Lässt sich Musik vom Wollen reinigen? Von Biografie, Erfahrung und Persönlichkeit, von Aberwitz und Angeberei, von Sehnsucht gar? Erik Satie hat es vor über hundert Jahren versucht: Musik wie ein Möbelstück, bescheiden und dienstbar, Themen, die sich wegwiederholen. Sein größter Fan, der Amerikaner John Cage, schritt auf Saties Pfaden voran, komponierte die Stille in all ihrer Beredtheit und verzweifelte an der Befreiung der Musiker, die nicht frei sein, sondern lieber herumalbern wollten. Die beiden Komponisten immer und immer wieder in einem Konzertabend nebeneinander zu stellen, ist kein dramaturgischer Coup, wenn nicht die Frage gestellt wird: Was gehen uns Satie und Cage heute an?
Vorhang!, Sarah Silverblatt-Buser, Les Apaches ! © Thomas Berns, Ruhrtriennale 2026
Bechers Bilanz – August 2026: Am Rande des Künstlerischen
Ruhrtriennale: Vorhang!
Partystimmung war gestern
Das französische Ensemble „Les Apaches!“ mit seinem Dirigenten Julien Masmondet sitzt am 28. August schon in der Gebläsehalle des atemberaubenden Duisburger Landschaftsparks, als das Publikum der Ruhrtriennale den Saal betritt. Philippe Hattat spielt die „Vexations“. Womöglich sitzt er dort seit mittags, aber das Konzept von „Vorhang!“ nimmt die 840 Wiederholungen des auf eine A4-Seite passenden Klavierstücks nicht wörtlich, sondern zitiert nur. Allerdings zeigen sich die wenigen Notenzeilen der „Vexations“ in stets neuem Klanggewand: mit Orchesteraplomb oder im Electro-Sound, luzide oder luxuriös. Denn die Komponisten Hattat und Othman Louati führen Satie und Cage in die Gegenwart, sie kombinieren nicht nur das Ballett „Parade“ mit der typischen Zivilisationsmusik des Amerikaners (Radio, elektrische Zahnbürste etc.), sie modernisieren auch das Plüschige bei Satie, Cages unzugänglichen „Atlas eclipticalis“ und die „Musique d’ameublement“. Der Abend, inszeniert von Gordon und der Tänzerin Sarah Silverblatt-Buser, befragt die Musik der beiden Komponisten, nicht ihre Ideen, nicht, wie sich aus ihnen ambient und minimal entwickelte, nicht, wie das alles in KI-Musik aufgehen könnte und aufgehen wird.
Die anfängliche Partystimmung des Konzerts, angeheizt durch Konfettikanonen, führt geradewegs in die Stille des legendären „4‘33‘‘“. Jedes Ensemblemitglied tauscht irgendwann ihr und sein konventionelles schwarzes Bühnenoutfit gegen weiße Kleidung ein, weiße Tücher verhängen die Instrumente, der Dirigent dreht sich zu einem weißen Pult. Die neckisch Popcorn verteilende Tänzerin, die dem Ensemble zunächst Lockerungsübungen aufdrückt, später grazil für Zirkusstimmung sorgt, verlässt die Bühne nun mit rituellem Ernst. Da ist sie: die Reinigung vom Wollen und vom Müssen. Cage und Satie führen in die Einkehr, in die Meditation. Schön wär’s.
