Künstler, Urheberrechte und das Internet

Eine Bestandsaufnahme


(nmz) -
Die wirtschaftliche Lage der freiberuflichen Künstler ist wirklich prekär. Wahr ist: Reale Existenzangst geht unter Künstlern um und dergleichen ist leicht zu instrumentalisieren. Deshalb gibt es immer mehr Institutionen, die die Urheberrechte schützen, es wird an Gesetzen und Gesetzesvorschlägen gebastelt, und immer mal wieder werden Prozesse gegen Youtube oder eine andere Plattform geführt oder Raubkopierer vom Markt genommen.
Ein Artikel von Walter Thomas Heyn

Künstler scheinen wichtig zu sein und alle sorgen sich um sie. Vor allem das Internet bietet sich als Spielwiese an. Es wäre zuerst zu klären, von wem die Rede ist, wenn in der öffentlichen Diskussion „Künstler“ erwähnt werden. 400.000 Menschen in Deutschland sind in irgendeiner Form mit Kunst beschäftig. Drei Viertel davon sind Hobbykünstler, sie singen im Chor, spielen im Laienorchester oder Theater oder sind in der Malgruppe aktiv. Diese Gruppe freut sich, wenn jemand ihr Weihnachtskonzert im Gemeindezentrum gleich nebenan bei YouTube ansieht oder sich drei Fotos von der letzten Vernissage in der Stadtteilkirche herunterlädt. Zu dieser Gruppe zählen auch die Menschen, die mal Kunst studiert haben, aber keine Existenz darauf gründen konnten. Auch diese Menschen freuen sich über jede Art von Aufmerksamkeit. Für sie ist das Internet Werbung für ihre Erzeugnisse. An Geld denken sie nur bei der Steuererklärung.

Von den verbleibenden 100.000 Menschen ist knapp die Hälfte an Theatern, Orchestern, Musikschulen, Volkshochschulen, Verlagen, Medienanstalten et cetera fest angestellt oder arbeitet als Lehrer oder Ausbilder. Der Rest schlägt sich als Freiberufler durch und teilt das Schicksal am freien Markt mit Fotografen, Webdesignern, Dokumentarfilmern, IT-Spezialisten, Spiele-Entwicklern, freien Journalisten, Dramaturgen, Lektoren, Architekten, Steuerberatern, Netzwerkspezialisten, Juristen und so fort. Höchstens jeder Zehnte davon ist Autor im Sinne des Urheberrechts. Wir reden von etwa 5.000 Leuten, die Mehrheit sind Schriftsteller oder Musikautoren. Von denen nun wiederum ist nur ein Bruchteil im Netz präsent, und nur diejenigen, die ein Produkt haben, was die bösen Nerds auch wirklich haben wollen, sind möglicherweise bedroht.

Wir reden letzten Endes von Pop- Musik und Filmen, von Kunst sicherlich, aber auch von Produkten, die von vornherein für die kommerzielle Auswertung konzipiert und produziert worden ist. Dahinter stehen die knallharten Verwertungs- und Vermarktungsinteressen der Medienindustrie. Und die ist zunehmend in der Lage, ihre Interessen und die Interessen ihrer Künstler zu schützen. Aber auch die Noten für die klassische Musik, obwohl längst frei und amortisiert, sind immer schwerer „for free“ im Netz zu finden.

Wenn ein Verlag für den Verkauf eines Heftes mit Klassik Geld verlangt, dann ist das in Ordnung. Der Verlag hat die Druckkosten, den Buchbinder, das Lektorat und so weiter zu bezahlen und muss sich gegenfinanzieren. Aber die kleinen virtuellen Notenläden im Internet, die schlechte PDFs von uralten Breitkopf-Noten oder „Bearbeitungen“ aller Art in leichtverdaulichen Häppchen für Geld anbieten, da wird es schon knapp mit meinem Verständnis.

Jüngstes unschönes Beispiel ist die bekannte Plattform ISMLP, auf der viele tausend Werke von hunderten Komponisten im PDF-Format für die ganze Welt kostenlos zugänglich gemacht wurden. Tausende von Orchestermusikern, Komponisten und Bearbeitern scannen ihre Noten und stellen sie ein. Jetzt, nach zehn Jahren hat ISMLP einen Membership-Plan aufgestellt, und verkauft die Arbeit von tausenden Ehrenamtlichen gegen Geld. Die Mitgliedschaft kostet nur 20 Dollar im Jahr, und ich werde dieses Abo zähneknirschend abschließen, aber toll finde ich das nicht. In einer späteren Ausgabe folgt dazu mehr.

Das Hauptproblem für alle Musikautoren ist aber, dass alle Erträge der relevanten Verwertungsgesellschaften immer weiter sinken, obwohl die Bilanzen der Verwertungsgesellschaften immer größere Summen ausweisen. Die VG Wort beispielsweise zahlte bis vor zirka zehn Jahren Vergütungen für Wortbeiträge, Artikel in Zeitungen, Rundfunkbeiträge, Sportberichte und so weiter. Das war vor allem für Journalisten ein hübsches 13. Monatsgehalt. Jede Sekretärin im Radio war angewiesen, jede Sendesekunde zu erfassen und zu melden. Heute zahlt die VG Wort immer noch Gelder für die gleichen Sparten aus, es sind mittlerweile um die zehn Prozent der ursprünglichen Summen. Ein Verlust von 90 Prozent für die Betroffenen. Die GEMA, die Verwertungsgesellschaft, die die Komponisten vertritt, hat durch Einführung des sogenannten „Pro-Verfahrens“ (ein mathematisches Hochrechnungsmodell) in den letzten zehn Jahren allen kleinen Bands, Jazz-Combos, Liedermachern (also den Vertretern der „U-Musik“) einen Einnahmeverlust von über 80 Prozent zugefügt. Die Einsprüche und Klagen hatten letzten Endes Erfolg, das von der GEMA kreierte Nachfolgemodell „INKA“ kam auf den Markt. Genaues kann man darüber noch nicht sagen. Die Einnahmen der „E-Musik“- Komponisten sind im gleichen Zeitraum um 40 Prozent gesunken, die der E-Musik- Verlage ebenfalls. Und dieses Geld fehlt dann, um junge Autoren aufzubauen oder auch mal schwierigere Werke zu veröffentlichen.

Die GVL (Gesellschaft zur Verwertung von Leistungsschutzrechten), also eine Institution, die alle Musiker, Schauspieler, Opernsänger und so weiter vertritt, sofern diese NICHT Autoren sind, zahlte früher auch auf Studiohonorare und Ähnliches eine Vergütung. Seit mehr als fünf Jahren passt die GVL ihre Verteilungspläne an europäische Gesetze an und hat zwischendurch sicherheitshalber kaum etwas angezahlt. Nun, im Jahre 2016, will die GVL die Auszahlung für 2014 ins Auge fassen, die dann sicher bis 2018 abgeschlossen sein wird. Nach Anpassung an die europäischen Gesetze ist die Auszahlung an Rundfunk- und Fernsehausstrahlungen gebunden – 95 Prozent der hiesigen Künstler bekommen in Zukunft also nahezu nichts mehr von dieser Gesellschaft, denn sie werden nicht gesendet. Dafür gehen jetzt stattliche Millionenbeträge über den großen Teich. Die GVL erwartet „erhebliche Rückflüsse aus dem Ausland“. Selten so gelacht.

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