Na ja, dieser Gelehrte von Weltformat – eben vom Dichterfürsten Goethe zu Weltgeltung erhoben und zum Prototyp des Geistesmenschen stilisiert. Aber müsste der Perspektivenwechsel heutzutage, in unserer Epstein-Welt, nicht fundamental sein: auf dieses hoffnungs- und rettungslos unterlegene Mädel, das als verzweifelte Kindsmörderin wie viele im christlichen Abendland meist verbrannt, geköpft oder ertränkt wurde?
Faust 2026 | Premiere am 8. Februar 2026. © Geoffroy Schied
Alles nur halb und halb – Gounods „Faust“ an der Bayerischen Staatsoper
Charles Gounod war sich des Problems durchaus bewusst und wollte „Marguerite et Faust“ als Titel. Sein zunächst mit „Wagnerianisme“ abqualifiziertes Werk wurde dann auch lange in der deutschen, auf Wahrung des nationalen Kulturgutes bedachten Opernlandschaft als „Margarete“ gespielt … und die Musik zunehmend geschätzt.
Auch in Frankreich: Über das anfangs alleinstehende, positive Urteil von Hector Berlioz hinaus wurde anerkannt, dass Gounod den „Lyrisme français“ in der Oper begründet hatte und leuchten ließ. So war es erfreulich, für die neue Produktion die hochgehandelte Dirigentin Nathalie Stutzmann zu gewinnen. Leider nur begann auch da schon das „Halb und Halb“…
Kein Widerspruch: In feiner Zeichengebung breitete Nathalie Stutzmann mit dem differenziert und „fein-stimmig“ – Lob an die 1. Oboe und 1. Klarinette sowie Harfen und Schlagwerk! - aufspielenden Staatsorchester den ganzen Klangzauber eben des Lyrisme aus: schön, aber für Fausts bedenkenlose Lebenslust und Marguerites Liebeserwachen auch viel zu „ausgebreitet“, folglich breit und undramatisch für eine Bühnen-Interpretation 2026. Das besserte sich etwas im zweiten Teil – und wer am Ende aus dem dramatisch grandiosen Terzett von Marguerites Selbstbehauptung kein fetziges, klanglich überwältigendes Finale macht, sollte überhaupt nicht – doch das gelang Nathalie Stutzmann so gut, dass das Premierenpublikum nur jubelte.
Auch vokal gerechtfertigt: Kyle Ketelsen war ein selbstgefällig agiler Méphistofélès, der aus dem Untergrund auftauchte und dann alles mit vielerlei Gesten dirigierte, abwehrte und insgesamt inszenierte. Sein heller Bassbariton passte ins „…lyrisme“-Konzept – gut nuanciert - an seine vokal „schwarzen“ Münchner Rollenvorgänger Ruggiero Raimondi, Nicolai Ghiaurov oder Jewgeni Nesterenko durfte man sich nicht erinnern. Olga Kulchynska war kein „blondes Gretchen“, eher eine erblühende junge Frau – wozu passte, dass sie ihre „Juwelen-Arie“ eben nicht zur Koloratur-Schaunummer machte, sondern einfach Entzücken in Töne ausbrechen – und am Schluss Kraft für existentielle Selbstbehauptung im Tode leuchten ließ. Sogar aus seinem gewählten Stamm-Wohnsitz Berlin waren weibliche „Deutsche-Oper“-Fans angereist, um Jonathan Tetelmans Debüt mitzuerleben: Seine Verwandlung aus dem tatterigen Rollstuhl-Greis in ein hochgewachsenes, blendendes Bühnen-Mannsbild gelang; dazu kamen etwas laute Spitzentöne – eben Premiere, Debüt, Bayerischer Rundfunk und Arte Concert – dann aber auch tragendes Piano in den Liebes- und Mitleidensszenen. In den entspannteren Folgeaufführungen kann er wohl das Erbe seiner Münchner Vorgänger Kraus-Lima-Aragall-Araiza-Villazon antreten. Neben Florian Sempeys Valentin, der aus seinen beiden Szenen keine sentimentalen Ohrwurm-Schlager machte, hätte der Stimmfreund von Mezzosopranistin Dshamilja Kaisers Marthe gerne mehr gehört – gerade im Kontrast zu Emily Sierras reichlich fraulichem Siebel.
Das Team um die Regie-führende Wiener Volksoper-Intendantin Lotte de Beer nannte in der Ankündigung der Staatsoper die menschliche Polarität „egoistisch – altruistisch“ als Thema. Davon war nichts erkennbar inszeniert. Der Buhsturm für sie hätte Orkan-Stärke erreichen müssen für zwei Szenen: Während Marguerites Juwelen-Arie in einem stilistisch völlig aus de Beers Vielerlei-Angebot fallenden weißen Ballkleid mit Perlmutt-Bällchen führt Méphistofélès sie in einen Nebenraum, wo drei Kinder als Holzkohlen-Sklaven schuften – und eines davon legt der Teufel ihr tot als „Geschenk“ hin – so inszeniert Intendantin de Beer „Sozialkritik“?! Buh! Und dass zu einem der Soldaten-Chöre drei Kinder eben stolz „Soldat“ mit Spielzeug-Waffen spielen – Regie auf Schlicht-Niveau … wozu „Co-Regisseur“ Florian Hurler was beitrug? Die zwei genannten Dramaturgen sind nur zu bedauern.
„Halb und Halb“ auch Christof Hetzers Bühne: Auf einer dunklen Schiefergestein-Scheibe kreisen zwei bühnenhohe Trennwände, metallen-glänzend. Darauf kann mal „weibliche Silhouette“ projiziert werden, mal ein üppiger Blumengarten für die Walpurgisnacht – und ansonsten viel zu wenig Licht-Regie (Benedikt Zehm). Und durchweg befremdliche zwischen „Mittelalter“ und „Breughel“ wabernde Kostüme für das „einfache Volk“ (Jorine van Beek) – während Méphistofélès in schwarzem Dandy-Look, Faust im Gehrock mit Gold-Revers … all diese krude Mixtur endet mit dem frontal aufgereihten christlichen Versöhnungschor – und für Chor in der Einstudierung von Christoph Heil muss ein „ganzes“ Lob gelten – was aber die Frage nach dem Engagement der Wiener Volksopern-Intendantin nicht beantwortet!
- Der Video-Mitschnitt ist auf Arte Concert, der Tonmitschnitt auf BR-Klassik abrufbar.
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