundheitsamt mit anzupacken. Inzwischen verschickt nur noch die Schulsekretärin Informationen vom Kultusministerium weiter; Mails an die Chefetage mit Hilfsangeboten und Fragen bleiben komplett unbeantwortet. Und auch unser Kollegium drückt unverhohlen Ärger und Neid aus, dass sich „die Musiker nicht an der Arbeit beteiligen“. Im kurzfristig erhaltenen Stundenplan ist der Musikunterricht erstmal wie selbstverständlich gestrichen. Informationen dazu erhalten wir Musiklehrer nicht. Auf Nachfrage erklärt mir ein Mitarbeiter der Schulleitung, ‚man dürfe ja eh noch nicht singen …‘ Frust macht sich breit. Es stellt sich mir die bohrende Frage, welche gesellschaftliche und kulturelle Zukunft durch diese schulischen Signale mitgeprägt wird. Denn unsere Schüler lernen gerade, dass Musik offensichtlich nicht als wichtig erachtet wird.

Inzwischen (Mitte Mai) findet unser neuer Alltag komplett online statt, unsere beiden Computer laufen ununterbrochen und es hat sich eine neue Art von Stress eingestellt: Kinder im ständigen Online-Schul- und Instrumentalunterricht, Videokonferenzen meines Ehemanns, Chorleitung per Zoom. Die Aussicht auf Normalität wirkt wie Erholung. Das Ministerium hat neue Vorgaben zur privaten Mediennutzung herausgegeben. Ich stelle fest, dass ich mich jetzt wohl strafbar mache: Meine Schulchorproben können aus Datenschutzgründen so nicht mehr stattfinden. Trotz allem habe ich Glück: Mein Teilzeit-Lehrergehalt läuft normal weiter. Mit einem Mann, der in einer von der Corona-Krise stark betroffenen Branche tätig ist, lernt man in diesen Zeiten seinen Arbeitgeber neu zu schätzen. Freiberufliche Musikerkollegen sind dagegen wirklich verzweifelt. Aber die Nachbarn würden sich zur Unterhaltung Straßenmusik wünschen …“

Wie sag ich’s dem Kinde, wenn das Kind nicht dasitzt?

„Als absehbar war, dass die Schulen geschlossen würden, versuchten wir in kürzester Zeit, unsere Schüler*innen digital zu erreichen. Mebis konnte nur in der Oberstufe genutzt werden, weil nur die älteren Schüler*innen in der Lage waren, damit umzugehen. Unter- und Mittelstufe hatten ihre Zugänge nur theoretisch. Zwar wurden noch schnell Benutzernamen und Passwörter ausgegeben, für die Einarbeitung war leider keine Zeit mehr. Office 365 war prinzipiell auch vorhanden, konnte aber wegen Bedenken der Datenschützer nicht genutzt werden. So wurde ein System entwickelt, die Kinder per PDF-Dokument über das Elternportal zu kontaktieren.

Das mag hervorragend in Mathe, Deutsch und Fremdsprache klappen. Wie aber soll ein Schüler mit einem PDF-Dokument Musikunterricht erhalten? Dazu kam noch der kollegiale Hinweis, Musiker und Künstler hätten jetzt ja viel Zeit, während die „richtigen“ Lehrer mit Beschulung und Elterngesprächen bis an den Rand der Erschöpfung zu arbeiten hätten. – Hatte ich das richtig verstanden?

Das, was sich normalerweise eher subtil zeigt, wenn die einzige Musikstunde der Woche am Donnerstag in der 9. Stunde stattfindet, brach sich jetzt mit aller Grausamkeit Bahn. Kernfächer sind „systemrelevant“, Musik, Kunst und Sport verzichtbar! NEIN! Also her mit der Idee, raus mit dem Camcorder und YouTube-Videos basteln. Etwas, das in unserer Gesellschaft ein Beruf sein kann, musste jetzt also in kürzester Zeit erlernt werden: Wie sag ich’s dem Kinde, wenn das Kind nicht dasitzt? Eine echte Herausforderung. Jedoch, so viel sei gesagt, die vielen positiven Rückmeldungen von Schülern und deren Eltern, die äußerst dankbar waren für eine künstlerisch-kreative Unterrichtseinheit zwischen den PDFs, waren sehr motivierend. Augenscheinlich ist Musik doch systemrelevant!“

Geduld!

