Startenor Kaufmann: Mit «Tristan und Isolde» auf den Mount Everest


29.06.21 -
München - Wer den Mount Everest besteigen will, muss sich seine Kräfte gut einteilen. Dass man heil oben ankommt, ist trotzdem nicht sicher. Auch Startenor Jonas Kaufmann will so einen Gipfel erklimmen, mit «Tristan und Isolde». Ein Risiko, wie er selbst sagt.
29.06.2021 - Von Cordula Dieckmann, dpa, KIZ

Auch ein Weltstar wie Jonas Kaufmann hat vor manchen Rollen großen Respekt. So vor der männlichen Titelrolle in Richard Wagners Liebesdrama «Tristan und Isolde». Das sei wie der Mount Everest, ein Achttausender, sagte der berühmte Tenor unlängst in München. Trotzdem macht sich der 51-Jährige daran, diesen Berg zu erklimmen. Bei den Münchner Opernfestspielen gibt er am Dienstag (29. Juni) sein Rollendebüt in der Neuinszenierung von Krzysztof Warlikowski, ebenso wie Anja Harteros, die erstmals die Isolde singt. Die musikalische Leitung hat Kirill Petrenko.

Dass Kaufmann sich das antut, begründet er mit dem Reiz, den diese Rolle auf jeden Tenor ausübe. Die Geschichte ist randvoll mit Drama, Leidenschaft, Gefühlen und Sinnlichkeit. Im Mittelpunkt steht die Liebe zwischen Tristan und Isolde, jenseits aller Grenzen und Konventionen. Doch Isolde ist König Marke als Frau versprochen und so sieht das liebende Paar nur den Ausweg im Tod. Statt eines Gifts nehmen sie jedoch einen Liebestrank zu sich - mit dramatischen Folgen. Liebeswirren, die Wagner (1813 - 1883) offenbar auch von sich selbst kannte, hatte er doch eine Affäre ausgerechnet mit Cosima, der Gattin von Hans von Bülow, der die Uraufführung dirigierte.

Doch was macht die Rolle des Tristan so kompliziert, dass schon so manche Opernsänger daran scheiterten? «Die Partie ist in vielerlei Hinsicht tückisch», erklärt Kaufmann. «Man muss viele Stunden fit bleiben, konzentriert bleiben.» Fünf Stunden und zehn Minuten sind es in der Bayerischen Staatsoper. Dazu Wagners Texte mit Alliterationen, Vertauschungen, und vielen «kleinen Stolperfallen». Und es gebe kaum Verschnaufpausen. «Das läuft und läuft und läuft und läuft und man hat gerade genug Zeit, um Atem zu holen.» Einmal nachgedacht, «halt, was kommt jetzt?» - «Das ist schon das Quäntchen zu viel, um den Abend dann wirklich mit allen Erfüllungen gestalten zu können.»

Ein «Ruf der Unspielbarkeit» hafte dem Musikstück immer schon an, räumt auch die Staatsoper ein. Zu hoch die Anforderungen an Sängerinnen, Sänger und Orchester. Mehrere Uraufführungen platzten, eine davon in Wien. Dann endlich doch noch der Durchbruch für Wagner und sein Liebesdrama. Nach 77 Proben wurde es am 10. Juni 1865 uraufgeführt, in München am Nationaltheater des kunstbegeisterten bayerischen Königs Ludwig II., der Wagner verehrte.

Kaufmann hatte die Rolle immer wieder vor sich hergeschoben. «Nicht mal vor drei Monaten hätte ich hundertprozentig sagen können, dass das alles locker funktionieren wird», gibt er zu. Auch jetzt sei noch nicht alles locker. «Es ist ein permanenter Tanz auf des Messers Schneide.» Und dann noch die Gefühle, die nicht nur das Publikum, sondern auch die Menschen auf der Bühne mitreißen. Doch inzwischen ist er zuversichtlich. «Ich glaube nicht an den Fluch dieser Partie», sagt er. «Sonst würde ich schwänzen und absagen.»

Was dem viel beschäftigten Sänger in der Vorbereitung entgegen kam, war die notgedrungene Pause wegen der Corona-Pandemie. Plötzlich seit mehr als einem Jahr kein Hin- und Her-Jetten in aller Welt. Von Oper zu Oper, von Konzert zu Konzert. Ein unstetes Künstlerleben, das den ganzen Körper fordert, Stimmbänder, Atmung, Lunge, immer und immer wieder, mitunter bis an die Leistungsgrenze. Vielleicht habe es auch an dieser Pause gelegen, dass sich die Stimme so schön erholt habe und der Kopf freier sei, überlegt Kaufmann.

Ob er nun mit dem Achttausender «Tristan und Isolde» auf dem Gipfel seiner Karriere angelangt ist? Dem will der Münchner Tenor dann doch nicht zustimmen. «Man könnte ja sagen, dass ist das Hochplateau, was man dann erreicht hat - schön wärs», sagt er lachend und fügt selbstbewusst hinzu: «Auf diesem Hochplateau, zumindest karrieremäßig, befinde ich mich schon erstaunlich lange.»

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