Bevor die Festspiele loslegen, debattiert die deutsche Kultur- und Medienwelt im Juli 2026 über einen Song des Rappers Danger Dan, den sich, nachdem das ZDF dessen Präsentation verweigert hat, mehr Menschen angehört haben, als wenn er gesendet worden wäre. „Keine Angst“ erklärt zu überraschend spannungsarmer, wenn man so will: gewaltfreier Musik, wie vorzugehen wäre, wenn man den Rechtsextremisten entgegentreten möchte. Als die Diskussion um Danger Dan abflaut, schickt mich mein unthematisch zusammengestellter Terminkalender in das Musical „Die weiße Rose“.
Danger Dan im offziellen Video zu "Keine Angst".
Bechers Bilanz – Juli 2026: Nachrichten aus den „Tiefgeschossen der Ausweglosigkeit“
Köln: Die weiße Rose
Moralischer Kompass im Nationalsozialismus
Regisseurin Vera Bolten und Musiker Alex Melcher – beide mit umfangreichen Erfahrungen als Musicaldarsteller – haben die Geschichte der Widerstandsgruppe „Weiße Rose“ zu einem Musical verarbeitet, das nach der letztjährigen Premiere im Festspielhaus Neuschwanstein (Bericht von Wolf-Dieter Peter) auch in der Kölner Philharmonie am 28. Juli vorgestellt wird. Ein Musical über Antifaschismus, dessen Helden auf dem Schafott enden – darf man das denn? Bolten löst das Genre mit guten Gründen aus der Umarmung der leichten Unterhaltung und entgeht der Kommerzialisierung, indem sie Passagen aus historischen Dokumenten zitiert, alle sechs Mitglieder der „Weißen Rose“ porträtiert und ihrem Publikum auch quälende Verhörszenen nicht erspart. Kurz: indem sie Geschichte ernst nimmt. Der Abend wird dadurch lang, viele Songs brechen ab, um den umfangreichen Stoff weiterzuerzählen. Dafür gewinnt man einen Einblick in die Entwicklung der jungen Entschlossenen: wie ihnen, nach anfänglicher Begeisterung für den Nationalsozialismus, ihr moralischer Kompass den Weg durch eine von Mord und Unterdrückung beherrschte Zeit weist.
„Die weiße Rose“ in Köln. Foto: © Jonas-Melcher
Das von Johannes Still geleitete Septett aus Rockband und Streichern kann mit wenigen Mitteln, etwa einer aufjaulenden E-Gitarre oder einem pariserischen Akkordeon, Atmosphäre schaffen und einen Liebeswalzer ebenso zart spielen wie einen Rocksong kernig. Vera Boltens Inszenierung bescheidet sich mit einem schwarzen Raum, Würfel lassen sich zu jedem erdenklichen Mobiliar fügen, Projektionen von Zeichnungen (Sophie Scholl malte) suggerieren fehlende Bühnenbilder. Den Abend trägt ein starkes Ensemble: Friederike Zeidler und Jonathan Guth spielen die Geschwister Scholl, Claudia Dilay Hauf und Martin Planz die schwäbelnden Eltern, Adam Demetz gibt einen burschikosen Alexander Schmorell mit Dutt, Daniel Berger den fiesen Nazi-Schergen. Das Publikum hängt ihnen an den Lippen und springt zum Applaus geschlossen auf. Die Energie der „Weißen Rose“ ist zum Greifen nah. Nicht ausgeschlossen, dass ihre Mitglieder heute Danger Dan hören würden.
Köln: Gürzenich-Orchester
Menschenopfer für eine Welt aus den Fugen
„Skandal“ echauffiert sich das Programm des Gürzenich-Orchesters und lockt damit die Besucher am 5. Juli in die Kölner Philharmonie – wohl wissend, dass wir ebenso gerne von Skandalen hören, wie wir andererseits vermeiden, welche zu erleben, geschweige denn zu verursachen. Gemeint ist „Le Sacre du Printemps“ von Igor Strawinsky, bei dessen Uraufführung 1913 in Paris das Publikum seiner Wut freien Lauf ließ angesichts der rüden Archaik von Musik und Erzählung (offenbar aber auch wegen einer obszönen Geste des Tänzers und Choreografen Vaslav Nijinsky). Dass die musikalische Wucht noch heute wirkt, dafür sorgt Andrés Orozco-Estrada. Der Chefdirigent zelebriert das Werk mit höchstem körperlichem Einsatz. Jede Phrase singt aus voller Kehle, schweißtreibend tanzt es aus dem glänzend aufgelegten Orchester, hart skandieren die Akkorde, was laut werden soll, explodiert. Bei ihm entstammt das Menschenopfer nicht einer vorzivilisatorischen Welt, sondern einer, die aus den Fugen geraten ist. Deshalb steht dem „Sacre“ die Ouvertüre aus Thomas Adès’ Shakespeare-Oper „The Tempest“ voraus: ein Vierminuten-Strudel über das Aufbegehren der Elemente, der sich mühsam beruhigt und so die Bühne bereitet für den legendären Fagottgesang, mit dem der „Sacre“ anhebt.