„Freitag, der 13. (März). Hektik. Noch einmal sehe ich die Schüler*innen analog. Seit gestern die Info der Schulleiterin: 3 Wochen digitaler Unterricht bis Ostern. Meist per Mail, da außer Mebis und Jitsi keine digitale Plattform zum Austausch da. Und: nur in Hauptfächern. Musik als „Nebenfach“ schweigt mit Aufgaben. Geduld! Trotz Hauptfach-Vorrang halte ich Kontakt mit der Schulgemeinschaft über tägliche Musikhör-Tipps, zunächst selbst verfasst, später klinkt sich der Musikkurs Q12 mit ein, immerhin ein kreativer Input für die Schulgemeinschaft. Nur: Was wird mit meinen Jazz-Bands? Dem Schulkonzert? Abgesagt. Proben? Geht nicht. Digitale Band-Proben? Scheitern an der Technik. Anfängliches Vernetzen und Onlineunterricht, v.a. für Q11-Musikkurs, über Zoom geht bald datenschutzrechtlich nicht mehr. Microsoft Teams? Nur in Corona-Zeiten erlaubt, soll nach Ostern installiert werden, zunächst für Q11. Geduld! Die Schulleitung gibt ihr Bestes!

Nach Ostern: Musikunterricht startet. Es fehlt eine digitale Plattform zum Austausch. Mebis? Bis heute schwerfällig, überlastet. Digitaler Unterricht für meine 9 Klassen? Läuft über Mail (pdf, YouTube). Zeitraubende Suche nach anregenden Apps/Internetseiten. Freu mich stets über Support (technisch/rechtlich/inhaltlich). Klar ist: Keine Live-Auftritte mehr im Sommer. Frust. „Probenarbeit für die Katz“? Idee: Ton- und Videoaufnahmen der Ensembles, wenigstens für die Q12 …Wann? Wo? Wie? …Warten ……… Geduld!“

Corona-Krise auch als ­Krise des Musikunterrichts

„Aufgaben für das Lernen zuhause dürfen wir Musiklehrkräfte den Schüler*innen bereitstellen, eine verbindliche Bearbeitung soll allerdings nicht verlangt werden – selbst an einer Seminarschule für Musik. Video­konferenzen, in Prüfungsfächern ausdrücklich erwünscht, sollen in Nebenfächern die Ausnahme bleiben. So konzipiert der eine Teil der Musikfachschaft eifrig und mit hohem Einsatz, oft in Fachsitzungen gemeinsam, Online-Aufgaben und Materialien sowohl für den Klassen- als auch Wahlunterricht. Der andere Teil arbeitet durch den erhöhten Vorbereitungsaufwand des „Homeschooling“ in einem Prüfungsfach bereits am Kräftelimit. Andere Kollegen wiederum sehen durch die Kann-Bestimmung die „Kosten-Nutzen-Rechnung“ in einer deutlichen Schieflage zu ihren Ungunsten. Auch Vorwürfe von Eltern lassen so manchen Musiklehrer durchaus an seiner Daseinsberechtigung zweifeln: Sie und ihre Kinder seien teilweise schon an der Belastungsgrenze und nun verlange auch noch das Nichtvorrückungsfach Musik die Bearbeitung von Aufgaben. Umso schöner und motivierender sind deswegen Rückmeldungen von Schüler*innen, in denen sie durch Aufnahmen, Fotos oder einen simplen Smiley zeigen, dass sie das Fach Musik durchaus schätzen.

Leider findet Musik auch im allmählich zurückkehrenden Präsenzunterricht nach Ostern keinen festen Platz. Prüfungsfächer kommen selbstverständlich an erster Stelle, danach die anderen Vorrückungsfächer und dann – ja, dann ist das vorgesehene Stundenmaß ausgereizt. Sollte eine Vertretung anfallen, kämen die Musiker gerne zum Zug. Das heißt also, auf Vorrat Unterrichtseinheiten vorbereiten und hoffen, dass diese doch noch irgendwann einmal in diesem Schuljahr im Face-to-Face-Unterricht ad hoc zum Einsatz kommen. Ach ja, und das Stundendeputat für den Wahlunterricht wird im kommenden Schuljahr wohl für den Förderunterricht in einem Prüfungsfach benötigt …“

Wie soll es weitergehen?

