Inklusive Musikpädagogik in der Diskussion

Das Thema Inklusion auf der Frankfurter Musikmesse 2015 und die Band „Vollgas“ der Musikschule Fürth


(nmz) -
Die Band „Vollgas“ der inklusiven Musikschule Fürth rockte bereits im Bayerischen Landtag oder auch im Deutschen Bundestag. Ihren jüngsten Auftritt hatte sie auf der Musikmesse Frankfurt am Stand von Deutschlandradio, Deutschem Musikrat und der neuen musikzeitung. Die Musikschule Fürth, die dieses Jahr ihr 30-jähriges Bestehen feiern kann, zählt zu den Pionieren einer inklusiven Musikpädagogik. Es war folglich kein Zufall, dass gerade „Vollgas“ ausgewählt wurde, um live in Frankfurt Ergebnisse inklusiver Musikschularbeit vorzustellen. Die nmz-Moderatorin Barbara Haack diskutierte im Rahmen dieses Auftritts über den aktuellen Stand der Inklusion im Sektor der Musikausbildung mit Irmgard Merkt, bis zu ihrer Emeritierung 2014 Inhaberin des Lehrstuhls Musikerziehung in Pädagogik und Rehabilitation an der Universität Dortmund, Uschi Dittus, Leiterin der Band „Vollgas“, und Daniela Holweg, stellvertretende Leiterin der Musikschule Fürth und Fachberaterin des Verbandes Bayerischer Sing- und Musikschulen (VBSM) für das Thema Musik und Menschen mit Behinderung. Mit der Ratifizierung der UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen im Jahr 2009 gilt das in Artikel 24 beschriebene Recht auf eine gemeinsame Beschulung aller Schüler in einer Regelschule auch in Deutschland. Die Europäische Union hat die Konvention im Dezember 2010 ratifiziert.
Ein Artikel von Barbara Haack

Barbara Haack: Uschi Dittus, wir haben gerade die Band Vollgas gehört, die – lange bevor das Wort Inklusion zum Modewort geworden ist – zusammen spielt und auftritt. Hervorgegangen ist die Band aus dem Projekt „Berufung Musiker“. Was verbirgt sich hinter diesem Namen?

Uschi Dittus: „Berufung Musiker“ ist ein Projekt der Musikschule Fürth in Zusammenarbeit mit der Lebenshilfe Fürth, genauer den Dambacher Werkstätten, in denen die Musiker, die hier spielen, arbeiten. Menschen mit Behinderung haben während ihrer Schulzeit Musikunterricht, aber sobald sie die Schule verlassen, sind sie oft für die Musik verloren. Dem wollten wir entgegenwirken und haben deshalb eine Band aus Mitarbeitern der Werkstatt gegründet, einige kannten wir schon aus ihrer Schulzeit. Das war 2009. Die Werkstatt ist da sehr kooperativ. Die Bandmitglieder kommen jeden Mittwoch von neun bis elf zur Probe. In der Zeit müssten sie eigentlich arbeiten, die Musikschule ist dann so eine Art Außenarbeitsplatz. Wenn wir mal unter der Woche Auftritte haben, dann kriegen sie auch mal ein paar Stunden frei.
Haack: Welchen Stellenwert hat Musik im Leben dieser jungen Menschen?

Dittus: Einen sehr hohen. Sie versuchen alles dafür möglich zu machen: Wenn wir zum Beispiel sagen, wir fahren wie jetzt am Wochenende auf die Musikmesse, dann werden auch mal private Termine verschoben.

Haack: Was ist an „Vollgas“ inklusiv?

Daniela Holweg: Das erste was offensichtlich inklusiv an dieser Band ist, ist, dass wir Menschen mit Behinderung sehen, aber auch Leute wie den Gitarristen Erik und die Sängerin Anna, die beide ein Gymnasium besuchen. Das ist schon mal ein inklusives Kriterium. Ein anderes ist die Entstehungsgeschichte von „Vollgas“: Sie ist ein Beispiel für „aufsuchende Bildungsarbeit“. Die Musikschule Fürth geht zu Menschen, die vielleicht von sich aus nicht zu uns in eine Musikschule finden würden. Außerdem ist es natürlich auch inklusiv, dass viele Menschen, Lehrer der Musikschule und betreuende Personen aus der Lebenshilfe-Werkstatt multiprofessionell zusammenwirken.

Haack: Irmgard Merkt, lange Zeit bevor dieses Thema in aller Munde war, haben Sie sich bereits damit beschäftigt. Seit 2009 gibt es die UN-Behindertenrechtskonvention. Seitdem wird überall von allen Politikern von Inklusion gesprochen. Ist das gut für Ihre Arbeit?

Irmgard Merkt: Auch wenn es zum Modewort geworden ist, der Begriff Inklusion muss jetzt mit neuen Inhalten gefüllt werden. Das finde ich gut. Aufgrund der UN-Behindertenrechtskonvention haben alle, die Inklusion gestalten wollen, eine stärkere Ausgangsposition als früher. Inklusion kann man allerdings nicht von oben verordnen, Inklusion muss sich gut anfühlen. Diejenigen, die wollen, haben nun mehr Möglichkeiten, die Gestaltung inklusiver Situationen einzufordern. Das ist der Vorteil dieser UN-Behindertenrechtskonvention.

Inklusion meint eigentlich den umfassenden Blick auf die Verschiedenheit der Menschen in einer Gesellschaft. Ein Wort, das in diesen Zusammenhang gehört, ist Diversität. Menschen aus unterschiedlichen Herkunftsländern, Menschen mit verschiedenen Kompetenzen und Interessen und in unserem Fall mit unterschiedlichen Zugangsweisen zur Musik, die werden in den Blick genommen und sollen auf eine ihnen angemessene Weise gefördert und respektiert werden.

