Vor der Ausschusssitzung im Landtag: 160 Dirigenten fordern Erhalt des SWR Sinfonieorchesters Baden-Baden/Freiburg

12.11.13 -
Unter dem Motto „Vor allem Kultur!“ haben sich Michael Gielen und 159 weitere Dirigenten aus der ganzen Welt mit einem offenen Brief an Peter Boudgoust, den Intendanten des SWR gewandt. In dem Schreiben, das die Frankfurter Allgemeine Zeitung morgen in Auszügen veröffentlicht und am Abend vorab in ihrer Onlineausgabe publiziert hatte, protestieren die Unterzeichner gegen die von Senderleitung und Rundfunkrat beschlossene Fusion des SWR Sinfonieorchesters Baden-Baden und Freiburg (SO) mit dem Radio-Sinfonieorchester Stuttgart und fordern dazu auf, das Orchester als eigenständigen Klangkörper zu erhalten.
12.11.2013 - Von nmz-red/Regensburg, KIZ

Die von Boudgoust „gegen jeden guten Rat von musikalisch kompetenter Seite sowie gegen alle Widerstände forcierte“ Fusion sei „ökonomisch mindestens fragwürdig und darüber hinaus ein kulturpolitischer Offenbarungseid, heißt es in dem Brief. Neben dem Verweis auf den Kulturauftrag des öffentlich-rechtlichen Senders und der Kritik an der zentralistischen Entscheidung für Stuttgart als Standort des fusionierten Orchesters argumentieren die Dirigenten – alle haben bereits mit dem SO zusammengearbeitet – auch künstlerisch:

„Kein Dirigent – und damit ausdrücklich auch keiner der Unterzeichnenden – wird in der Lage sein, auf absehbare Zeit aus den zwangsfusionierten Musikern einen Klangkörper zu formen, dessen Rang mit dem der beiden mutwillig zerstörten, traditionsreichen Sinfonieorchester auch nur im Entferntesten konkurrieren könnte. Dies umso mehr, als die Aussicht, in Zukunft nicht mehr in einem erstklassigen, international renommierten Orchester zu spielen, einen Exodus insbesondere der hochtalentierten jüngeren, noch weniger ortsgebundenen Musiker auslösen wird, was wiederum eine dramatische Überalterung des neuen Orchesters nach sich zieht. Die Rahmenbedingungen für musikalische Spitzenleistungen sehen anders aus.“

Der Brief erscheint im Vorfeld der Sitzung des Ausschusses für Wissenschaft, Forschung und Kunst des baden-württembergischen Landtags, der sich am 14. November mit der Fusion der SWR-Rundfunkorchester befassen wird. Zur Debatte steht dabei außerdem das Stiftungsmodell, durch dessen Verwirklichung die Fusion abgewendet werden und das SO, getragen von einer Stiftung des öffentlichen Rechts, als eigenständiges Orchester erhalten werden könnte.

Der offene Brief im Wortlaut:

Vor allem Kultur!

Sehr geehrter Herr Boudgoust,

die von Ihnen gegen jeden guten Rat von musikalisch kompetenter Seite sowie gegen alle Widerstände forcierte und anläßlich einer SWR-Rundfunkratssitzung am 28. September 2012 schließlich auch erwirkte Entscheidung für eine Fusion des SWR Sinfonieorchesters Baden-Baden und Freiburg (SO) mit dem Radio-Sinfonieorchester Stuttgart des SWR (RSO) ist künstlerisch unsinnig, ökonomisch mindestens fragwürdig und darüber hinaus ein kulturpolitischer Offenbarungseid.

Die Marginalisierung von Kultur mag im Trend liegen, ist aber gewiß ganz und gar unvereinbar mit dem Bildungsauftrag, der die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten qua Staatvertrag in dessen seit dem 01. Januar 2013 gültiger Fassung durch § 11 Abs. 1 dazu verpflichtet, „Beiträge insbesondere zur Kultur anzubieten“ – also nicht ‚auch‘ oder ‚unter anderem‘, sondern eben ‚hauptsächlich‘, ‚vor allem‘ und ‚in erster Linie‘, um nur drei Synonyme des Wortes „insbesondere“ zu nennen, wie sie sich im Duden finden.