arte: Dokumentation Meredith Monk
Fremdheit und Geborgenheit
In einer Schlüsselszene der Dokumentation „Die Welt in ihrer Stimme“ (arte) berichten neun Professorinnen und Professoren von namhaften Universitäten (New York, Stanford, Dallas, Harvard, Michigan usw.), wie und wo sie die Gesangs- und Performancekünstlerin Meredith Monk in ihrer Fakultät „einordnen“. Ein ernstzunehmendes kulturwissenschaftliches, letzten Endes aber nur archivarisches Problem. Die Regisseure Billy Shebar und David Roberts machen daraus ein augenzwinkerndes Kunststück: Die neun sind wie in einer Videokonferenz übereinandergekästelt und reden alle gleichzeitig. Eine Kakophonie der Auffassungen, die der Vielseitigkeit der Künstlerin entspricht. Bis sie erschöpft schweigen. Bei der 1942 geborenen New Yorker Musikerin, Tänzerin, Choreografin und Komponistin flüchten die Fachleute in beredte Stille. Die Virtuosität von Monks Stimmakrobatik steht außer Frage. Dass sie wie Cage Poesie auch am Rande des Künstlerischen findet, grob ausgedrückt: an der Grenze zur Scharlatanerie, wirbelt die Kategorien ebenso durcheinander, wie die Maßstäbe der auf Komplexität beharrenden Kunstrichter. Wohl deshalb verbeugt sich ein Philip Glass vor ihr: Sie sei „diejenige mit dem einzigartigen Talent“. Auch David Byrne, Julia Wolfe und Merce Cunnigham überschlagen sich vor Bewunderung.
Billy Shebar hat sie alle besucht, um sie nach fünf Filmminuten wieder zum Schweigen zu verdammen. Die Stimme dieser Dokumentation, eine auf 55 Minuten gekürzte Fassung des 2025 bei der Berlinale präsentierten Film „Monk in Pieces“, gehört der Künstlerin (das Overvoicing wird gesprochen von Nina Kunzendorf). Sie zeigt auch, wie Monk 1991 mit der Oper „Atlas“ die auftraggebende Oper Houston zur Verzweiflung treibt und wie sie ihr Herzensprojekt in jüngere Hände übergibt. Am Ende sitzt Meredith Monk allein in ihrer New Yorker Küche und löffelt ein Müsli. In ihrer Stimme nisten Fremdheit und Geborgenheit zu gleichen Anteilen.
Youtube: Toyah Willcox und Robert Fripp
Rockexzesse in der Spießerküche
Seit 40 Jahren sind Toyah Willcox und Robert Fripp ein Ehepaar: Sie bereicherte die Punkrock-Ära mit exaltierten Alben („Sheep Farming in Barnet“, 1979, und „The Blue Meeing“, 1980), bei denen sie Phrase für Phrase die Stimmfarbe wechselte; er zählt zu den Legenden des Progrocks, dessen epochales Album „In the Court of the Crimson King“ (1969) auf keiner einschlägigen Playlist fehlt. Seit Corona laden uns die beiden jeden Sonntag in ihre Küche einen Klassiker der Rockgeschichte ein. Beim Toyah & Robert’s Sunday Lunch zwischen Stones und Nirvana, zwischen Kiss und Abba führt Toyah ihre unerschöpfliche Garderobe in karnevalistischem Gegensatz zur biederen Kücheneinrichtung vor: Glitzerfummel, French Maid, Dirndl, Hasenkostüm – Hauptsache anstößig.
Die Krawattensammlung des Gitarristen kann mithalten, den Blick des Griechischlehrers hält er eisern durch. Jenseits des liebenswerten Klamauks überzeugen die kurzen Clips vor allem musikalisch. Weder Toyahs Gesang noch Fripps Gitarrenspiel haben über die Jahrzehnte an Frische eingebüßt.
