Von Zensur und Perestroika

Ein Abriss des spannungsreichen Verhältnisses von Musik und Politik in Russland


(nmz) -
In den vergangenen Wochen hat der Prozess gegen die russische Punkband Pussy Riot ein großes Medienecho ausgelöst. Tausende Leute auf der ganzen Welt haben gegen das Urteil bei diesem im Ausland umstrittenen und als politisch motiviert angesehenen Prozess protestiert. „Die Vereinigten Staaten sind über das Urteil enttäuscht, einschließlich der unverhältnismäßigen Strafen, die erteilt wurden“, ließ der amerikanische Präsident Barack Obama durch einen Sprecher des Weißen Hauses verlauten. Und auch deutsche Politiker wie die Bundeskanzlerin Angela Merkel oder Außenminister Guido Westerwelle kommentierten den Prozessverlauf kritisch.
Ein Artikel von Jürgen Scholz

Auch in den Kreisen der Rock- und Popmusiker fanden die drei verurteilten Musikerinnen von Pussy Riot prominente Unterstützung. „Ich will, dass ihr wisst: Ich hoffe sehr, dass die russischen Behörden das Prinzip der Redefreiheit für alle ihre Bürger respektieren und nicht glauben, euch für euren Protest bestrafen zu müssen“, hieß es in einem Schreiben, das auf Paul McCartneys Internetseite veröffentlicht wurde. Zuvor hatten bereits zahlreiche andere Musiker, wie Madonna oder die Red Hot Chili Peppers, Freiheit für die jungen Frauen gefordert.

Natürlich können die Durchführung, die künstlerische Qualität oder die politischen Ziele der Aktion, bei der Pussy Riot im Februar 2012 in der Moskauer Christ-Erlöser-Kathedrale zum Altar gestürmt und ein „Punk-Gebet“ gerufen hatten, um kurz vor der russischen Präsidentenwahl gegen Wladimir Putin und dessen Nähe zur mächtigen russisch-orthodoxen Kirche zu protes-tieren, ganz unterschiedlich betrachtet und bewertet werden. Doch hat die weltweite Solidarisierung auch viele Jugendliche wieder für die Thematik der Unterdrückung der künstlerischen Freiheit und der Bedeutung der Zensur sensibilisiert, zumal die Sängerin Nadeschda Tolokonnikowa von Pussy Riot das Verfahren mit den berüchtigten Schnellverfahren zur Zeit des sowjetischen Diktators Josef Stalin verglichen hat.

Guter Einstieg

Diese Sensibilisierung für die Thematik der Verbindungen von Kunst im gesellschaftlichen Kontext kann nun gut als Einstieg in Unterrichtseinheiten im Bereich „Musik und Politik“ in der Oberstufe des Gymnasiums hergenommen werden. Der nachstehende Beitrag ist aber kein ausgearbeitetes Unterrichtsmodell, sondern will lediglich Grundzüge der Entwicklung der Musik in der Sowjetunion beziehungsweise in Russland im letzten Jahrhundert aufzeigen. Besonders der Bereich der bei westlichen Jugendlichen meistens recht unbekannten Rockmusikszene Russlands kann dabei in Einzel- und Gruppenpräsentationen durch die Recherche im Internet recht gut selbst erarbeitet werden.

Den ersten wichtigen Meilenstein in der Beziehung der Künste zur 1922 gegründeten Sowjetunion bildete die 1932 vom Zentralkommitee der KPdSU als Richtlinie für die Bereiche Literatur, Bildende Kunst und Musik beschlossene Leitlinie des „Sozialistischen Realismus“. Bis dahin hatten in der Musik zwei Richtungen exisitiert. Ein Proletkurs, vertreten durch die Mitglieder des „Russischen Verbandes der proletarischen Musiker“, die oftmals Dilettanten waren, akzeptierte praktisch nur Werke mit propagandistischen Inhalten. Werke in traditionellen, überlieferten Formen wurden weitgehend abgelehnt, meist entstanden einfache liedhafte Strukuren mit Inhalten, deren Grundaussagen der Sieg des Proletariates und das Lob der Revolution waren. 

