Musikschule – Bildung mit Zukunft

Auf dem Mainzer Musikschulkongress wurden zentrale Fragen der Musikschularbeit diskutiert


(nmz) -
„Musikschule – Bildung mit Zukunft!“ Mag der Titel, den der VdM seinem diesjährigen Musikschulkongress voranstellt, zunächst sehr allgemein gehalten wirken, so machten die Kongresstage vom 20. bis 22. Mai in Mainz deutlich, dass hier Begriffe von derzeit zentraler Bedeutung für die Diskussion der Musikschularbeit zueinander in Bezug gestellt wurden. Allein die Fokussierung der großen Plenumsvorträge und -ansprachen auf diese Überschrift zeigten, dass das Kongressmotto tief in die Wirklichkeit des Musikschulalltags, aber eben auch in die zukünftige Entwicklung hineinreicht. Nicht zuletzt die großen Fragen, die zunehmenden Kooperationen zwischen Musikschulen und anderen Bildungsinstitutionen wie Schulen, Kitas oder Kindergärten aufwerfen, verbergen sich hinter dem Kongresstitel – und man begegnete ihnen in allen Diskussionen, sei es in der Arbeitsgruppe, im Themen-Forum oder auch im oft beschworenen „Kaffeepausengespräch“.
Ein Artikel von N.N.

G 8 und Ganztagsschule sind Entwicklungen, die derzeit die Musikschularbeit, ihre Strukturen, aber auch ihre Inhalte massiv beeinflussen. Natürlich versucht der VdM nicht, das Rad zurückzudrehen und den Nachmittagsunterricht an den allgemeinbildenden Schulen wieder abzuschaffen. Allerdings erhebt der Verband eindeutige Forderungen nach einer angemessenen, pädagogisch und künstlerisch sinnvollen Einbeziehung des Musikschulunterrichts in die neuen schulischen Strukturen. In der von der Bundesversammlung des VdM einstimmig verabschiedeten „Mainzer Erklärung“ sind diese Forderungen klar formuliert: „Die Schulzeitverdichtung darf musikalische Entfaltung nicht verhindern – Musikalische Bildung braucht Zeiten und Räume in der Schule!“ Verlangt werden Rahmenbedingungen, die einen Instrumental- oder Gesangsunterricht sowie ausreichende Übezeiten ermöglichen. „Konkret müssen geeignete Rahmenbedingungen – in zeitlicher wie räumlicher Hinsicht – für die musikalischen Bildungsangebote der öffentlichen Musikschulen auch in den Räumen der allgemein bildenden Schulen und im Bereich der Kooperation mit allen Schulformen geschaffen werden. Vor dem Hintergrund der Entwicklung kommunaler Bildungslandschaften und der sich verändernden schulischen Strukturen müssen die öffentlichen Musikschulen durch wirksame ordnungspolitische und infrastrukturelle Maßnahmen in ihrem Engagement durch eine verantwortungsvolle Schul- und Bildungspolitik gestärkt werden.“ In vielen Kooperationsmodellen haben Musikschulen in den vergangenen Jahren Pionierarbeit geleistet. Das Zusammenrücken darf aber nicht zu Engpässen führen, die den Musikschulunterricht beschränken, fordern die Musikschulvertreter. Das betrifft im Übrigen nicht nur das Zeitkontingent der Schüler, sondern auch das Raumangebot in den allgemeinbildenden Schulen für den Musikschulunterricht. Dass die in der „Mainzer Erklärung“ angesprochenen Themen auch gesamtgesellschaftspolitisch brisant sind, zeigte das Medieninteresse an der „Mainzer Erklärung“ und an den zentralen Themen des Kongresses.

Ministerpräsident Kurt Beck ging in seiner Eröffnungsrede ebenfalls auf die Schulzeitverdichtung ein. Mit Hinweis auf die Tatsache, dass in Rheinland-Pfalz nur in besonderen Fällen G8-Gymnasien realisiert wurden, erklärte Beck seine Sorge, dass mit der Verkürzung der Schulzeit „die zeitliche Luft und die Kraft“ leiden, „die soziale und kulturelle Dimension in der Erziehung und auch im Leben des Menschen ausreichend auszubilden“. Der Wunsch, möglichst früh ins Berufsleben einsteigen zu können, müsse ausbalanciert werden mit Fragestellungen wie: „Wie befähigen wir junge Menschen dazu, die Bestimmenden in einer freiheitlichen Gesellschaft zu sein und sich nicht fremdbestimmen zu lassen?“ „Menschen sind mehr als eine Ansammlung von Wissen, das aus ökonomischen Gründen eingesetzt wird. Deshalb gehört die soziale und die kulturelle Dimension zur menschlichen Natur und zu unserer Gesellschaft unverzichtbar dazu“, so Beck.