Grafenegg: Ink Still Wet
Komponistenworkshop mit Olga Neuwirth
Seit bald 20 Jahren stellt das jährliche Sommerfestival Grafenegg einen lebenden Komponisten in den Mittelpunkt des Programms, angefangen mit Krzysztof Penderecki im Jahre 2007 bis hin zur heutigen composer in residence, Olga Neuwirth. Dabei erklingen nicht nur Werke der Porträtierten; das Festival wirft vielmehr einen Blick in die Zukunft, indem sie die Residenzler bittet, mit einer Handvoll junger Nachwuchskomponisten Werke zu erarbeiten, die dann vom Tonkünstlerorchester Niederösterreich uraufzuführen sind. Der Andrang aus aller Welt ist groß, wie Moderator Alexander Moore ausführt: Aus 200 Bewerberinnen und Bewerbern hat Olga Neuwirth fünf ausgewählt, die ihre neuen Werke am 21. August selbst dirigieren. Da branden neue Klänge heran, die Faszination von (und der Respekt vor) dem großen Klangkörper fordert die alchemistischen Fähigkeiten des Nachwuchses, Geräuschanteile werden untergemischt, der Koreaner Hansol Choi würzt seine tonal statische Klangwelt mit martialischen Schlagwerkeinsätzen sowie einem Kinderlied. Allein der Belgier Noé Gillerot – der auf der Reise nach Grafenegg acht europäische Länder mit dem Fahrrad querte – wählt eine leicht nostalgische Tonsprache mit Motiven und raffiniert durchmischter Farbgebung. Die Erzählung seiner Orchestermusik macht neugierig auf weitere Werke aus seiner Feder.
Die Klangkrone des Konzertes gebührt Penderecki, mit dem Dirigent Brad Lubman den zweiten Teil des Programms eröffnet. Sein Okarina-Cluster in „Als Jakob erwachte …“ stößt das Fenster zu einer irrealen akustischen Szenerie auf, ein Traumbild, eine Verheißung. Olga Neuwirths neues Klarinettenkonzert „Zones of Blue“, gespielt von dem fabelhaften Jörg Widmann (2014 Residenzkomponist in Grafenegg), habe ich schon bei der Uraufführung in München gehört. Das Werk ist ein Epitaph für den 2023 verstorbenen Vater der Komponistin, Harald Neuwirth. In Grafenegg ist der Eindruck noch stärker, wirkt der polyästhetische Wechsel zwischen Klangraunen und handfesten Riffs ursprünglicher, auch freier. Langer und begeisterter Beifall im Auditorium.
Jeremy Eichler: Das Echo der Zeit
Narben in der Musik
Der amerikanische Kulturhistoriker und Bostoner Musikkritiker Jeremy Eichler analysiert in seinem Buch „Das Echo der Zeit“ (2023 im englischen Original erschienen unter dem Titel „Time’s Echo“) die historischen Bezüge zwischen vier Meisterwerken des 20. Jahrhunderts: „Metamorphosen“ von Richard Strauss, „Ein Überlebender aus Warschau“ von Arnold Schönberg, „War Requiem“ von Benjamin Britten und die Symphonie Nr. 14 „Babi Yar“ von Dmitrij Schostakowitsch. Jedes dieser Werke ist auf seine Weise vom Zweiten Weltkrieg, vom Nationalsozialismus oder von der Judenvernichtung gezeichnet. Eichler, der 2015 über Schönbergs „Überlebenden“ promoviert hat, liest Spuren, entdeckt Verschüttetes, betrachtet Narben, bemerkt Gleichzeitiges und hinterfragt offizielle Lesarten. Details des Notentextes wirft er einen eher scheuen Blick zu, sie bleiben Schemen. Dafür gelingt ihm eine historisch umfassende und immer spannend zu lesende Darstellung von Kulturgeschichte, in der sich die Gräuel des Jahrhunderts eingebrannt haben, ausgehend von einem Satz Adornos, nachdem eine Welt, die den eigenen Untergang überlebt hat, „der Kunst als ihrer bewußtlosen Geschichtsschreibung“ bedarf. Im Falle von Schönberg und Strauss (genauer als bei Britten und Schostakowitsch, dessen Vereinnahmung in Putins Diktatur auch in diesem Buch unerwähnt bleibt) belegt Eichler auch, wie den Werken im Nachleben neue Wunden geschlagen werden, denn – und hier stützt er sich auf Paul Celan – auch Musikstücke reisen „durch die Zeit und die Geschichte, um uns zu erreichen, nicht über sie hinweg“. In diesen Werken hat sich das Wollen und Müssen Jahr für Jahr schärfer eingegraben.
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