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Mokka-Hits und Milchbar-Träume. Axel Ranisch und Adam Benzwi. Eine Revue [2026]. Foto: Jan Windszus Photography

Mokka-Hits und Milchbar-Träume. Axel Ranisch und Adam Benzwi. Eine Revue [2026]. Foto: Jan Windszus Photography

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Mokka und Milchshake in der sozialistischen Eisdiele oder: Joe, mach die Musik von damals nach

Vorspann / Teaser

Manchmal überkommt es mich. Dann muss ich im RBB-Fernsehen die Sendung „Damals wars“ von Wolfgang Lippert glotzen, alte Schallplatten einschieben und der Sehnsucht nach dem „damals-weiß-du-noch-wie schön-es-war-und-was-es-alles-nicht-gab-hahaha“ frönen. Ostalgie nennen das die Leute aus Neufünfland, und „Ostmugge“ heißt das in Musikerkreisen und funktioniert auf den kleinen und großen Bühnen rings um Berlin immer noch tadellos.

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Die neue Produktion der Komischen Oper unter dem sentimental-lustigen Titel „Mokka-Hits und Milchbar-Träume“ lockte ein zahlreiches, gutgelauntes und lebhaft applaudierendes Publikum an. Nach dem riesigen Erfolg von „Messeschlager Gisela“ im Sommer 2024 im Zelt am Roten Rathaus bleibt die Komische Oper weiter erfolgreich auf Spurensuche in der Sparte „Heiteres Musiktheater“ in der DDR.

Schon mit „In Frisco ist der Teufel los“ grub das Ensemble im Dezember 2025 in einer semikonzertanten Fassung ein längst vergessenes Werk von Guido Masanetz aus, der 1962 einen musikalischen Ausflug ins kapitalistische Ausland wagte und rauen Seemannshumor mit tanzlustigen DDR-Amerikanismen vereinte. Meine Mutter hatte eine Schallplatte von dieser Operette und den Titelsong habe ich noch im Ohr: „Wer braucht Geld / der keins hat / wer keins hat / wird nicht satt / und macht sich Gedanken / über sein Leben / in dieser Stadt.“ Das ist doch eine ziemlich aktuelle Zustandsbeschreibung geblieben. Leider habe ich die Aufführung verpasst. Zum nächsten Ost-Revival im Dezember 2026 in der KOMISCHEN OPER gehe ich aber wieder hin. Da wird ein weiteres Erfolgsstück des „Heiteren Musiktheaters“ der DDR, nämlich das Musical „Bretter, die die Welt bedeuten“ von Gerhard Kneifel, dargeboten. Das Stück stellt eine turbulente Musicalversion des Schwanks „Der Raub der Sabinerinnen“ dar und wartet mit Ragtime, Slow Rock und jeder Menge Ulk auf. „So kommt mit Strieses Wandertruppe die ‚Mississippi Musik‘ ins Ostseebad, der Bossa-Nova nach Brandenburg – und vor allem: endlich Hochkultur ins kleinste Kaff!“ (Werbetext Komische Oper).

Die Strategie des Hauses, das Repertoire in Richtung vergessener Werke von DDR-Komponisten zu öffnen, ist richtig und überfällig. Die Komische Oper verbreitert damit ihre stilistischen Fähigkeiten und erweitert die Genregrenzen um wichtige Themen. Denn die Komische Oper steht in Berlin im Wettbewerb zu zwei weiteren bedeutenden Opernhäusern, und da tun Vielfalt und Abwechslung allen gut.

Man kann diese Projekte auch als Wiedergutmachung für die letzten dreieinhalb Jahrzehnte kompletter Nichtbeachtung durch fast alle deutschen Bühnen verstehen. Welches Berliner Theater-Ensemble sollte das sonst leisten können? Und: Mindestens 60–70 Prozent des Publikums der Komischen Oper kommen aus dem Osten Berlins oder aus Brandenburg; nicht ohne Grund wurden in der Vorstellung die „Charlottenburger“ unter großer Heiterkeit extra begrüßt.

Die Mokka-Milch-Eisbars verfolgen das Konzept, Mokka, Milchshakes und Eisbecher anzubieten und waren sehr beliebt. Es gab sie in vielen größeren DDR-Städten. Leipzig hatte natürlich die schönste, denn dort habe ich meine erste Frau kennengelernt. Berlin aber gebührt das Privileg, das Original an der Karl-Marx-Allee (Nähe Kino International) gegründet zu haben, welches 1968 sogar durch den gleichnamigen Schlager von Thomas Natschinski popkulturell verewigt wurde und der hier zu besprechenden Revue zum Titel des Stückes inspirierte.

