Kommentar

Bundespräsident Gauck ist mit Thema „Freiheit & Verantwortung“ unser „Verbündeter im Geiste“


(nmz) -
„Auf einen Joachim Gauck als Bundespräsidenten können wir Tonkünstler uns freuen […]"
Ein Artikel von Anno Blissenbach

Die neue Rubrik „KOMMENTAR” im DTKV-Buch der nmz schafft Raum für Meinung und rundet damit das verbreiterte Spektrum des neuen nmz-Auftritts ab. In loser Folge werden DTKV-Mitglieder zu aktuellen musikpolitisch relevanten Themen Stellung beziehen. Den Anfang macht der Redakteur dieser Acht-Länder-Seite und Präsident des DTKV-Brandenburg, Anno Blissenbach.

 

Der am 18. März 2012 neu gewählte Bundespräsident, Joachim Gauck, führt die 1988 durch Bundespräsident Richard von Weizsäcker begründete Tradition der „Benefizkonzerte des Bundespräsidenten“ fort. So lädt er für den 10. Juni 2012 in die Semper-oper nach Dresden ein. Die Staatskapelle Dresden spielt unter Leitung von Christian Thielemann die 8. Sinfonie von Anton Bruckner, im Anschluss wird es einen Empfang geben. Mit der reihum in allen Bundesländern stattfindenden Konzertreihe würdigt der Bundespräsident die reiche Orchesterlandschaft Deutschlands mit ihrer jeweiligen Geschichte, Prägung und ihrem besonderen Charakter.

Nicht nehmen ließ es sich Joachim Gauck, am 20. März 2012 – also zwei Tage nach seiner Wahl zum Bundespräsidenten und drei Tage vor seiner Vereidigung – den weltbekannten Thomaner-Chor in Leipzig anlässlich dessen 800-Jahr-Feier zu besuchen. Von Leipzig und dem Umfeld der Thomaskirche war die friedliche Revolution in der DDR ausgegangen, die 1989 zum Mauerfall und 1990 zur Wiedervereinigung Deutschlands führte.
Zu diesem Start der Amtsperiode des elften Bundespräsidenten, welcher in die Zeit der Prekariats-Debatte um Musikschul- und Musikhochschul-Lehrkräfte fällt, hier der Kommentar von Anno Blissenbach:
„Auf einen Joachim Gauck als Bundespräsidenten können wir Tonkünstler uns freuen: nicht nur, weil Joachim Gauck gleich zu Beginn seiner Amtszeit mit dem Besuch beim Thomaner-Chor und der Fortführung der Benefizkonzerte klare musikpolitische Zeichen gesetzt hat, sondern auch, weil er mit seinem zentralen Thema: ‚Freiheit und Verantwortung‘ unser Verbündeter im Geiste ist: Ob wir zum Beispiel Ludwig van Beethoven oder Franz Liszt nehmen – deren Freiheitswille war stets ungebrochen. Und was beide ebenfalls mit uns heutigen Tonkünstlern verbindet, ist der hohe ethische Anspruch, aus welchem Verantwortung erwächst. So wie Franz Liszt aus diesem Verantwortungsgefühl heraus mit dem ‚Allgemeinen Deutschen Musikverein‘ den Vorläuferverband unseres DTKV gegründet hat, so spüren heute auch wir in unseren Herzen die ethische Pflicht, Verantwortung zu übernehmen – zum Beispiel gesellschaftliche Verantwortung als Funktionsträger des DTKV. Umso schmerzlicher ist für uns die Erfahrung, wie unverantwortlich im Gegenzug die Gesellschaft in weiten Teilen mit unserem Berufsstand umgeht.
Dass zum Beispiel der Staat hoch qualifizierte Lehrkräfte an Musikschulen und Musikhochschulen trotz akademischer Abschlüsse prekär beschäftigt, statt sie mit Tariflöhnen fest anzustellen, entspricht nicht der Ethik, die unser Berufsstand vorlebt. Dass das, was diese Lehrkräfte unserer Gesellschaft geben, dem Staat lediglich wert ist, sie als Tagelöhner zu behandeln – teils mit Honorarsätzen, wie für ungelernte Hilfskräfte – und sie in Altersarmut zu schicken, sorgt für Bitterkeit bis hin zu Resignation. Dass der Staat sogar selbst erlassene Regeln – namentlich das Scheinselbstständigkeitsgesetz – trickreich umgeht, statt es auf die von ihm prekär beschäftigten Lehrkräfte anzuwenden, lässt viele dieser Lehrkräfte an unserem Gemeinwesen, unserem Staat zweifeln, ja verzweifeln.
Doch seit dem 18. März 2012 können solche Lehrkräfte wieder Mut fassen: Denn nun haben wir an der Spitze unseres Staates einen Verbündeten im Geiste. Einen, der Recht Recht nennt und Unrecht Unrecht. Und da dessen Stimme gehört wird, können wir zuversichtlich sein, dass auch wir bald gehört werden: Unter einem Staatsoberhaupt Joachim Gauck wird staatlich verübtes Unrecht auf Dauer nicht geduldet werden können. ‚Was vielen abhandengekommen ist, das ist die Haltung: So etwas tut man nicht.‘ sagte Bundespräsident Horst Köhler 2009 in seiner ‚Berliner Rede‘. Dass dies insbesondere auch für den Staat und dessen Beamte in den öffentlichen Verwaltungen zu gelten hat – wer sollte glaubwürdiger hierüber wachen können, als Bundespräsident Joachim Gauck? Herzlichen Glückwunsch zu dieser Wahl!“
  

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