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Opera Lab Berlin. YOU\ME/ALIEN im Theater im Delphi. Foto: © Katya Ganochkina

Opera Lab Berlin. YOU\ME/ALIEN im Theater im Delphi. Foto: © Katya Ganochkina

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Bekenntnis zur Bereicherung durch Diversität – Uraufführung von „YOU\ME/ALIEN“ durch das Opera Lab Berlin

Vorspann / Teaser

Am vergangenen Mittwoch feierte mit „YOU\ME/ALIEN“ die neueste Produktion des Opera Lab Berlin im Theater im Delphi am Prenzlauer Berg in Berlin Premiere. Eingekleidet in ein Science-Fiction-Szenario stellt das Ensemble für zeitgenössisches Musiktheater hier grundlegende Fragen nach kultureller Identität und dem Verhältnis zum Fremden.

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Auf welche Weise werden Identitäten im Verhältnis zu dem, was uns unbekannt und fremd ist, gebildet? Und wie manifestieren sich Machtverhältnisse in Augenblicken gegenseitigen Missverstehens? Diese Fragen bilden Kristallisationspunkte für das neueste Projekt des Opera Lab Berlin. „YOU\ME/ALIEN“, vom 2013 gegründeten Ensemble als „ein Experiment in radikaler Empathie“ und „eine Meditation über das Unbekannte“ bezeichnet, ist vordergründig ein geradlinig über 80 Minuten hinweg entfaltetes Musiktheater mit Science-Fiction-Sujet – eine auf die Essenz des Genres reduzierte „Space Opera“, die das Zusammentreffen von Menschen mit unbekannten intelligenten und empfindungsfähigen Aliens in den Mittelpunkt stellt.

Experimenteller Prozess demokratischer Ideenfindung

Der Plot ist denkbar einfach: Die Besatzung eines Raumschiffs trifft während ihres Flug durch das Weltall auf eine Anomalie, hinter der sich eine fremde Spezies verbirgt. Durch Musik gelingt zunächst die Kontaktaufnahme und schließlich gar die Kommunikation mit den unbekannten Wesen. In diesem Augenblick des Triumphs trifft eine Botschaft des Flottenkommandos von der Erde ein: Man habe sich dazu entschlossen, das Raumschiff samt der Anomalie zu vernichten, weil das Wissen um die Existenz und Fähigkeiten der Anderen die Menschheit in eine tiefe Identitätskrise stürzen würde und einen Kulturschock nach sich zöge, dessen Folgen nicht abzusehen seien. Für die Raumschiffbesatzung bleiben nur zwei Möglichkeiten: Sich untätig mit dem unabänderlichen Tod abzufinden oder ihn durch eine von allen Mannschaftsmitgliedern gebilligte Auslösung des Raumschiff-Selbstzerstörungsmechanismus vorwegzunehmen; denn allein Letzteres könne gegebenenfalls den Übertritt auf eine andere Seinsebene ermöglichen, auf der die Koexistenz von Menschen und Fremden als neu gedachte Präsenz gewährleistet sei.

Das Versprechen einer Befreiung von herrschenden Zwängen, gebunden an eine gemeinsam von allen getragene Entscheidung über das Schicksal: darum geht es in „YOU\ME/ALIEN“. Was in der Science Fiction gemeinhin als Kampf von Weltanschauungen oder Moralvorstellungen (oder schlichtweg als simples Aufeinandertreffen von „Gut“ und „Böse“) inszeniert wird, gerät hier zum Spiegel eines Geschehens, das zeigt, wie Differenzen aufgelöst und Grenzwälle zum Fremden eingerissen werden können. Charakteristisch für die Arbeit des Ensembles, ist bereits die grundlegende Konzeption von „YOU\ME/ALIEN“: ein Versuch, durch die künstlerische Praxis selbst Antworten auf die eingangs präsentierten Fragen zu geben. Wie im Falle früherer Produktionen handelt es sich um ein kollaborativ auf der Basis von Eigenkompositionen (Evan Gardner, Opera Lab Berlin) und adaptierter Musik entwickeltes Stück, dessen gesamte musikalische und szenische Realisierung in einem experimentellen Prozess demokratischer Ideenfindung entstanden ist.