Haack: Gibt es Grenzen in der Arbeit mit Menschen mit Behinderung?

Merkt: Natürlich gibt es Grenzen, denn nicht jeder Mensch lernt alles. Ich würde zum Beispiel niemanden, der nicht tonrein singen kann, zum Opernsänger ausbilden wollen, auch wenn das dessen größter Wunsch wäre. So etwas ergibt aber auch sonst im Leben keinen Sinn, das ist ja keine Frage von Behinderung. In der Öffentlichkeit soll man allerdings grundsätzlich zeigen, was Menschen können, und nicht, was sie nicht können. Deswegen ist es wichtig, dass wir Projekte entwickeln, in denen das Zusammenwirken von Profis und Lernenden auf verschiedenen Ebenen präsentiert wird. Die Kriterien, die wir an die Fähigkeiten von Menschen im ganz normalen Kulturleben ansetzen, die setzen wir auch an Menschen mit Behinderung an.

Haack: Wie kann ich als Musiklehrer erkennen, was ich fordern darf, bis wohin ich gehen kann?

Holweg: Es ist oftmals so, dass die Menschen mit Behinderung mehr leisten können, als man als Lehrer zunächst erwarten würde. Deswegen haben wir eine Methode entwickelt, in der wir versuchen, unterschiedliche Bausteine, unterschiedliche Gesetzmäßigkeiten, Regeln der Musik ganz grundsätzlich offen zu legen, um so dem Schüler die Möglichkeiten zu geben, selbst zu differenzieren.

Haack: Frau Dittus, wie sind Sie im Rahmen Ihrer Ausbildung auf diese Arbeit vorbereitet worden?

Dittus: Ich habe Musik studiert und dann in Remscheid den berufsbegleitenden Lehrgang „BLIMBAM“ belegt, abgekürzt für „Lehrgang Instrumentalspiel für Menschen mit Behinderung an Musikschulen“. Das ist ein zweijähriger, berufsbegleitender Lehrgang, für Musikschullehrer. Dort habe ich gelernt, mit vielen verschiedenen Situationen umzugehen und verschiedene Methoden kennengelernt. Im Anschluss an den Lehrgang wurde mir dann angetragen, „Vollgas“ zu übernehmen, also quasi gleich ins kalte Wasser zu springen. Aber das war ein super Sprung, wie man hier auf dieser Bühne hören kann.

Haack: In Ihrem Hochschulstudium haben Sie nichts über Inklusion gelernt. Wie sieht das heute aus? Wo kann man sich heute als Musikpädagoge in diesem speziellen Bereich ausbilden lassen?

Merkt: Bisher konnte man das an zwei lehrerausbildenden Institutionen: einmal an der Pädagogischen Hochschule in Ludwigsburg bei Professor Elisabeth Braun. Und einmal an der TU-Dortmund in der Fakultät Rehabilitationswissenschaften. Die Professuren werden zukünftig nicht mehr mit Musik besetzt. Angesichts der UN-Behindertenrechtskonvention ist das natürlich ein Treppenwitz der Geschichte, gerade die Lehrstühle umzuwidmen  oder nicht mehr zu besetzen, die das Feld aufgebaut haben. Das ist aber nur ein Klagelied. Die große Klagemauer ist die, dass die Musikhochschulen sich nicht verantwortlich fühlen für inklusive Arbeit. Da müssen wir jetzt einfach politisch tätig werden und nicht nachlassen, über den Deutschen Musikrat oder die nmz immer wieder darauf zu verweisen, dass die Ausbildungsstätten eine neue Aufgabe haben. Der Artikel 30 der UN-Behindertenrechtskonvention sagt: Menschen mit Behinderung haben das Recht ihr künstlerisches und kreatives Potenzial zu entfalten. Das ist der erste Text mit Gesetzescharakter, der eine solche Aussage macht. Der Auftrag an die Gesellschaft ist es jetzt, geeignete Maßnahmen zu treffen, die die Entfaltung dieses Potentials ermöglichen.

Holweg: Wenn ich kurz unterstützen darf: Es ist ein Wesensmerkmal von Inklusion, dass die ganze Gesellschaft sich bewegt. Wir alle sind dafür zuständig, dass jedem Menschen die kulturelle Teilhabe ermöglicht wird. Deswegen müssen auch die Musikhochschulen dringend ihre Hausaufgaben machen.

Haack: Wie wichtig ist das Thema Qualität in Ihrer Arbeit?

Holweg: Es geht natürlich um Können, es geht natürlich um Leistung, es geht um Kontinuität, es geht um Nachhaltigkeit. Es gelten die gleichen Regeln, wie in jedem Lernprozess. Keiner möchte Musik hören, die nicht schön klingt. Inklusion meint alles andere als Mitleid oder Mildtätigkeit. Können ist der Schlüssel zu Akzeptanz in der Gesellschaft.

Merkt: Dem kann ich nur zustimmen. Der sogenannte „Behindertenbonus“, der bisher viel zu oft in Anspruch genommen wurde, lautete so: „Es klingt zwar schrecklich, aber ich klatsche trotzdem, weil ich sehe, wie sehr sich die Menschen auf der Bühne freuen.“ Natürlich sollen sie sich freuen, das ist nicht die Frage. Aber schlechte Musik ist keine gute Grundlage für Inklusion.

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