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Peter Hoare (Matěj Brouček). Foto: © Bregenzer Festspiele / Anja Köhler

Peter Hoare (Matěj Brouček). Foto: © Bregenzer Festspiele / Anja Köhler

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Wir sind alle Dada-Gaga – Im Bregenzer Festspielhaus blüht Leos Janáčeks Opern-Orchidee „Die Abenteuer des Herrn Brouček“

Vorspann / Teaser

Polit-religiöser Wahn und sogar Irrsinn feiern derzeit Triumphe. Unsere Welt scheint vielfach aus den Fugen. Vergleichbares musste Komponist Leos Janáček 1916–17 durchleben: Weltkrieg, nationale Unabhängigkeitswünsche, zunehmende Gesellschaftskritik, künstlerische Umbrüche, private Turbulenzen … Dazu passte keine regelgerechte Oper…

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Bis zu seiner späten Anerkennung ab etwa 1909 hatte Janáček die meisten „Niederungen“ menschlichen, gesellschaftlichen und künstlerischen Daseins durchlitten. Das hat seine grundsätzlich humane Orientierung, insbesondere seine Anerkennung weiblicher Deprivierung im Kontrast zu männlichem Versagen, gefestigt … und dann letztlich auch seine Lust, dem – nicht nur tschechischen – Spießbürger ein musikdramatisches „Denk-mal!“ zu setzen… nämlich 1908–17, mit Überarbeitungen 1920 und 1926 „Die Ausflüge des Herrn Brouček“.

Die Stoff- und Werkgeschichte ist schon ein eigenes, eigenwilliges und turbulentes Opus. Für die Aufführungspraxis muss das komprimiert heißen: in die Traum-, Trick- und Zauberkiste allen Theaters greifen – und dazu diesen musikalischen Janáček-Tonfall treffen. Genau dafür gibt es Festspiele und die zweite Neuproduktion diesmal im Bregenzer Festspielhaus erfüllte dies – zu Recht umjubelt.

„Bitte mehr Janáček in den Spielplänen!“

Schon die ersten Takte von Dirigent Robert Jindra und den hellwach spielfreudig klingenden Wiener Symphonikern bestätigten dies: eine Ahnung von klanglichem Gekicher und Gemecker – und dann der erste dieser wiederkehrenden, von Blechfanfaren gekrönten Aufschwünge – und dann gleich auch wieder die Brechung ins Kleine. Dazu im Verlauf mal der freche Umbruch im Tonfall, eine ganz der Situation angepasste Sprechmelodie – und dann die große, süße, herzerwärmende Kantilene… all das gelang glänzend – und ließ bis zum Schluss den Wunsch durch Herz und Hirn geistern „Bitte mehr Janáček in den Spielplänen!“

„Geistern“ wurde dann als weitere Herausforderung des Werkes erfüllt. Denn der mit viel Bier, dazu schon ordentlich Würstel in seinem Polstersessel und in seinem Prager Häusel sitzende und träumende Matéj Brouček erlebt zwar viel Realität in seiner kleinbürgerlichen Nachbarschaft – aber Alkohol und seine nicht nur typisch tschechische Mixtur aus Ablehnung, Einmischung und Spintisiererei weitet alles um ihn her …

Da muss aller Bühnenzauber beginnen, denn der Mond über Prag … und junge Liebe … und Suff … da grüßen Dada und unser Gaga … all das wird in seinem a-logischen Wirbel jetzt auch für diese Zeilen schwierig – also und dennoch: Regisseur Yuval Sharon, Ausstatter Jon Bausur, Video-Zauberin Hannah Wasileski, Choreograph Crispin Lord und „Licht-Spieler“ Yi Zhao haben mal über die in der tschechischen Theaterkultur gepflegte „Laterna magica“ hinaus einfach in die Illusions- und Zauberkiste gegriffen. Wandernd verwandelte Stadtsilhouette, ein sich drehendes Brouček-Häuschen, Sternenflug, Mond, streng „wirr-denkende“ Weltall-Gesellschaft in Gaze-Kästchen und vieles mehr wirbelte im ersten Werkteil … Folglich be- und verrückt animierte Pause …

Zeitge­nosse der Zukunft

Dann entdeckte Brouček den Prager Untergrund. Spektakulär klappte der Bühnenboden hoch und in gespiegelter „Realität“ ruhte da der tschechische Versuch zu Unabhängigkeit mit Jan Hus. Mit etlichem Kostümzauber wurden da Hussitenkrieg und alt-neuer Nationalismus gefeiert, doch dem Kämpfer-wider-Willen Brouček geht es am Ende nur um Bier und Wurst … Dass dieser auch Janáček-biografische Historien-Teil nicht zu lange geriet, war dem Prager Philharmonischen Chor unter Lukáš Vasilek zu danken: idiomatisch genauer und in überwältigender Begeisterungsklangfülle kann die damalige tschechische Unabhängigkeit nicht besungen werden. Über all dem Musiktheater-Zauberwirbel nicht zu vergessen: Peter Hoare war in Strickjacke und leicht ausgebeulter Alltagshose ein perfekter Brouček; Tatev Bajoran ließ durch alle Welten Männer-betörenden Sopran-Zauber leuchten – und dann kann der Besetzungzettel nicht wiedergegeben werden: denn Mihails Culpajevs, Károly Szemerédy oder Jan Štáva wie nahezu alle übrigen glänzenden Solisten waren in Mehrfachrollen kaum nachzuerzählen – tutti bravi! Aller Jubel verdient!

Nach dem Abklingen des Gefühlsüberschwangs: Janáček ist in nahezu allen Werken ein Komponist, den sowohl die Suche nach „Wahrheit, der äußersten Wahrheit“ wie auch die „com-passion“, das Mitleiden mit dem Menschlichen in seinen Bühnenfiguren zum Komponisten des sozialen Mitleids macht – so weist er über unsere recht lieblose Zeit hinaus. Das macht Janáček zu einem Komponisten dieses jungen Jahrhunderts, ja macht ihn letztlich zu einem Zeitge­nossen der Zukunft, in dem vielleicht einmal das „Prinzip Liebe“ prägend wird – wovon seine Musik oft überwältigend tönt. Für Janáčeks Hörer:innen und Zuschauer:innen auf dem Weg hinaus in die Nacht ist das eine wundervolle Verheißung…

  • TV-Aufzeichnung in ORF 2 am 02.08.2026 – 22.10 h
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