Dirigent Michael Gielen im Alter von 91 Jahren gestorben


(nmz) -
Der deutsch-österreichische Dirigent und Komponist Michael Gielen ist im Alter von 91 Jahren gestorben. Wie seine Familie dem öffentlich-rechtlichen SWR am Freitag mitteilte, starb Gielen in seinem Haus in Mondsee in Österreich. Gielen leitete von 1986 bis 1999 das Sinfonieorchester des SWR. Er gehörte mit seinem umfangreichen Repertoire von Bach bis zur Moderne, von sinfonischer Literatur bis zur Oper, zu den wichtigen Dirigenten der Gegenwart. (Wir haben für Sie einige Texte zu Gielen aus der neuen musikzeitung von Gerhard Rohde, Gerhard R. Koch und Wolf-Dieter Peter für Sie zusammengestellt).

„Wir haben mit Michael Gielen einen der großen Dirigenten des 20. Jahrhunderts verloren. Als Chefdirigent hat er das SWR-Sinfonieorchester in den 1980er Jahren zu noch größerer künstlerischer Größe geführt“, würdigte SWR-Intendant Peter Boudgoust den Verstorbenen.

Der Künstler musste sich bereits 2014 aus gesundheitlichen Gründen vom Dirigentenpult zurückziehen. Davor hatte der Spezialist für Neue Musik für Jahrzehnte die Etablierung der Avantgarde im Konzertbetrieb vorangetrieben und schon als 22-Jähriger mit der Aufführung des gesamten Klavierwerks von Arnold Schönberg für Aufsehen gesorgt.

Geboren wurde Michael Gielen am 20. Juli 1927 in Dresden. Seine Karriere als Dirigent startete er als Autodidakt in Argentinien, wo seine Familie auf der Flucht vor den Nazis 1940 eine neue Heimat gefunden hatte. 1950 begann er an der Wiener Staatsoper zu arbeiten.

Es folgten Engagements als Chefdirigent der Königlichen Oper Stockholm, des Belgischen Nationalorchesters und der Niederländischen Oper. 1977 trat Gielen die Position des Chefdirigenten der Frankfurter Oper an, die er bis 1987 inne hatte. Parallel dazu war er einige Jahre Erster Gastdirigent des Londoner BBC Symphony Orchestras.


Zu Michael Gielen in der nmz:

Gerhard Rohde: Der Dirigent und Komponist Michael Gielen wird siebzig

„(…) Michael Gielen als Orchestererzieher: nicht im Stile eines Dompteurs, sondern als Überzeugungstäter, der die Musiker auf sein musikalisches Ethos, auf den Anspruch, den das Werk an den Interpreten stellt, einschwört. (…)“

Gerhard R. Koch: Anti-Schamane – Michael Gielen zum achtzigsten Geburtstag

„(…) Gleichwohl ist kaum vorstellbar, dass Michael Gielen der Idee vom l‘art pour l‘art, Vorstellungen vom weltentrückten „Glasperlenspiel“ oder „Elfenbeinturm“ – eher altmodischen Bildern für die selbstgenügsame Isolation des Künstlers – zuneigen würde. Dies haben weder Hegel noch Adorno gemeint – und erst recht nicht Gielen. Dafür ist das Prinzip „Wahrheit“ viel zu verpflichtend. Wahrheit freilich ist für Gielen keineswegs abstrakt, kein fern idealistisches Luftgebilde, sondern konkret: Sie muss sich in der Wirklichkeit bewähren. (…)"

Wolf-Dieter Peter: „Für die Musik darf man ruhig das Gehirn bemühen“ – Dirigent Michael Gielen feiert seinen 90.Geburtstag

„(…) Gielens Musizier-Maximen „Deutlichkeit, Transparenz, Formgefühl“ waren zu erleben und entschlackten auch in den Konzerten viele Werke getreu dem Mahlerschen Diktum „Tradition ist Bewahrung des Feuers und nicht Anbetung der Asche“. Dieses Bewahren des Feuers und eine aus Intellektualität, gesellschaftspolitisch kritischer Einstellung und Wirkungsneugier entspringende Novität, die „musikalische Montage“, prägten Michael Gielens weiteres Wirken in Cincinnati, bei der Berliner Staatskapelle und vor allem dann bis 1999 als Chefdirigent des inzwischen fusioniert genannten SWR Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg. (…)“

Gerhard Rohde: Anwalt der Moderne

„(…) Bei allem Engagement für die Neue Musik hat Michael Gielen nie die Geschichte der Musik aus dem Blick verloren. Einen Unterschied zwischen Alter Musik und Neuer Musik hat es für ihn nie gegeben. Gielens Mahler- und Bruckner-Zyklen, seine Beethoven-Interpretationen zählen zu den wichtigsten Beiträgen der Gegenwart überhaupt. Mit diesen Auseinandersetzungen wuchs auch das Orchester des Südwestrundfunks zu einem Spitzeninstrument, das sich nicht nur wendig in den Vertracktheiten avantgardistischer Partituren zurechtfindet, sondern darüber hinaus zu einem integrativen Musizierstil gefunden hat, der für die Darstellung der großen Sinfonik in Klassik und Romantik unabdingbar ist. Gielen stand dieser Sinfonik aber nie besonders ehrfürchtig gegenüber. Der philharmonische „Ton“ war ihm verdächtig, übertönte eher die Wahrhaftigkeit der Werke als dass er diese erhellte. (…)“