„Das Probenverbot für Bläser war wie ein Schlag ins Gesicht. Die sind gesund, die haben geübt, die wollen spielen! Und die mussten schon so viel Frust verarbeiten (kein Frühlingskonzert, kein Abi-Konzert, Absage des Abi-Balls, die ganze Ungewissheit über Wochen…). Deswegen wollte ich ihnen wenigstens das Gefühl geben, alles Mögliche für sie zu tun, auch wenn meine Möglichkeiten sehr begrenzt sind. Unser Schulleiter hat sogar in München angerufen, das Thema war aber vor allem, die Prüfungen möglichst weit nach hinten zu schieben (wohl vor allem, um Klagen zu vermeiden). Allerdings geht das ja nur begrenzt. Die Schüler wollen die praktische Prüfung unbedingt vor dem schriftlichen Abitur erledigt haben, um den Kopf frei zu haben. Verständlich.

Ich habe auch bei Kollegen herumgefragt. Bisheriges Fazit: Jeder hat zwar unterschiedliche, aber doch auch wieder ähnliche Probleme. Ein riesengroßer Unterschied dürfte momentan der zwischen Kernfach und Nebenfach sein. An einer Schule heißt es vom Fachleiter „Bitte Online-Instrumentalunterricht geben“, am nächsten Tag verbietet der Chef genau dieses aus Datenschutzgründen.

Natürlich ist das alles extrem schwierig, eine nie da gewesene Situation, täglich neue Informationen, manche News von gestern sind heute schon überholt. Ansonsten: Wir bekommen an der Schule seit knapp zwei Wochen kostenlos Office 365 zur Verfügung gestellt und arbeiten mit Teams, was ich gar nicht schlecht finde. Es gibt dort ein virtuelles Lehrerzimmer, in dem reger Austausch stattfindet. Wenn man eine Frage stellt, bekommt man schnell eine Antwort oder einen Link zu einem entsprechenden Tutorial.

Problem für uns musische Gymnasien: Wie soll der Instrumentalunterricht fortgeführt werden? Wir haben dazu bis jetzt (Anfang/Mitte Mai) keinerlei Informationen bekommen, etwas mehr Richtlinien oder Empfehlungen täten durchaus gut. Als abzusehen war, dass es nicht bei drei Wochen Lockdown bleibt, versuchte ich, meine Instrumental-Fachschaft in Richtung Video-Unterricht zu motivieren.

Wir haben ein relativ „altes“ Musikkollegium, manche Instrumentallehrer sind völlig abgetaucht, manche nur telefonisch erreichbar, wieder andere halten alle Stunden per Videokonferenz. Manche Schüler kämpfen jedoch genauso mit der digitalen Technik wie unsereins, in der Ausstattung wie auch im Know-how. Die Schere geht überall weit auseinander.“

Ensemblearbeit in Zukunft nur noch im Ausnahmefall?

„Da wir in an der Schule ein Herbstseminar haben, ist in diesem Schuljahr nicht alles ganz so problematisch. Die mündlichen Prüfungen können so abgehalten werden wie geplant, auch wenn sie mit dem Kolloquium des Abiturs zeitlich kollidieren. Die erste beziehungsweise dritte Lehrprobe wird in Form eines Unterrichtsentwurfs mit Prüfungsgespräch abgehalten und bewertet; eine skurrile Situation, die aber im dritten Ausbildungsabschnitt nicht so gravierend ist, da das meiste schon passiert ist. Spannender sieht es für die Frühjahrsseminare aus, da hier faktisch noch kaum Unterrichtsversuche stattgefunden haben. Gravierend finde ich allerdings die Auswirkungen auf unser gesellschaftliches Leben. Mein Musikkollege schrieb mir neulich: „Chor und Bigband sind tot.“

Die derzeitige verfahrene Situation sowie die Möglichkeit, dass eine nächste Generation von Corona- oder Grippeviren ähnlich eingeschätzt wird wie die jetzige, lassen es nicht als abwegiges Szenario erscheinen, dass Ensemblearbeit mit Chören in Zukunft nur noch im Ausnahmefall stattfinden kann. Dies ließe sich beliebig ausweiten auf Sport-, Tanzveranstaltungen und Gastronomie. Keine schöne Vorstellung. Ich würde mir eine baldige Rückkehr zur Normalität wünschen, damit wir unser kulturelles Zusammenleben nicht verlernen.“

Zusammenstellung: Gabriele Puffer

 

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