Einen gegensätzlichen Kurs hatte die 1924 gegründete „Assoziation für zeitgenössische Musik“ eingeschlagen, der die meisten namhaften sowjetischen Komponisten angehörten. Viele der Mitglieder orientierten sich an westlichen Tendenzen, auch wenn die Tonsprache der einzelnen Mitglieder oftmals sehr unterschiedlich war. Eine gemeinsame Tendenz war jedoch die deutliche Abgrenzung zur Tradition mit dem Ziel einer Modernisierung der Musik.

Die Proklamation des Sozialistischen Realismus bedeutete für beide Richtungen ein Problem, denn das Postulat von einer starken Wirklichkeitsnähe in den Werken bei gleichzeitiger Beseitigung der ästhetischen Komponenten der Musik bedeutete ja die Ablehnung avantgardistischer Strukturen, aber gleichzeitig auch eine Ablehnung des Dilettantismus.

Wurzeln in der Romantik

Die nun entstandenen Musikwerke waren eher konservativ geprägt, meist mit Wurzeln in der Romantik, haben oftmals eingängige Melodien und sind vorwiegend tonal angelegt. Die musikalischen Tendenzen in den Anfängen des 20. Jahrhunderts (Atonalität, Dodekaphonie oder Serialismus) wurden strikt abgelehnt. Ein weiteres wichtiges Merkmal war die starke Einbeziehung nationaler folkloristischer Elemente in die Musik. Durch diese nationale Komponente sollte Volksverbundenheit demonstriert werden. In viele Kompositionen wurden originale Volksliedthemen oder aus folkloristischem Geist geprägte Melodik und Harmonik eingebaut.

Weitere Kennzeichen der Musik des Sozialistischen Realismus sind die Vermittlung von sozialistischen Inhalten (vor allem in der Verwendung von propagandistischen Texten oder ideologischen Programmen), der oftmals kämpferische Gestus, großes Pathos und die Überwindung von negativen Grundstimmungen ins Heroische.

Der Ästhetik des Sozialistischen Realismus hatten sich in der Sowjetunion praktisch alle Komponisten bis in die 1960er-Jahre zu unterwerfen, auch international renommierte wie Schostakowitsch, Prokofjew oder Chatschaturjan mussten sich immer wieder den Forderungen der Staatsmacht beugen, wurden öffentlich kritisiert und zu einer konformen Tonsprache gezwungen. Speziell das spannungsreiche Verhältnis zwischen Dmitri Schostakowitsch und Josef Stalin wird ja in der Musikerziehung immer wieder thematisiert und ist ausführlich dokumentiert. Erst für die jüngeren Komponistengenerationen (ab ca. 1930 geboren) nahm der Einfluss des Sozialistischen Realismus auf ihr Schaffen deutlich ab.

Nach Stalins Tod im Jahre 1953 begann in der Sowjetunion allmählich ein Prozess der „Verwestlichung“ in vielen Bereichen der Kultur, in der Musik vor allem beim Jazz und in der Rockmusik. Und wie in anderen unfreien Ländern entwickelte sich auch hier die Rockmusik vorerst nicht zur Unterhaltung, sondern sie war auch eine scharfe Waffe gegen das jeweils herrschende Regime.

Die Stiljagi

Den Beginn dieser Entwicklung bildeten Anfang der 1950er-Jahre die sogenannten Stiljagi, die heute als erste inoffizielle Jugendkultur der Sowjetunion gelten. Sie kleideten sich modisch und extravagant, tanzten die westlichen Gesellschaftstänze, später auch Rock’n’Roll, und schwärmten für Jazz von Duke Ellington, Glenn Miller oder Louis Armstrong. Sowjetische Diplomaten brachten von ihren Auslandsaufenthalten oft westliche Schallplatten für ihre Kinder mit. Diese wurden häufig von befreundeten Ärzten mit Röntgenapparaten kopiert. Diese Kopien („Platten auf Knochen“) konnten etwa 30 Mal auf normalen Plattenspielern abgespielt werden und trugen sehr zur Verbreitung der westlichen Popmusik bei, die von sowjetischen Rock’n’Roll-Bands, wie zum Beispiel den „Revengers“ aus Riga, gecovert wurden. In der Anfangszeit der Rockmusik in der Sowjetunion wurden meistens nur westliche Songs nachgesungen, aber nur sehr wenige eigene Lieder geschrieben. Die Lieder wurden hauptsächlich auf Englisch vorgetragen, um unterschwellig eine Protesthaltung zu demonstrieren. Wer auf Russisch sang, der galt als angepasst. Der Protestcharakter dieser englischen Songs wurde aber vom Staat in der Anfangszeit kaum zur Kenntnis genommen oder aber weitgehend ignoriert. Daher können die 1960er-Jahre in der Sowjetunion als relativ liberal für die Popmusik bezeichnet werden.

