Hauptbild
Münchener Biennale V01CES//B0D1EZ (c) Cordula Treml

Münchener Biennale 2026: „V01CES//B0D1EZ“ am Akademietheater. Foto: Cordula Treml

Hauptrubrik
Banner Full-Size

Henze bleibt auch im Schredder relevant: Auftakt der Münchener Musiktheater-Biennale

Vorspann / Teaser

Die ersten Premieren der Münchener Biennale für neues Musiktheater sind über die Bühne gegangen. Zwischen KI, Robotern und Schicksalsnornen war immerhin auch Raum für Musik.

Publikationsdatum
Paragraphs
Text

Wie lange ist eigentlich 1973 her? Blickte man auf die Videoeinblendungen, die Alexander Hügel für die Produktion des ersten Teils des gut einstündigen Doppelabends „V01CES//B0D1EZ“ in der Regie von Amy Stebbins zusammengestellt hatte, dann kamen einem die Texte, die Hans Werner Henze vor über 50 Jahren in seinem Liedzyklus „Voices“ vertonte, erschreckend gegenwärtig vor. Bilder von Textilfabriken, Protestdemos oder Drohnenkrieg zeigten plakativ, aber schlüssig, dass die in Henzes Liedern angesprochenen Missstände sich nicht erledigt, sondern vielmehr potenziert haben. Von Sänger:innen der August Everding Theaterakademie und Musiker:innen des Münchner Kammerorchesters unter Bas Wiegers exzellent dargeboten, machten die Auszüge Lust, diesen Zyklus – ein Exempel, wie gut engagierte Musik musikalisch sein kann – einmal wieder komplett zu hören.

Zum 100. Geburtstag Henzes (1926–2012) und zur 20. Ausgabe der von ihm gegründeten, 1988 erstmals ausgetragenen Münchener Biennale für neues Musiktheater lag es nahe, sich mit seinem Schaffen auseinanderzusetzen. Eine Auswahl von acht Liedern aus „Voices“ nimmt Piyawat Louilarppraserts zum Ausgangspunkt von „R3SIST4NC3 B0D1EZ“. Darin lässt er nach anfänglichen Berührungsängsten und Programmierfehlern einen humanoiden Roboter das Kommando übernehmen. Nachdem die Arbeiter:innen in Laborkitteln aus dem „Voices“-Teil unter anderem Henzes Partitur rituell dem Schredder übergeben haben, tanzen sie in Anbetung des Roboters zu den plumpen Machinenbeats, die dieser dirigiert.

Mit Clownsmaske steht der am Ende auf der rotierenden Bühne, neben ihm auf dem Boden ein Amazon-Bote, der sich zu Tode gearbeitet hat. Die Musiker setzen sich dazu „Make Klassenkampf great again“-Käppis auf. Musikalisch nennenswert war in diesem Halbstünder am ehesten noch das Blasen auf den kartonweise an die Musiker ausgelieferten „Shrimps“ – zu überschaubarer Klangentfaltung fähige Plastikröhrchen.

Nicht eben subtil das Ganze, aber immerhin klarer konzipiert als das, was Zari Ali ihrem Publikum in „Codeborn“ zumutete. Darin wird ein Informatiker zum Versuchskaninchen einer KI. Er liegt dabei zwischen Blumenrabatten und geleerten Softdrinkdosen in seinem Bett, während die in roten Lackuniformen gekleideten Musiker außenrum für die Bewachung zuständig sind (Bühnenfassung: Hannah Dübgen). „Künstliche Intelligenz hat definitiv das Potenzial zum Erhabenen“, hatte die Komponistin vorab zu Protokoll gegeben. Was sich in der mal wieder düster vernebelten Muffathalle (nach über zehn Minuten Einstiegsberieselung mit verstimmten Cembalotönen aus dem Computer) zwischen KI-generiertem Textkauderwelsch, Elektroniktumulten und kaputtem Purcell abspielte, entzieht sich der Beschreibung. Wenn das Erhabene so aussieht und klingt wie hier, sind wir geliefert.

Bild
Münchener Biennale_Endlich (c) Nancy Jesse

Münchener Biennale 2026: „Endlich“. Foto: Nancy Jesse

Text

Da lohnt vielleicht doch die Rückbesinnung auf das zerbrechliche Wesen Mensch. Asia Ahmetjanova und Franziska Angerer machen in „Endlich“ die Unerbittlichkeit des Altwerdens und Sterbens zum Thema. Drei Nornen (sängerisch herausragend: Constanze Jader, Lana Maletić, Jens Ginge Skov) sitzen auf erhöhten Gerüsten und wachen über die Schicksalsfäden, die in Form von Bändern den Saal der Freiheitshalle überspannen. Es sind sieben nackte Alte, die nach und nach der Tod ereilen wird. Vorher dürfen sie aber noch zu ihrer Lieblingsmusik tanzen und summen, bevor einer nach der anderen auf einem Stuhl mit Lehm symbolisch beerdigt wird. Die Laiendarsteller:innen Anton Kazda, Waki, Kurt Reinstein, Heidi Krause-Kohm, Armin Dallapiccola, Edeltraut Lettow und Ziv Frenkel verleihen dieser radikalen Zurschaustellung gebrechlicher, aber nach wie vor anmutiger Körper auf beeindruckende Weise Würde.

Asia Ahmetjanova hat eine klare musikalische Dramaturgie aus dem ätherisch-geheimnisvollen Nornengesang (der mythologisch aufgeladene Text stört nicht weiter) und den fein austarierten Klängen des Instrumentalensembles geformt (es spielt das ausgezeichnete Ensemble Mosaik unter Leonard Weiss). Dass die Abfolge eines Requiems zugrunde liegt, tritt nicht in den Vordergrund, verleiht dem gut einstündigen Stück aber eine unterschwellig wahrnehmbare Struktur.

Dass der rituelle Lehm beim jeweiligen Todesschnitt der Nornen mit Wucht aus hängenden Körben auf den Boden knallt (man fühlt sich an die Guillotine aus Poulencs „Karmeliterinnen“ erinnert) und dass am Ende dann auch noch ein Klumpen für uns übrig bleibt, ist etwas dick aufgetragen. Auch so wissen wir: Früher oder später sind wir selbst dran. Hoffentlich tanzen wir bis dahin noch ein wenig.

Ort