Den Abend eröffnet Johannes Brahms‘ Violinkonzert mit der phänomenalen spanischen Geigerin María Dueñas, preisgekrönt durch Plattenlabels (Opus) und Fachpresse (Gramophone). Was irgend an Temperament in den edel zurückhaltenden ersten beiden Sätzen zu heben ist – sie nimmt es mit. Ausladend die Bewegungen, dabei in stetem Dialog mit dem Dirigenten, und immer auch bereit für alles Süße, was dem Hamburger wie ungewollt auf das Notenblatt geflossen zu sein scheint. Das Publikum staunt über ein großes romantisches Konzert von höchster Emotionalität und erklatscht sich als Zugabe den „Valse triste“ von Franz von Vecsey, einen Gesang voller Heimweh und ganz ohne Triumph.
arte: Henze-Porträt
Ein deutsches Komponistenleben
Mit dem größten deutschen Konzertskandal beginnt die Filmdokumentation über Hans Werner Henze, die Holger Preuße und Philipp Quiring für arte und ARD zusammengestellt haben. Die geplatzte Hamburger Uraufführung des Oratoriums „Das Floß der Medusa“ im unversöhnlichen 1968er-Jahr ist der dankbare Einstieg für die Erzählung eines Komponistenlebens entlang der scharfkantigen ästhetischen und politischen Konflikte der Bundesrepublik Deutschland, auch wenn ihr Henze schon 1953 den Rücken kehrte. Außerhalb dieser Konflikte aber wäre wohl kaum jener musikalische Kosmos aus rund 300 Werken entstanden, den Henze hinterlassen hat.
Pellworm: Arp-Schnitger-Orgel mit Fernando Gabriel
Die Lachfalten der Alten Dame
Seit über drei Jahrhunderten steht in der Alten Kirche St. Salvator auf der Nordseeinsel Pellworm ein Instrument des norddeutschen Orgelbaumeisters Arp Schnitger. Ich habe die Orgel schon im vergangenen Sommer gehört und statte ihr am 15. Juli einen erneuten Besuch ab. Die „alte Dame“ sei krank, heißt es einführend, eine Spendenbox zur Renovierung füllt sich nach dem Konzert. Dabei fremdelt das Konzert nicht mit dem Instrument – und schon gar nicht mit dem Programm des Hamburger Organisten Fernando Gabriel Swiech –, sondern mit der trockenen Akustik des Gotteshauses. Die tiefgehängte Holzbalkendecke und das unverputzte Backsteinmauerwerk schlucken jeden Nachhall. So bleibt der Kontrapunkt des Organisten, der vor allem Werke aus der Entstehungszeit des Instrumentes spielt, durchhörbar mit allen Ecken und Kanten: in dem grüblerischen, von Fugen durchfurchten g-Moll-Präludium von Dietrich Buxtehude, in den festlichen Choralvariationen von Georg Böhm oder in dem anfänglich verschatteten, dann immer nachdrücklicher zum Tanz auffordernden Tiento von Pablo Bruna. Gabriel umrahmt das Konzert mit zwei zeitgenössischen Stücken: Die Eröffnung von Philip Glass funktioniert ohne Nachhall nicht und hat weniger Biss als etwa die Toccata von Bernardo Pasquini; die „Salamanca“ des Schweizers Guy Bovet hingegen zaubert ihrer frechen Registraturen wegen ein Lächeln in die voll besetzten Kirchenbänke. Die Lachfalten der Schnitger-Orgel treten deutlich hervor.
Köln: 40 Jahre Klassikforum
Musik ist nötig wie das Atmen
Das Klassik-Vormittagsprogramm von WDR 3 braucht im öffentlich-rechtlichen Rundfunk keinen Vergleich zu scheuen. Seit 40 Jahren, über 12.000 Sendungen hinweg, führen Moderatorinnen und Moderatoren durch eine selbst zusammengestellte dreistündige Sendung. Der Sender feiert das Jubiläum mit einer Gala am 4. Juli im Kölner Sendesaal. Ich darf aufgrund privater Verstrickungen darüber nicht schreiben. Zudem stand ich, als das „Klassikforum“ unter der Redaktion Wilhelm Matejkas an den Start ging, dem legendären Radio-Mann als Praktikant zur Seite. Aber ich darf Elke Heidenreich zitieren, die während der Gala auf die Bühne tritt und den ARD-Technokraten, die digitale Zugriffszahlen als Währung über die Qualität des Gedankens stellen, entgegenschleudert:
„Es ist die Kunst, die Malerei, die Literatur, die Musik vor allen anderen, die uns zu mitfühlenden Menschen macht, auch in ruppigen Zeiten wie diesen. […] Darum dürfen wir die Musik, überhaupt die Kunst, die Kultur, die Literatur nicht als Ausfüllung von Freizeit begreifen, sondern als Seinsweise, nötig wie das Atmen und das Essen. Sie ist unser rettendes Gelände. Die Musik, die uns so unmittelbar erreicht vor allen anderen Künsten, das schwirrt und singt und tönt und leuchtet und braust und überwältigt uns und nimmt uns den Atem und gibt uns Frieden. Die Musik gibt uns in unseren Tiefgeschossen der Ausweglosigkeit die Luft zum Atmen zurück. Aida eingemauert: singt. Wir hören sie und sind gerettet.“
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