Eine entscheidende Änderung dieser Entwicklung der russischen Rockmusik trat aber mit dem weltweiten Erfolg der „Beatles“ ein, die auch in der Sowjetunion zu Propheten einer neuen Jugendkultur wurden. Diesem Trend stemmte sich die Regierung mit aller Macht entgegen: Beatles-LPs wurden bei ihrer Einfuhr vom Zoll zerstört, positive Äußerungen über die Musiker und der Konsum ihrer Musik wurden disziplinarisch verfolgt und Konzerte der Fab Four in der UdSSR untersagt. Die Beatles selbst erleben zu können, war für die sowjetische Jugend ein unerreichbarer Traum. Gerade darum gewannen sie aber als Ikonen der Freiheit für die Jugendlichen eine umso größere Bedeutung.

Bands mit eigenen Songs

Gleichzeitig fingen auch die ersten Bands an, eigene Songs mit russischen Texten zu schreiben, die zum Teil ein recht hohes literarisches Niveau aufwiesen. Mit diesen Liedern sprachen die Musiker die Leute in einer Zeit der zunehmenden Repression mit versteckten Botschaften an und versuchten, ihnen neue Hoffnung zu geben.

Doch insgesamt kam es zu einer Stagnation in der Entwicklung der Rockmusik. Schuld daran war das schlagartige Aufblühen der Disco-Welle, die auch auf die Sowjetunion überschwappte. Diskotheken wurden eröffnet, westliche Künstler wie Donna Summer erreichten Kultstatus, und „Boney M“ gingen sogar auf eine Tournee durch die Sowjetunion. Andererseits mussten sich viele einheimische Bands auflösen, da sie von ihrer Musik nicht mehr leben konnten. Daher kann man die 1970er-Jahre als eine Zeit bezeichnen, in der praktisch keine wesentlichen künstlerischen Impulse in der sowjetischen Rockmusik festzustellen sind. 

Legendäres Festival

Ein Umschwang trat ein mit dem legendären Festival „Tbilisi 80“, bei dem viele der noch existierenden sowjetischen Rockbands auftraten. Die Öffentlichkeit wurde wieder aufmerksam auf die heimische Rockszene. Die sowjetische Presse berichtete über die Musiker, in den Radios liefen wieder eigene Rocksongs, die von den Bands dann auch auf Tourneen durch die Lande einem neuen Publikum vorgestellt wurden. Viele neue Bands entstanden, so auch die erste Punk-Band „Awtomatitscheski Udowletworiteli“. Die Musiker experimentierten mit neuen Ausdrucksmöglichkeiten und schrieben häufig poetisch angehauchte, oftmals aber auch sehr regimekritische Texte.

Speziell in Leningrad entwickelte sich eine überaus lebendige Rock-Szene, während die sowjetische Hauptstadt Moskau dieser Entwicklung immer um einige Jahre hinterher hinkte.

Neben dieser „Mainstream“-Linie der Rockmusik entwickelte sich aber auch eine sehr vitale Punk- und Heavy-Metal-Szene. Als erfolgreichste Punkband der Sowjetunion gilt „Graschdanskaja Oborona“, deren provokante Auftritte dazu führten, dass sie von den Machthabern verboten und ihr Frontmann Jegor Letow zeitweise zwangsweise in eine Nervenklinik eingewiesen wurde. Als noch erfolgreicher als der Punk erwies sich aber der Heavy Metal. Dies ist sicherlich auch darauf zurückzuführen, dass die Texte dieser Bands meistens unpolitisch waren und es daher kaum zu Konflikten mit der staatlichen Autorität kam.

Wenig auf Schallplatte

Ein wesentlicher Faktor in der Entwicklung der russischen Rockmusik ist, dass lange Zeit nur wenige Rocksongs auf Schallplatte erhältlich waren. Die einzige sowjetische Plattenfirma „Melodia“ benützte ihr Monopol dazu, Produktionen aus dem Rockbereich nur sehr gezielt zu vermarkten. Als erste sowjetische Rockplatten gelten zwei Aufnahmen von Stas Namin aus den 1970er-Jahren. Erst die massenhafte Verbreitung des Kassettenrekorders machte ab der zweiten Hälfte der 1970er-Jahre eine alternative Musikszene möglich. Bis dahin unterschied man in der Sowjetunion nur zwischen staatlich geprüften Musikern und Komponisten und den Freizeitkünstlern. Jazzkompositionen waren meist Nebenwerke klassisch ausgebildeter Musiker und nicht zu allen Zeiten erwünscht.

Im Zuge der Reformen unter Gorbatschow war aber auch „Melodia“ als einziges staatliches Plattenlabel gezwungen, sich den Forderungen des Marktes von Angebot und Nachfrage zu beugen. Rock und Pop wurden zu neuen Umsatzhoffnungen, zumal sich jetzt auch immer mehr der Westen für die Musikszene der Sowjetunion interessierte und Titel russischer Bands auf westlichen Labels veröffentlicht wurden. Allerdings konnte keine der sow-jetischen Bands den großen Durchbruch in den westlichen Ländern erreichen. Es waren aber nicht so sehr musikalische Gründe, sondern vor allem die Unverständlichkeit der russischen Texte, die den Erfolg im Westen verhinderten.

Durch die Perestroika Gorbatschows gewann die Rockmusik an Freiheit und Popularität, verlor aber auch an Frische und Aussagekraft, denn die zunehmende Pressefreiheit erlaubte es, brisante Themen öffentlich zu diskutieren und tiefgehend in den Printmedien und im Rundfunk zu klären. Diese kritische Haltung jedoch war in den vergangenen Jahren immer ein wichtiger Bestandteil der Texte der Rockmusik gewesen. Nun war ein wesentlicher Nährboden entzogen, und die russische Rockmusik übernahm Entwicklungen parallel zum Westen: Hinwendung zu Großauftritten mit Bühnen- und Lichtshows und damit immer mehr eine Entwicklung zum Unterhaltungsmedium.

Die marktwirtschaftlichen Reformen der 1990er-Jahre ließen aber zum ers-ten Male Privatlabels als eigenständige Unternehmen zu. Auch nach der Machtübernahme durch Wladimir Putin entstanden noch interessante Rockalben. Aber die meist schlechte finanzielle Ausstattung der Plattenfirmen und die Kopierfreude des russischen Musikpublikums beeinträchtigten den finanziellen Erfolg dieser Aufnahmen beträchtlich.

Keine Zensur

Offiziell gibt es auch heute keine Zensur in Russland, aber seit dem Amtsantritt Putins (2000) wird die durch Boris Jelzin in der Verfassung verankerte Pressefreiheit systematisch unterdrückt. Dies betrifft vor allem die Bereiche Film und Fernsehen. Literatur, Theater, Ballett und klassische Musik sind davon noch nicht so stark betroffen. Dies ist natürlich darauf zurückzuführen, dass diese Kunstrichtungen nicht an ein Massenpublikum gerichtet sind. Bei der Rockmusik ist die Massenwirkung und die in den Texten oder Aktionen enthaltene Beeinflussungsmöglichkeit eines großen Publikumskreises jedoch wesentlich stärker – eine Auswirkung, die Pussy Riot nach ihrer Aktion drastisch zu spüren bekommen hat.

Quellen und Literaturhinweise:

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