Durch den Kulturabbau, welchen die geplante Fusion seiner beiden noch verbliebenen Sinfonieorchester bedeutet, sägt der SWR als gebührenfinanzierter öffentlich-rechtlicher Sender am Ast, auf dem er sitzt. Die Produktion von Soap-Operas, Talkshows und Kochsendungen sowie die Übertragung von sportlichen Großereignissen, die ohnehin den Gesetzen des Marktes unterworfen ist, da Ausstrahlungsrechte grundsätzlich dem Meistbietenden zugeschlagen werden, dürften schon bald nicht mehr ausreichen, um das Programm des SWR von demjenigen der privaten Rundfunk- und Fernsehanbieter zu unterscheiden. Dies aber ist die unabdingbare Voraussetzung für eine Finanzierung des SWR aus der von den Bürgerinnen und Bürgern dieses Landes gezahlten Haushaltsabgabe. Der SWR muß sich folglich seine zwei Orchester und sein Vokalensemble, die Big Band und das Experimentalstudio sowie die Beteiligung an der Deutschen Radio Philharmonie leisten, um auch weiterhin sein Unterhaltungsprogramm bezahlen zu können – und nicht etwa umgekehrt.

Ein mit 200 Musikern, 98 davon aus dem SO und 102 aus dem RSO, grotesk überdimensioniertes Fusionsorchester ohne individuelles Profil, dessen Zusammenwachsen Jahre und Jahrzehnte beanspruchen wird, taugt jedenfalls nicht als Ausweis des geforderten kulturellen Engagements. Hier wird Kunst zum Feigenblatt reduziert für ein Senderprogramm, das immer mehr auf Quote schielt, statt seinen gesetzlich fixierten Bildungsauftrag zu erfüllen. Dabei waren es doch gerade die rege Konzerttätigkeit – nicht nur in den Landeshauptstädten, sondern im gesamten Sendegebiet – und eine lebendige Konzertkultur mit dem Neuen gegenüber aufgeschlossener Programmatik, durch die das SO fast 70 Jahre lang an jedem Konzertabend aufs Neue die Existenzberechtigung eines gebührenfinanzierten öffentlich-rechtlichen Rundfunksystems unter Beweis gestellt hat. Hinzu kommt eine intensive, exemplarische Jugendarbeit, mit der das Orchester seit Jahren erfolgreich die Neugierde eines jungen Publikums auf klassische Musik, die Lust am Live-Erlebnis eines Konzertbesuchs und die Bereitschaft zur Auseinandersetzung mit dem Abenteuer Avantgarde weckt.

Die Umsetzung der Fusion mag Ihnen auf dem Papier, als reiner Verwaltungsakt betrachtet, durchführbar und mithin möglich erscheinen, unter musikalisch-künstlerischen Gesichts- punkten vertretbar aber ist sie nicht. Kein Dirigent – und damit ausdrücklich auch keiner der Unterzeichnenden – wird in der Lage sein, auf absehbare Zeit aus den zwangsfusionierten Musikern einen Klangkörper zu formen, dessen Rang mit dem der beiden mutwillig zerstörten, traditionsreichen Sinfonieorchester auch nur im Entferntesten konkurrieren könnte. Dies umso mehr, als die Aussicht, in Zukunft nicht mehr in einem erstklassigen, international renommierten Orchester zu spielen, einen Exodus insbesondere der hochtalentierten jüngeren, noch weniger ortsgebundenen Musiker auslösen wird, was wiederum eine dramatische Überalterung des neuen Orchesters nach sich zieht. Die Rahmenbedingungen für musikalische Spitzenleistungen sehen anders aus.

