Der Klang der Zeit am Fortepiano von Erard

International besetzter Meisterkurs im Musikstudio Paqué in Bonn


(nmz) -
Könnten Komponisten wie Franz Liszt, Robert und Clara Schumann, Franz Schubert, Frédéric Chopin und viele weitere des angehenden 19. Jahrhunderts heutige Interpretationen ihrer Werke, gespielt auf modernen Instrumenten, hören, dann wären sie wohl zumindest erstaunt[...]
Ein Artikel von Stefan Rath

Könnten Komponisten wie Franz
Liszt, Robert und Clara Schumann, Franz Schubert, Frédéric Chopin und viele weitere des angehenden 19. Jahrhunderts heutige Interpretationen ihrer Werke, gespielt auf modernen Instrumenten, hören, dann wären sie wohl zumindest erstaunt: Fast 200 Jahre technische Weiterentwicklung im Bereich der Musikinstrumente, auch beim Klavier, lassen kaum einen Vergleich mit dem zu, wie diese Künstler ihre eigenen Kompositionen spielten und hörten. Vielleicht wären sie begeistert, vielleicht aber auch entsetzt. Denn Klangfülle und Klangfarbe eines Steinway, Blüthner, Yamaha oder Schimmel-Flügels, um nur einige zu nennen, unterscheiden sich erheblich von dem, was damals das Maß der Dinge war: dem Erard-Fortepiano.
Die besonderen Eigenschaften dieses Instrumentes waren es, die das Musikstudio Gabriele Paqué in Bonn bewegten, zusammen mit Professor Sheila Arnold von der Musikhochschule Köln als Dozentin für Ende März dieses Jahres einen Meisterkurs an einem solchen Erard-Flügel aus dem Jahr 1843 anzubieten. Das Interesse übertraf alle Erwartungen: Die acht angebotenen Plätze waren sofort von Teilnehmern aus Korea, Taiwan, Rumänien, der Schweiz, Luxemburg und Deutschland ausgebucht. Das Programm beinhaltete neben einem Einführungsvortrag des Amsterdamer Erard-Experten Frits Janmaat, der sich auf die Restaurierung solcher Instrumente spezialisiert hat, und der das Instrument für diesen Kurs zur Verfügung stellte, auch ein Konzert mit Kompositionen von Mozart, Schubert, Louise Farrenc, Schumann und Chopin, dargeboten von Sheila Arnold, natürlich auf dem Erard-Fortepiano, sowie ein Abschlusskonzert der Teilnehmer.
Was aber steckt hinter dem Wort Erard und was ist so besonders an Instrumenten aus dieser Manufaktur? Der Name geht zurück auf den 1752 in Straßburg geborenen Sebastian Erhard, Sohn eines aus der Schweiz stammenden Zimmermannes. Bereits als Knabe zeigte sich sein besonderes technisches Talent, weshalb ihn sein Vater auf eine Schule für begabte Kinder schickte. Mit 16 Jahren, der Vater war gerade gestorben, ging der junge Mann nach Paris, um das Handwerk eines Cembalo-Bauers zu erlernen. Hier wurde aus Sebastian Erhard das französische Sébastièn Erard. Schon bald erregte sein technisches Genie aufsehen und er fand – gerade einmal 20 Jahre alt – in der Herzogin von Villeroy eine Mäzenin, die ihm eine eigene Werkstatt einrichtete. Hier baute er sein erstes Fortepiano. Wie zu dieser Zeit üblich, war es ein Instrument mit Parallelbesaitung, das aber wegen einer Reihe eigener Entwicklungen und seiner meisterhaften Ausführung so beliebt wurde, dass man bald sogar, wenn man Fortepiano meinte, oft nur ‚Erard‘ sagte.
