Unbequeme Komponisten

Neue Musik bei den Tagen der Musikwerkstatt in Siegburg


(nmz) -
Ihre „Visionen“ für Klavier sind sechs Klangbilder, die sich auf unterschiedliche Weise – bruchstückartig, virtuos und in freier Tonalität - mit den instrumentalen Möglichkeiten des Tasteninstruments beschäftigen. Mal liegt der Fokus auf der Dynamik, mal sind es Intervalle, mal der Rhythmus, der die „Visionen“ Ursula Keusen-Nickels beflügelt.
Ein Artikel von Susanne Haase-Mühlbauer

Gotthard Kladetzky brachte diese „Visionen“ im Rahmen der Tage der Musikwerkstatt am 16. März zur Uraufführung. Das 2013 komponierte Werk ist – wie auch die übrigen Programmpunkte der Matinée in der Musikwerkstatt – noch nicht gedruckt. Vorgetragen wurden die neuzeitlichen Schätze des Manuskriptearchivs allesamt nach den Ausdrucken, die die Komponisten heute bereits größtenteils nicht mehr handschriftlich, sondern zumindest in einem Notensatzprogramm vorlegen. Das erklärte Christian Ubber, der als Leiter der Musikwerkstatt das Raritätenkonzert eröffnete. Allerdings ist das Spiel aus den Notenvorlagen dennoch mitunter so fordernd, dass jeder der drei Instrumentalisten des „Cantabile“ für Violine, Violoncello und Klavier (1993) aus der Feder von Piotr Radko einen eigenen Umblätterer an seiner Seite benötigte. Ob das nun Radko, Keusen-Nickel, Friedward Blume, Dieter Goebel-Berggold oder Walter von Forster waren – die fünf Komponisten, mit denen das Sonntagskonzert bestritten wurden, sind allesamt nicht „bequem“. Sie unterliegen nicht dem Postulat der Melodie, auch die Abläufe des Tonsatzes sind nicht ohne Weiteres hörend erfassbar. Darin lag der besondere Anspruch des Konzerts, das eine so sinnvolle wie interessante Moderation durch die Interpreten selber erhielt. Wer hätte wohl sonst die Anklänge an die „Marseillaise“ und die deutsche Hymne erahnt, wenn nicht Gotthard Kladetzky auf das versteckte Zitat innerhalb der „Amitié sans Frontières“ von Dieter Goebel- Berggold hingewiesen hätte? Als hervorragender Pianist beeindruckte Kladetzky auch mit Goebel-Berggolds „Träumerei“ für Klavier.

Die Zusammenstellung des Programms ging auf Jost Nickel als künstlerischen Beauftragten des Manuskriptearchivs zurück. Er trat hier nicht allein als Interpret an der Querflöte ins Rampenlicht, sondern gab zugleich mit dem Werkstattkonzert einen Einblick in sein Aufgabenfeld als künstlerischer Beauftrater des Deutschen Tonkünstlerverbands (DTKV). Mit dem Siegburger Archiv hat der DTKV (neben seiner Hauptstelle in München und jetzt Passau) eine zentrale Anlaufstelle für Komponisten geschaffen, deren ungedruckte Werke hier künstlerisch betreut werden. Gut 2.000 Kompositionen befinden sich im Archiv an der Zeughausstraße. Hier sind sie der wissenschaftlichen Forschung zugängig und werden bei mindestens zwei Konzerten im Jahr einer interessierten Öffentlichkeit vorgestellt.

Im Rahmen der Tage der Musikwerkstatt hatte das Manuskriptekonzert daher eine zentrale Bedeutung. Der Neuen Musik sollte ein besonderes Augen- und Ohrenmerk gegeben werden, als 1999 aus Mitteln des Bonn-/Berlinausgleichs die Siegburger Musikwerkstatt gegründet wurde, die seit 2004 in den Räumen des Zeughauses beheimatet ist. Doch was wäre Musik, wenn man sie nicht auch klingend erleben dürfte? Jost Nickel (Flöte), Johanna Werdin-Mörbitz (Violine), Ursula Keusen-Nickel (Violoncello) und Gotthard Kladetzky (Klavier) waren die vier Interpreten, die sich den Ansprüchen der neuzeitlichen Werke – von der Solobesetzung bis zum Quartett – stellten und diese mit viel Sorgfalt und Einsatzfreude zum Klingen brachten.

Das könnte Sie auch interessieren: