Knabenchor-Urteil: Klangbild entscheidet über Nachwuchs [update, 11.9.]


10.09.19 -
Leipzig - Der Thomanerchor entscheidet auch weiterhin ausschließlich nach künstlerischen Gesichtspunkten über die Aufnahme des Chor-Nachwuchses. In dem seit einigen Monaten in der Öffentlichkeit diskutierten Fall einer Berliner Rechtsanwältin und ihrer Tochter hat der Thomaskantor auf Grundlage des Urteils der Berliner Verwaltungsgerichts entschieden, das junge Mädchen zum Vorsingen einzuladen.
10.09.2019 - Von PM, KIZ

Voraussetzung ist, dass die Mutter der Meinung ist, dass das Klangbild der Tochter einer Knabenstimme entspreche. Zur Vorbereitung einer Einladung steht der Thomanerchor mit der Mutter in Verbindung. Die künstlerische Entscheidung über eine Aufnahme in den Thomanerchor trifft allein der Thomaskantor.

Die Stadt Leipzig setzt damit das Berliner Urteil um; danach gibt die künstlerische Bewertung einer Stimme den Ausschlag darüber, wer in einem Knabenchor singen darf. 

(Pressemeldung der Stadt Leipzig)

 

[update, 11.9.]

(nmz-bl) - Wie die Nachrichtenagentur epd berichtet, wurde eine Bewerbung der Tochter der Berliner Rechtsanwältin Susann Bräcklein beim Leipziger Thomanerchor im Mai 2019 von der Stadt zunächst abgelehnt. Die Satzung des Chores schließe die Aufnahme von Mädchen aus, außerdem gebe es eine "gewohnheitsrechtliche Diskriminierungserlaubnis", zitierte Anwältin Bräcklein die Begründung. Die Stadt Leipzig ist Trägerin des traditionellen Knabenchors.

Mit einem Widerspruchsbescheid hob die kommunale Kulturbehörde die Ablehnung nun auf. Leipzig reagierte den Angaben zufolge mit dem neuen Bescheid auf das Urteil des Berliner Verwaltungsgerichts vom August. Bislang habe die Familie aber nicht auf die Einladung reagiert.

Die Leipziger Volkszeitung (LVZ) schreibt heute: "Thomaskantor Gotthold Schwarz fiel gestern, konfrontiert mit dieser 'Pressemitteilung', aus allen Wolken. Es könne keine Rede davon sein, 'dass sich nun auch der Thomanerchor für Mädchen öffnet' … 'Das wäre ein Angriff auf eine Kunstgattung, und würde die Vielfalt eingrenzen. Knabenchöre haben nun einmal einen grundsätzlich anderen Klang als gemischt besetzte Ensembles.' … Sollte ein Mädchen, so Gotthold Schwarz, unwahrscheinlicherweise tatsächlich eine Stimme haben, die klingt wie die eines Knaben, würde dies den Thomanern nicht schaden. 'Darum habe ich mich bereiterklärt, mir dieses Mädchen anzuhören. Aber es handelt sich ausdrücklich um eine Einzelfall-Entscheidung und nicht um eine grundsätzliche Neuausrichtung.' Keinesfalls sollten sich nun Mädchen aus allen Teilen des Landes aufgerufen fühlen, sich zu bewerben."

 

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