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Nicole Wacker, Martin Tzonev, Alyona Rostovskaya, Kai Kluge, Chor und Extrachor des Theater Bonn. Foto: © Bettina Stöß

Nicole Wacker, Martin Tzonev, Alyona Rostovskaya, Kai Kluge, Chor und Extrachor des Theater Bonn. Foto: © Bettina Stöß

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Odin der Schäferhund – Webers „Freischütz“ in Bonn

Vorspann / Teaser

In Bonn macht Volker Lösch mit seiner Version von Webers „Freischütz“ seinem Ruf als politischer Regisseur alle Ehre.

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Volker Lösch ist ein Schauspiel- und Opernregisseur, der beim Brückenschlag zwischen Kunst und Wirklichkeit in seinen Inszenierungen auch plakative Kurzschlüsse nicht scheut. Seine Dresdner „Dreigroschenoper“ endet vor drei Jahren mit einem blauen Triumph bei der nächsten Landtagswahl. Nun hat er in Bonn Webers über zweihundert Jahre alten „Freischütz“ mit dem Untertitel „Alptraum für Deutschland“ versehen. Und auch genauso inszeniert.

In der Oper der Ex-Hauptstadt geht es im Jahr 2029 der Demokratie im Bund an den Kragen. Lösch hat zusammen mit dem theaterversierten Autor Lothar Kittstein das ohnehin notorisch bekrittelte Libretto von Friedrich Kind mit einer neuen Dialogfassung versehen und auch in die Texte der Musiknummern eingegriffen. So wird das Label „Nationaloper“ von Webers Dauerbrenner nicht wie meistens auf seine Deutungsmacht mit Blick in die Vergangenheit bis hin zum Dreißigjährigen Krieg ausgelotet, sondern zur düsteren Vision eines postdemokratischen, ins Autoritäre abdriftenden Deutschlands. Das bei Weber noch in utopischer Ferne liegende „Deutschland“ schafft es so auffallend oft in den Text. Immer mit dem Impetus einer separierenden Abgrenzung von allem, was nicht deutsch ist, so aussieht oder dazu gehören soll.

Ein Klasse für sich sind in dieser Hinsicht die exzellent gemachten Videos von Robi Voigt. Sie bekennen sich mit trotziger Offenheit zu ihrer verführerisch manipulativen Absicht, indem sie geschickt auf im kollektiven Unterbewusstsein verankerte Klischees zielen. So viele fröhlich blonde Arier auf einen Haufen gab es wohl seit Leni Riefenstahl nicht. Und so viele bedrohliche Massen von Fremden auch nicht. Da ist es folgerichtig, dass Nero, der Kettenhund, in Ännchens populärer Traumdeutungs-Ballade zu Odin dem Schäferhund mutiert und das Bedrohliche in Agathes Traum der zur Schändung entschlossene Fremde ist.

Zentral für diese „Freischütz“-Überschreibung ist die Rolle von Samiel. Aber nicht, weil die Teufelsfigur im Stück weiblich ist, sondern, weil diese blonde, taffe Frau im Politikerinnen-Kostümblau bei Birte Schrein die Kanzlerkandidatin einer zur Machtübernahme entschlossenen Partei ist, die obendrein über eine kampfbereite Gefolgschaft verfügt.

Zu der gehört auch Afghanistan-Veteran Max. Kai Kluge spielt ihn zwischen zögerlich und entschlossen und singt ihn mit hinreißend sicherem, strahlendem Tenor. Der hat die Chance, nach dem Wahlsieg (und erfolgreichem Probeschuss) der Schwiegersohn vom Parteivorsitzenden Kuno (mit opportunistischer Würde: Martin Tzonev) zu werden und den Posten des neu geschaffenen Heimatministers zu übernehmen.

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Kai Kluge, Tobias Schabel, Chor des Theater Bonn. © Bettina Stöß

Kai Kluge, Tobias Schabel, Chor des Theater Bonn. © Bettina Stöß

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Samiel hält etliche ausführliche Reden in forciertem Original-AfD-Sprech. Gut recherchiert und immer mit Quellenangaben versehen, wird in großen Lettern eingeblendet, was an blauen Kernsätzen heute so kursiert. Zur (Re-)Migration, Nation oder zum Frauenbild.