Es war die Zeit, in der das Fortepiano die Salons des Adels und des Bürgertums eroberte. Zu den Besonderheiten des Erard-Flügels gehörte vor allem die 1821 eingeführte Erfindung einer neuartigen doppelten Auslösemechanik ‚à double échappement‘ die ein wiederholtes Anschlagen derselben Saite ermöglichte, ohne dass der Hammer zuvor in die Ruheposition zurückgekehrt war. Die Lüftung eines anderen Geheimnisses gelang erst Frits Janmaat. Lange hatte man gerätselt, wie die unterschiedlichen Klangcharakteristika eines Erard-Flügels, von Harfe bis hin zur Gitarre beispielsweise, entstehen konnten. Der holländische Erard-Spezialist fand es heraus: Die Hämmer sind mit drei Schichten Filz belegt. Eine harte als Unterlage, darauf eine weichere und schließlich noch eine sehr weiche Lage. Damit kann der Pianist, je nach Stärke des Anschlages, die unterschiedlichen Effekte erzielen, die in den Notenblättern der Komponisten dieser Zeit auch oft vorgegeben sind.
Der Faszination dieses Instrumentes erlag auch Sheila Arnold, die sich immer wieder auf der Suche nach neuen Möglichkeiten der Interpretation von Kompositionen unterschiedlicher Epochen befindet. So konnte sie bereits weltweit Erfolge mit Konzerten und Einspielungen von Werken beispielsweise von Brahms, Schumann, Mozart und Chopin erzielen. Und für ihre vielbeachtete Aufnahme der 24 Préludes op. 28 sowie der Balladen g-Moll und f-Moll von Frédéric Chopin nutzte sie ein Erard-Fortepiano von 1839.
Aber der Erard-Flügel ist für Sheila Arnold weit mehr als ein Instrument, das nahezu authentischen Hörgenuss vieler Komponisten der Romantik ermöglicht. „Das historische Fortepiano ist Inspirationsquelle und Herausforderung zugleich. Mit seinen klar voneinander getrennten Klangregistern bietet es nicht nur ein Feuerwerk an Klangfarben, sondern es erlaubt uns, die kompositorischen Strukturen plastischer hörbar zu machen. Um dieses aber zu erreichen, wird man von der notwendigen Anschlagsdifferenzierung aufs höchste gefordert. Dass dabei auch die Notationsweise einen neuen, womöglich wieder ihren ursprünglichen Sinn erhält, ist die besondere Bereicherung. Man fühlt sich an diesem Instrument mit einem Mal ganz nah an der Inspirationsquelle der Komponisten.“
Beide Erkenntnisse wurden auch zu Schwerpunkten des Meisterkurses in Bonn: Zum Ersten der Zwang zur Konzentration und Präzision geistiger und manueller Fähigkeiten für die Beherrschung der Möglichkeiten des Instrumentes, dazu aber auch die kaum zu beschreibende Erweiterung des interpretatorischen Horizontes, verursacht durch die von dem Instrument inspirierte fast körperliche Nähe mit dem Denken und Fühlen der Künstler, für die ein solcher Flügel das Medium zur Realisierung ihrer kompositorischen Kreativität war.
Bedeutet dieser Kurs nun eine Abkehr von den Instrumenten und der Interpretation der Moderne? „Auf keinen Fall“, betont Sheila Arnold. „Selbstverständlich werde ich Mozart, Chopin, Schubert und andere Komponisten dieser Zeit weiterhin auch auf modernen Flügeln spielen und unterrichten. Die Instrumente unserer Zeit bieten andere Möglichkeiten und haben andere Vorzüge. Aber nicht nur für junge Pianisten, die noch am Anfang ihrer Karriere stehen, ist das Fortepiano so etwas wie eine Brücke in die Vergangenheit. Es ermöglicht die fast intime Nähe zu den Komponisten der Zeit, in der diese wunderbaren Instrumente entstanden.
Und wer einmal ein Werk Franz Schuberts auf „dessen“ Instrument erlebt hat, der wird die errungenen Erkenntnisse auch auf einen Flügel moderner Provenienz übertragen können und seine Interpretation dadurch bereichern. Ein Erard-Fortepiano ist also keine ausschließende Alternative, sondern eine faszinierende Ergänzung mit der Möglichkeit alter – oder ganz neuer – Wege der Interpretation.

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