Zwei nach Österreich „ausgewanderte“ ehemalige Musikschulleiter beleuchteten aus jeweils unterschiedlicher Perspektive das Thema „Musikschule – Bildung mit Zukunft!“ Und beide hatten ihrerseits Anmerkungen zu „JeKi“ und den Folgeprojekten im Gepäck. Reinhart von Gutzeit, 16 Jahre lang Musikschulleiter in Bochum und heute Rektor einer der renommiertesten Musikuniversitäten der Welt, dem Salzburger Mozarteum, ermunterte Musikschulen wie Verbandsvertreter zu selbstbewusstem Einfordern angemessener Finanzmittel. „Wir wissen, dass viel Geld in die Hand genommen wird, unter anderem um teure Rettungsschirme verschiedener Art zu spannen“, sagte Gutzeit. „Ich will das nicht kritisieren, aber was bitte ist mit dem Rettungsschirm für die bedrohte Bildung?“ Und er verwies auf die Verantwortung für die kommenden Generationen: „Wir haben auf ihre Kosten gelebt und Ressourcen verbraucht, als gäbe es kein Morgen. Jetzt können wir ihnen nicht auch noch vorenthalten, was ihre Chancen sein könnten, dennoch die Zukunft zu gestalten: nämlich eine gute Bildung.“ (Gutzeit nannte im Zusammenhang mit Schule und Musikschule drei Grundbegriffe: den Unterricht, der das Erlernen von Fertigkeiten, Fähigkeiten, Kenntnissen und Einsichten beinhalte; die Erziehung, bei der es um Liebe zur Musik und Freude am musikalischen Tun gehe sowie um „viele Eigenschaften, die nach unserer Überzeugung nicht nur auf dem Feld der Musik positive Wirkungen erzeugen: Ausdrucksfähigkeit, Engagement, Sensibilität“; sowie die Bildung, die letztendlich ein „System von Wertvorstellungen oder, ganz hochgestochen formuliert, ein Weltverständnis“ zum Ziel habe. Diese Begriffe seien „Leitsterne“ der Musikschularbeit, die – auch wenn sie nicht in Gänze erreicht werden können – doch den pädagogischen Kurs bestimmen müssten.)

Gutzeit ging auch auf das Thema der Kooperation zwischen Musikschule und allgemeinbildender Schule ein. Die Vorstellung, dass die musikalische Bildung im Kern eine Aufgabe des schulischen Musikunterrichts sei und der Musikschule der Part der Ausbildung am Instrument zufalle, sei ein oberflächliches und unzureichendes Bild. Die Zusammenarbeit dürfe nicht in der Weise gestaltet werden, „dass die Musikschule eine ihrer Kernkompetenzen, einen auf Breite angelegten Instrumentalunterricht in diese Partnerschaft einbringt, aber dabei mangels Personals, mangels Geldes, mangels Kraft eine andere ihrer Kernkompetenzen aus den Augen verliert, die Weiterführung aus einem schon im Nukleus künstlerisch angelegten Anfangsunterricht zu anspruchsvolleren Ebenen bis zu der komplexer Kunstwerke“.

Peter Röbke, früher Musikschulleiter in Berlin, heute Leiter des Instituts für Musikpädagogik (IMP) an der Universität für Musik und Darstellende Kunst Wien, zeigte eine historische Pendelbewegung des Unterrichts an Musikschulen auf: zwischen der Konzentration auf die Berufsvorbereitung und der Hinwendung auf das gemeinschaftliche Musizieren, die sich zum Beispiel in der Wandervogel- und der Jugendmusikbewegung der 1920er-Jahre manifestierte. Die heutige Tendenz zu „JeKi“ & Co sei aber nicht als einfache Rückbewegung des Pendels zu verstehen, so Röbke. Vielmehr beschrieb er ein Ypsilon in der heutigen Musikschularbeit: mit einem breiten Zweig der Arbeit mit Liebhabern und Laien und einem schmalen Zweig der berufsvorbereitenden Ausbildung. Im Rahmen der Kooperationen zwischen Musikschulen und Schulen rief Röbke die Musikschullehrer auf, ihre beruflichen Spezifika beizubehalten: zum Beispiel die instrumentalpädagogische und interpretatorische Kernkompetenz und den hohen künstlerischen Anspruch an das eigene Musizieren. Gleichzeitig beschwor er die Lehrkräfte, die Chancen und Lern­effekte aus diesen Kooperationen zu nutzen.

Beide Vortragenden wollten die derzeitigen Modelle im Übrigen nicht auf Kinder und Jugendliche begrenzen. So fielen Begriffe wie „Jedem Erwachsenen ein Instrument“ oder „Jedem Menschen ein Instrument“, die auf die zunehmende „Musikalisierung“ auch von Erwachsenen hindeuten: ein Zweig der Musikschularbeit, der sich in den nächsten Jahren noch ausdehnen wird. Davon zeugten auch einige der zahlreichen Fortbildungsveranstaltungen, die das Kongressprogramm bot.

Darüber hinaus wurden – in eher praktischen oder auch mehr theoretischen – Veranstaltungen erfolgreiche Unterrichtsmodelle, inhaltlich-stilis­tische Innovationen, die Arbeit mit neuen Zielgruppen, die Themen Integration und Inklusion und der Umgang der Musikschulen mit den neuen Medien sowie mit dem Thema Web 2.0 oder digitalen Noten-Downloads aufgezeigt. Die rund 1.500 Kongressbesucher kamen hier auf jeden Fall auf ihre Kosten. In den Pausen nutzten sie ausgiebig das Angebot der ausstellenden Verlage, Organisationen und Instrumentenhersteller. Mehr Aussteller als je zuvor verzeichnete der VdM – und diese zeigten sich durchweg zufrieden. Die Nähe zur Zielgruppe der Musikpädagogen ist für die Anbieter von gro­ßem Vorteil.

Erst in zwei Jahren lädt der VdM zum nächsten großen Musikschulkongress ein: Dann geht es ins fränkische Städtchen Bamberg. Das große Thema „Bildungskooperationen“ wird auch dort sicher wieder eine Rolle spielen. 

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