Auf welche Weise sich die einzelnen Ensemblemitglieder in diesen Prozess einbringen, davon künden vielfältige stilistische Spuren, die sich in Gestalt origineller Adaptionen durch die musikalischen Anteile des Abends ziehen: Der erste Kontakt zu den lediglich durch eine Abschirmung als Lichtspuren oder Schattenumrisse sichtbaren Aliens wird beispielsweise durch ein emphatisches Synthesizer-Arrangement des „Lever du jour“ aus Ravels „Daphnis et Cloé“ angedeutet, in das die Klarinettistin (Constance Morvan) ihre Klangbahnen einschreibt. Die gemeinsame Anstrengung zur Vertiefung der Begegnung mit den fremden Wesen geht von einem luziden vokal-instrumentalen Arrangement des Kopfsatzes aus Mozarts g-Moll-Sinfonie KV 550 aus, das wiederum durch Intervention der Violistin und Shamisen-Spielerin (Youka Snell) zu einer kollektiven Fantasie über gestische Figuren japanischer Musik geformt wird. Doch erst im Anschluss daran wird mit Skalenübungen, die eine Vokalistin (Aparna Shenoy) aus der Gesangspraxis der nordindischen Hindustani-Musik ableitet, die Grundlage dafür gelegt, eine wechselseitige Kommunikation mit den Fremden zu etablieren.

„Hier wird der Mut zur Vielfalt zelebriert …“

Hier sowie in vielen weiteren Nummern, in denen alle Ensemblemitglieder durch Gesang, präzise getimte, gelegentlich kontrapunktisch zueinander verlaufende Choreografien und Instrumentalspiel vernetzt und gefordert sind, zeigt das Opera Lab Berlin, wo seine Stärken liegen: Das Ensemble agiert geschlossen und erweist sich bezüglich der auf alle Mitwirkenden verteilten Anteile von Dialog, szenischer Aktion, Choreografie, Gesang, Musikdarbietung und Tanz bestens aufeinander abgestimmt. Ergebnis ist eine durch und durch stimmige, in sich abgerundete Aufführung, zu deren besonderer Wirkung auch die schlüssig eingesetzten Projektionen von Videos und wechselnden Live-Kamera-Perspektiven sowie die ansprechende Lichtregie beitragen.

Nicht zuletzt demonstriert das Ensemble mit diesem Projekt, wie sich aktuelle Themen in eine ästhetisch ansprechende Form verpacken lassen. Genau dies macht „YOU\ME/ALIEN“ zu einem sehenswerten, erlebenswerten Stück: Der Blick unter die Oberfläche des Science-Fiction-Plots zeigt, wie geschickt sich die Produktion in Gestalt eines poetischen musikalisch-szenischen Diskurses mit zentralen gesellschaftspolitischen Fragen befasst und politisch eindeutig Stellung bezieht, ohne ins Moralisieren zu verfallen: Hier wird der Mut zur Vielfalt zelebriert, die Hinwendung zum Anderen als Entwicklungschance begriffen. Und der Kampfbegriff „Tradition“, der seit jeher als Sammelbecken für Gedankenfaulheit dient und eigentlich nur dazu beitragen soll, kulturelle Identitäten durch Übereinstimmung mit vorgegebenen Rastern zu bestätigen, wird mit Verve von der Bühne gewischt. Ein klares Bekenntnis zur Bereicherung durch Diversität.

  • Weitere Aufführungen: Theater im Delphi, Gustav- Adolf-Str. 2, 13086 Berlin: 6. & 7. Februar 2026 (20:00 Uhr) sowie 8. Februar (18:00 Uhr)
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