unüberhörbar 2020/04

Empfehlungen von André, Dessau über Dinescu bis Händel.


(nmz) -
Mark Andre: Riss I–III. Ensemble Modern, Ingo Metzmacher +++ Paul Dessau: Chamber Music. Ensemble Avantgarde +++ Katharina Deserno: Suites & Roses. Werke für Violoncello solo von Violeta Dinescu und Johann Sebastian Bach +++ The Life. The Light. The Way. Händel – Sacred Arias. Franz Vitzthum, Countertenor; L’Orfeo Barockorchester, Julian Christoph Tölle
Ein Artikel von Adelheid Krause-Pichler, Hans-Dieter Grünefeld, Juan Martin Koch, Michael Kube

Mark Andre: Riss I–III. Ensemble Modern, Ingo Metzmacher. EM Medien

Ein Riss öffnet ein Ganzes, ohne es endgültig zu teilen oder gar zu zerstören. Fragil und doch bündig können solche spirituellen und konkreten Raumklang-Konstellationen sein, die der französische Komponist Mark Andre in seinem Tryptychon „Riss“ in extrem differenzierter Textur modelliert. Flüchtige, aber rhythmisch markierte Sounds, geflüstert, gehaucht, auch knisternd oder tappend, manchmal am Rand des Hörbaren, unterbrochen von schneidenden Brass-Signalen: Ingo Metzmacher und dem Ensemble Modern gelingt es, diese Gratwanderung zwischen vagen und bestimmten Signaturen bestens darzustellen. [Hans-Dieter Grünefeld]

Paul Dessau: Chamber Music. Ensemble Avantgarde. MDG

Wie so viele andere Komponisten seiner Generation ist auch Paul Dessau (1894–1979) mit seinem Schaffen nie auf dem Konzertpodium heimisch geworden – sowohl in den 1920er Jahren, während des Exils in Amerika, aber auch in den drei Jahrzehnten in der DDR. Dort erschien er wegen seiner Scores für Hollywood suspekt, im Westen hingegen als dem Politbüro ergebener Komponist. Das eigentliche Œuvre geriet dabei unter die Räder. Steffen Schleiermacher ist es wieder einmal zu verdanken, Unerhörtes hörbar zu machen – vom neusachlichen Concertino (1924) über die Saxophonsonate (1935), die knappen Klavierstücke bis hin zu den kantigen Sätzen für Violine und Klavier (1942). Alles Entdeckungen. [Michael Kube]

Katharina Deserno: Suites & Roses. Werke für Violoncello solo von Violeta Dinescu und Johann Sebastian Bach. Kaleidos

Die Werke Violeta Dinescus sind inspiriert durch die Zusammenarbeit mit Musikern, die sowohl ihre musikalische Ausdrucksform, als auch die dramaturgisch gestaltete grafische Partiturgestaltung verstehen und zu deuten wissen. Sie sind bekannt für das besondere und exzessive Darstellen von Ton- zu Klangentwicklung, für dynamisch überraschende, aber immer nachvollziehbare Prozesse, für Klangräume im solistisch-begrenzten Bereich, der durch rhythmische Prozesse erweitert wird. Katharina Deserno weiß die Dramaturgie der Komponistin in Kleine Suite“, „Sieben Rosen“ und „Abendandacht“ umzusetzen und eindrucksvoll zu interpretieren, vor allem in den Sätzen der Suite, in denen kurze Gesangseinlagen hinzukommen, die den Klangraum unendlich zu erweitern scheinen. Bachs Solo-Suiten Nr. 1 und 2 verweisen auf die harmonische Spannung, die einem einzelnen Ton innewohnt, und auf die seit hunderten von Jahren stets neue Herausforderung, klangvolle Solowerke zu kreieren. Eine CD mit Überraschungen und Erkenntnissen auf hohem Niveau. [Adelheid Krause-Pichler]

The Life. The Light. The Way. Händel – Sacred Arias. Franz Vitzthum, Countertenor; L’Orfeo Barockorchester, Julian Christoph Tölle. Christophorus

Magisch beginnt es schon einmal: Schwerelos erhebt sich Franz Vitz­thums Stimme über einer absteigenden Bassfigur, Franz Landlingers Trompete antwortet mit weicher Strahlkraft, beide verschlingen ineinander, die „unendliche Quelle des Lichts“ evozierend, von der die Arie aus der Geburtstagsode für Queen Anne so wunderbar kündet. Wie selbstverständlich schließt sich eine Nummer aus „Joshua“ an, und auch sonst überzeugt die Zusammenstellung und Abfolge in ihrer Balance aus getragenen und virtuos beschleunigten Arien mit eingeschobenen Instrumentalsätzen. Vitzthum erweist sich als gereifter Interpret, der souverän über alle Stimmfarben und Geläufigkeiten verfügt, der aber vor allem eine Art spirituelle Sinnlichkeit ins Spiel zu bringen vermag, exemplarisch in der harfenumspielten Arie aus „Saul“ und in der aus „Susanna“ zum Abschluss. Das L’Orfeo Barockorches­ter ist mit indidvidueller Klasse und kollektiver Geschmeidigkeit ebenbürtiger Teil dieses Händel-Höhenflugs. [Juan Martin Koch]

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