Dieser verbale Alptraum wird in der Wolfsschlucht zur Szene. Da treffen sich Samiel Max und sein Ex-Freund und Rivale bei Agathe, der rechte Kampfsportler Kaspar (Tobias Schabel), auf einem Parkhausdach und erschießen „zur Übung“ a la NSU Migranten. Wie die Nazis in Jelineks „Würgeengel“ die Juden, oder wie die Sniper-Touristen Mitte der 90er Jahre zufällig vor das Zielfernrohr laufende Einwohner von Sarajewo. Selten ist der Wolfsschlucht-Spuk so treffsicher bebildert worden. Und das in des Wortes makabrem Doppelsinne. Ebenso der martialische Jägerchor mit der eingeblendeten Auflistung der Opfer rechter Mordanschläge in Deutschland. Mit Namen, Ort und Umständen. Da läuft der „Freischütz“ tatsächlich zum Alptraum Deutschland auf.

Mit ihrem opulenten Einheitsbühnenbild beschränkt sich Carola Reuther auf den ausgedienten Plenarsaal des Bonner Bundestages. Mit Bundesadler im Hintergrund und schon von der Natur überwucherten Plätzen, auf denen jetzt die rechten Gefolgsleute (Kostüme: Cary Gayler) und willigen Helfer der diabolischen Kanzlerkandidatin Samiel lümmeln. Das ist eine metaphorische Raumidee, die auch praktisch und im Detail funktioniert.

Auch für die Szenen, in denen es mit komödiantischem Witz zugeht. Ännchen (mit umwerfender Präsenz: Nicole Wacker) und Agathe (mit berührender Intensität: Alyona Rostovskaya) als Musterhausfrauen, die ihren Mann umsorgen. Wie die beiden ihre Videos drehen, um das Frauen- und Familienideal aus den Reden ihrer Kanzlerkandidatin zu propagieren ist (noch) ausgesprochen witzig in seiner ausgestellten 50er-Jahre Gestrigkeit. So ähnlich ist es auch beim Jungfernkranz. Wenn Joëlle Fleury, Heejin Rachel Park, Ji Young Mennekes und Mary Rosada für ihren Gassenhauer anrücken, dann tragen sie ihren nackten, hochschwangeren Bauch vor sich her. Als auch noch Ännchen so daherkommt, wird es Agathe Angst und Bange vor so viel „Mutterglück". Den beiden Frauen billigt Lösch immerhin ein wachsendes Unbehagen an den Veränderungen zu, die da vor allem von den Männern und ihrer teuflischen Anführerin inszeniert werden. Wobei deren sichtbare Distanzierung am Ende dann doch eher behauptet, als hergeleitet ist.

Mit komödiantischem Witz ist auch das Finale gespickt, bei dem Samiel den teuflischen Plan zur Machtübernahme umsetzt. Sie macht ihre Leute mit der Aussicht auf ein Attentat auf den Kanzler (Johannes Mertes übernimmt in Merz-Maske zum Gaudi des Publikums die Rolle des Fürsten Ottokar) kirre. Sie erschießt aber dann eigenhändig den Attentäter Kaspar, um vor aller Augen als gewaltfrei und regierungsfähig zu erscheinen. Mit Hilfe von Christopher Jähnigs salbungsvoller Argumentationshilfe, und weil man „nun schon mal in der Oper ist“, geht der teuflische Plan auf. Der Kanzler geht Samiel auf den Leim, die Brandmauer fällt, dazu kommt die (noch) nötige Mehrheit der Stimmen und Samiel wird der künftige Kanzler. So sehr das nach dramaturgischer Brechstange klingt, so weit ist diese „Koalition“ nicht vom originalen Finale entfernt.

Am Ende der Premiere steuerte das Publikum noch eine dialektische Pointe bei. Da hatten sich etliche der Buhrufer schon auf die teuflischen Sprüche von Möchtegern-Bundeskanzlerin Samiel eingepegelt. Ihre Buhs trafen da aber – mutmaßlich irrtümlich – die letzte Videoeinblendung „2029 AFD VERHINDERN“. Auch eine Art von Bestätigung für Löschs Menetekel-Ästhetik, mit der er die Abgründe einer möglichen Zukunft an die Wand malt, auf dass sie nicht stattfinde.

Dieser neue „Freischütz“ ist nicht nur eine szenische Herausforderung mit Unterhaltungswert und genügend Stoff zum Nachdenken. Er ist außerdem auch musikalisch ein Fest. Und das nicht nur, weil das Protagonistenensemble und der fabelhafte, von André Kellinghaus einstudierte Chor, sondern auch Lothar Koenigs und das Bonner Beethoven Orchester Webers Musik zur veränderten Handlung hoch halten.

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