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Mokka-Hits und Milchbar-Träume. Axel Ranisch und Adam Benzwi. Eine Revue [2026]. Foto: Jan Windszus Photography

Mokka-Hits und Milchbar-Träume. Axel Ranisch und Adam Benzwi. Eine Revue [2026]. Foto: Jan Windszus Photography

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Meine Erwartungen waren hoch, aber begrenzt: Ein lustiges Spektakel würde mich erwarten mit den alten Liedern in frechen Kostümen und viel Ballett. So kam es auch, aber es kam auch anders. Die wundervollen Gesangsstimmen von Maria-Danaé Bansen, Gisa Flake, Mirka Wagner, Johannes Dunz, Philipp Meierhöfer, Nico Holonics und Thorsten Merten waren zu hören, die im Programmheft namentlich nicht genannt werden, sondern als „7 Darsteller:innen“ anonym blieben. Das ist schade und auch ein bisschen ungerecht: Ein Theater muss doch mit seinen Pfunden (lies: Solisten) angeben, zumal wenn es so viele sehr gute davon hat !

Das Bühnenbild von Saskia Wunsch und die Kostüme von Alfred Mayerhofer erzählen mit ihren Mitteln die Geschichte mit und ergänzen sie da und dort um schöne Details. Das ist an allen Bühnen mittlerweile hoher Standard, aber an der Komischen Oper ist alles immer ein bisschen liebevoller und hat mehr Pepp.

Der Dirigent und Pianist Adam Benzwi leitete ein kleines Orchester, geteilt in eine spielfreudige Pop-Band, die auf der Bühne platziert war, und ein größeres Bläser-Streicher-Ensemble hoch droben im Hintergrund der Bühne. Zu hören waren exzellente Arrangements, aber vor allem auch echte Chorusse, ausgeführt von Trompete, Saxophon, Klarinette, Posaune und Gitarre. Die Gitarre, im Orchester sonst eher unbedeutend, konnte hier einmal nach Herzenslust rocken und jazzen und der gutaufgelegte Kollege tat dies mit sichtbarem Vergnügen und großem Können auf drei verschiedenen Instrumenten. Der Chor schon seit vielen Jahren eine der wichtigsten Stützen des Hauses und von der Zeitschrift „Opernwelt“ 2007 und 2015 als Chor des Jahres ausgezeichnet, zeigte in der Einstudierung von Inga Diestel sein gesangliches Können und seine Fähigkeit, kleinste Klangnuancen exemplarisch zu gestalten. Einer dieser Chorsätze blieb mir in besonderer Erinnerung: Die Kinderhymne von Brecht/Eisler war so innig, so romantisch deutsch und herzergreifend gesungen, dass das Lied wie ein Nachklang von „Oh Täler, weit oh Höhen“ von Mendelssohn klang oder den Hauch eines Bach-Chorals mitbekam. Der Regisseur schreibt dazu im Programmheft: „Mein Augenmerk lag […] darauf, Texte auszuwählen, die uns auch heute noch etwas erzählen, [..] etwas, was sehr berührend auf den Punkt bringt, dass es in Wirklichkeit nicht um Ost oder West geht, sondern dass die zwei Zonen von Deutschland schon immer die Kantaten von Bach auf der einen Seite und die Granaten von Krupp auf der anderen Seite waren.“ Ich schreibe: Das war und ist große Kunst, Respekt! Leider kann ich zu den Bearbeitern keine genaue Auskunft geben: Im Programmheft ist Adam Benzwi als Arrangeur genannt. Auf der Website der Komischen Oper steht unter der Rubrik Orchestration der Name Daniel Busch. Wer die Chorsätze geschrieben hat, war nicht zu ermitteln. Das ist ein kleiner Schönheitsfleck, denn ich halte das Einrichten, Arrangieren und Orchestrieren für eine wichtige Arbeit innerhalb einer Theaterproduktion und gleichwertig mit dem Handwerk der singenden, tanzenden und Instrumente spielenden Zünfte: Ohne Noten wird das alles nichts. Und die muss ja jemand vorher gebastelt haben. Die korrekte Namensnennung ist eine Gerechtigkeitsfrage.

Festzuhalten bleibt, dass diese Mokka-Hits und Milchbar-Träume-Revue die beste DDR-Fernseh-Unterhaltung war, die ich je gesehen habe. Sie folgte in vergnüglicher Weise der Aufforderung der Lilian im Chanson des Surabaya-Johnny aus dem Stück „Happy End“ von Brecht/Weill: „Joe, mach die Musik von damals nach“, und der vielfache donnernde Applaus, der durch das Haus tobte, bestätigten das Konzept und die Leistungen der Mitwirkenden eindrücklich. Aber Ranischs Inszenierung zeigte eben auch noch die Kehrseite der lustigen Mitklatsch-DDR-Unterhaltungs-Parodien. Sie zeigte die Mauer als bedrohliche Hintergrundkulisse, sie zeigte Mangel, Bonzen, ideologische Verblendung, Unsicherheit, Flucht, die Maueröffnung (ein ergreifender Moment stiller Poesie). Und sie zeigt die bitteren Wunden der Nachwendezeit. Ranisch schreibt dazu: „Anfangs wollten wir keine Chronologie […] Aber irgendwann merkten wir, dass der Abend stärker wird, wenn man die Widersprüche offen neben- und gegeneinander stellt. Darum beginnt die Revue nun tatsächlich bei der Stunde null.“ Benzwi wirft ein: „Was auch den Vorzug hat, dass fast zwangsläufig ein Spannungsbogen entsteht. Die ersten Lieder sind noch voller Hoffnung und guter Vorsätze. Und dann kommt es zu Ernüchterungen, die Utopie des Anfangs wird brüchig.“ Leider wird das Vorhaben, die Widersprüche nicht zuzukleistern, im hinteren Drittel der Revue aufgegeben, zugunsten einiger internationaler Hits, die wundervoll gesungen und performt waren, aber den Abend ein bisschen in Richtung Florian Silbereisen abgleiten ließen. Der Beifall war gigantisch. Geschenkt.

