Begegnungen mit Peter Gülke bleiben unvergesslich. Ob im Gespräch, ob im Konzert, ob bei der Lektüre, stets ergab sich eine einzigartige Atmosphäre, ja, eine Aura. Ein Geistesmensch aus der Klassikerstadt Weimar, der mit profundem Wissen nicht geizte, damit aber auch nie brüskierte, sondern sein Gegenüber stets neugierig machte auf mehr und noch mehr. Bei jedem Gespräch mit ihm konnte man lernen, staunen, geistiges Neuland betreten, im Glücksfall etwas begreifen. Sowieso in der Auseinandersetzung mit seinen bemerkenswert bleibenden Schriften.
Peter Gülke. Foto: Martin Hufner
Denker, Dirigent und „Diener der Musik“
Unser letzter Dialog jedoch war von Gülkes Leiden geprägt. Er wollte nicht klagen, jammern schon gar nicht, machte aber sehr deutlich, wie es um ihn und seine Gesundheit stand. Im Hinblick auf eine weitere Verabredung mahnte er zur Eile, ein Interview zu seinem jüngsten Buch „Menschen – Zeiten – Musik“ (Rezension siehe Seite 9) solle besser morgen oder übermorgen stattfinden. Andernfalls könne es zu spät sein. Auch in diesem Punkt ist Peter Gülke also hellsichtig gewesen, zum verabredeten Termin kam es nicht mehr. Am letzten April-Sonntag, zwölf Tage nach diesem letzten Telefongespräch und drei Tage vor seinem 92. Geburtstag, ist er in seinem geliebten Weimar verstorben.
Dort kam er am 29. April 1934 zur Welt, wuchs auf im Endstadium einer unmenschlichen Diktatur, wurde fürs Leben geprägt durch die unbegreifliche Diskrepanz zwischen dem Geist der Klassikerstadt und der Barbarei von Buchenwald. „Eine ehrenwerte Rolle hat die Stadt damals nicht gespielt,“ reflektierte er viele Jahre später. Nach Kriegsende erlebte Peter Gülke den Aufbau eines neuen Landes, genoss eine profunde Ausbildung sowohl am Violoncello als auch in Sprachen, Geistes- und Musikwissenschaften. Anschließend wirkte er als Repetitor, Dramaturg und Dirigent, durchlief die klassische Sprossenleiter, war gefragt an Theatern in Rudolstadt, Stendal, Potsdam und Stralsund, bevor er 1976 als Kapellmeister an der Dresdner Staatsoper antrat und zudem das Orchester der dortigen Musikhochschule übernahm.
Weimar aber ließ ihn nicht los. Das mochte an den kulturellen Traditionen liegen, hatte aber auch familiäre Gründe, immerhin ist Goethes Schwager Christian August Vulpius (Autor des Erfolgsromans „Rinaldo Rinaldini, der Räuberhauptmann“) Gülkes Ururgroßvater gewesen. In Sachen eigener Belesenheit, gepaart mit umfangreichem Wissen sowie einer unstillbaren Neugier, setzte er das Klassikererbe lebenslang fort. Ob Alte oder Neue Musik, stets wollte er das Material tiefgründig durchdringen, was wechselseitig Früchte trug: Seine musikwissenschaftlichen Schriften und Vorträge waren von Erfahrungen aus seiner musikalischen Praxis durchdrungen, seine Dirigier- und Lehrtätigkeit nährte sich aus der Basis der Theorie. Gepaart mit Charme, Witz und großartigem Ausdrucksvermögen sind die vielfältigen Schriften des Musikschriftstellers Peter Gülke ein kostbarer Fundus, in den neben praktischen Aspekten oft auch jede Menge Querverbindungen zu anderen Künsten sowie erlebte und erarbeitete Erinnerungsschätze lesenswert sind. Darin eingeflochten wurden stets auch biografische Stationen wie etwa eine Gastprofessur in Harvard sowie Gülkes Wirken als Generalmusikdirektor am Deutschen Nationaltheater Weimar. Diese Ära muss in derart quälender Weise mit politischen Querelen verbunden gewesen sein, dass er 1983 ein Gastspiel in Hamburg nutzte und in der Bundesrepublik blieb. Frau und Tochter durften ihm erst etwa ein Jahr später folgen. Peter Gülke habilitierte sich an der West-Berliner TU und wurde nach einer Gastprofessur in Bochum Generalmusikdirektor in Wuppertal. Erst der Mauerfall 1989 ermöglichte ihm die Rückkehr an den Sehnsuchtsort Weimar, von wo aus Peter Gülke verstärkt seinem international gefragten Wirken als Gastdirigent nachkommen, von 2011 bis 2014 als Präsident der Sächsischen Akademie der Künste zu Dresden und von 2015 bis 2020 als rettender Chefdirigent der Brandenburger Symphoniker tätig sein konnte. Das dortige Finale allerdings war gepaart mit einer Brandrede „in tiefer Sorge“ zum Thema Kulturerhalt. Scheinbar wie nebenher wuchs bis zuletzt das von seinen vielfältigen Interessensgebieten sowie von tiefgründigem Wissen zeugende Werk des (Musik-)Schriftstellers. Alfred Brendel nannte ihn einmal „den sehr seltenen Fall eines praktischen Musikers, der zugleich Musikwissenschaftler ist und dazu ein Literat von hohen Graden“.
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