In der Revue erklang passenderweise auch der „Lipsi“; ein auf Geheiß von Walter Ulbricht in Leipzig erfundener Modetanz. Davor fragte Walter Ulbricht seine Genossen auf dem Parteitag 1965: „Ist es denn wirklich so, dass wir jeden Dreck, der vom Westen kommt, nu kopieren müssen? Ich denke, Genossen, mit der Monotonie des Je-Je-Je, und wie das alles heißt, ja, sollte man doch Schluss machen. (Ankündigung des Verbots westlicher Beatmusik auf dem XI. Plenum des ZK der SED, anspielend auf das Yeah der Beatles“ (Wikipedia).

Nu ja, nu nee, der Modetanz Lipsi war im langsamen 6/4-Takt und sollte die Jugend die Freude an der Bewegung lehren. Die lachte sich kaputt und hörte Beatmusik im Westradio. Obwohl, mit so einem eleganten Charme, wie das Ballett der Komischen Oper das tanzt, da konnte wirklich Freude an der Bewegung aufkommen. Diese wundervolle Nummer hätte Ulbricht sicher gern nach ein paar Gläschen Wodka seinen sowjetischen „Freunden“ gezeigt, und die hätten vor Neid dann wieder die Erdöllieferungen gedrosselt nach einem Ost-Witz aus der Revue: Anfrage an Radio Jerewan: Sind die Russen Freunde oder Familie? Antwort: Familie. Freunde kann man sich aussuchen“.

Natürlich kann man an einem Abend nicht alles zeigen, nicht alles spielen. Es gibt viel, allzu viel Musik aller Art aus diesen vierzig Jahren. Und zu komplex ist die Geschichte der DDR verlaufen, da bleiben Sprünge und Weglassungen nicht aus. Im Textbuch finden sich ergänzend einige Gedichte, die andere Facetten beschreiben u. a.: Sozialistischer Biedermeier (Kurt Bartsch), Wie viele sind wir eigentlich noch (Thomas Brasch), Das Eigentum (Volker Braun) sowie einige Texte aus Distel-Kabarettprogrammen, die teilweise auch in der Bühnenhandlung eine Rolle spielen.

Man sollte sich bei aber aller Zustimmung und allem Wohlwollen auch das Bewusstsein dafür bewahren, dass in dem unterhaltenden musikalischen Mokka-Milch-Eis-Mix nur die Musik von Künstlern zu hören war, die die Hürden der Lektorate, der Gremien bei Funk und Fernsehen überwunden hatten und öffentlich stattfinden durften. Jedes Wort dieser Revue war zur Entstehungszeit durch eine harte Zensur gegangen. Textänderungen waren die Regel und wurden mehr oder weniger sanft erzwungen. Wer ins Fernsehen und den Rundfunk und auf die Schallplatte wollte, hatte da gefälligst nachzugeben. Die größten Chancen hatten diejenigen Komponisten, die den westlichen Vorbildern am nächsten kamen. Der Begriff „Qualität“ in der Unterhaltungsmusikbranche in der DDR bedeutete: Was können wir devisenbringend rüberschicken; wer ist musikalisch kompatibel für den Westen? Adam Benzwi schreibt dazu im Programmheft: „Westdeutschland war regelrecht mit amerikanischer Musik geflutet. […] Trotzdem höre ich musikalisch kaum Unterschiede. Die zeigen sich in den Texten. (Ja, die armen Textdichter hatten immer alles auszubaden und es ist bemerkenswert, mit welchem Geschick sie das ertrugen und manchmal sogar nicht verloren haben.) Es ist aber immer sehr aufwendig und sehr gut produzierte Musik, was auch mit dem hohen Standard der Ausbildung zu tun hat […]. Das gab es im Westen erst später. […] Wenn das Publikum mit neuen Melodien und neuen Fragen nach Hause geht, dann haben wir viel erreicht.“

Der Rezensent, der noch alte Felsenstein-Inszenierungen gesehen hat, der die Harry Kupfer-Zeit geduldig ertragen, Ruth Berghaus bejubelt und fast jede Inszenierung von Barry Kosky genossen hat, applaudiert jedenfalls gutgelaunt und kommt wieder.

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