Mit der Entscheidung für Stuttgart als Standort des Fusionsorchesters huldigen Sie zudem einem Zentralismus, dessen verhängnisvolle Auswirkungen auf die Musikkultur in zahlreichen europäischen Staaten zu besichtigen sind, und welcher der in Deutschland historisch gewachsenen Situation einer flächendeckend regionalen Verwurzelung von Kultureinrichtungen diametral entgegensteht. Damit nicht genug, kommt die Aufgabe der grenznahen Standorte Freiburg und Baden-Baden auch der Absage an eine über beinahe sieben Jahrzehnte gewachsene Trinationalität gleich, die das SO auf kultureller Ebene geradezu verkörpert und für die es mit seinen regelmäßigen Auftritten in Frankreich und der Schweiz Pionierarbeit geleistet hat, lange bevor Politiker den Begriff als Werbeslogan für die Region des Dreiländerecks entdeckten.

Die Zerschlagung des SO würde aber nicht nur einen nie wiedergutzumachenden Verlust für die Orchesterkultur dieses Landes bedeuten und den SWR eines wichtigen musikalischen Botschafters in den Nachbarstaaten, ja, in ganz Europa berauben, sondern im Bereich der Orchestermusik auch die Zukunft der Neuen Musik insgesamt bedrohen. Denn auf der Welt dürfte es kein zweites Orchester geben, dessen Musiker sich so vorbehaltlos und selbstverständlich, auf so hohem spieltechnischen Niveau und mit ebenso großer Neugierde wie Leidenschaft für die Musik der Gegenwart einsetzen. Das SO konnte deshalb seit jeher Partituren gerecht werden, die für andere Orchester schlicht unspielbar wären und setzt bis heute immer wieder neue Maßstäbe hinsichtlich der Realisierbarkeit experimenteller Musik.

In den letzten 20 Jahren sind in Deutschland insgesamt 36 Orchester aufgelöst worden und auf diese Weise unwiederbringlich von der Landkarte verschwunden. Dem allgemeinen Kulturkahlschlag sind damit Jahr für Jahr etwa zwei Klangkörper zum Opfer gefallen. Mit einer Rücknahme des unseligen Fusionsbeschlusses und dem Erhalt des SO als eines Spitzenorchesters von internationaler Geltung können Sie Ihren Beitrag leisten zur Bewahrung der weltweit einzigartigen deutschen Orchesterlandschaft. Sie sollte es Ihnen und uns allen wert sein, denn nur Vielfalt schützt vor Einfalt.

Hochachtungsvoll,

David Afkham, Guido Ajmone-Marsan, Gerd Albrecht, Marc Albrecht Alain Altinoglu Stefan Asbury Moshe Atzmon Roland Bader Hermann Bäumer Serge Baudo, George Benjamin, Hans Michael Beuerle, Herbert Blomstedt, Pieter-Jelle de Boer, Fabrice Bollon, Ivor Bolton, Pierre Boulez, Martyn Brabbins, Alexander Briger, Sylvain Cambreling, Carmen Maria Cârneci, Robert Casteels, Friedrich Cerha, Gabriel Chmura, Myung-Whun Chung, David Robert Coleman, Denis Comtet, Teodor Currentzis, Joshard Daus, Thomas Dausgaard, Dennis Russell Davies, Sir Peter Maxwell Davies, Jacques Delacôte, Andreas Delfs, Kasper de Roo, Jean Deroyer, Christoph von Dohnányi, Klaus Donath, Charles Dutoit, Christoph Eberle, Sian Edwards, Titus Engel, Roger Epple, Peter Eötvös, Asher Fisch, Ádám Fischer, Thierry Fischer, Tilo Fuchs, Hortense von Gelmini, Michael Gielen, Johannes Goritzki, Clytus Gottwald, Konstantia Gourzi, Eivind Gullberg Jensen, Leopold Hager, Friedrich Haider, Michael Halász, Johannes Harneit, Nikolaus Harnoncourt, Olaf Henzold, Pablo Heras-Casado, Peter Hirsch, Heinz Holliger, Rupert Huber, Eliahu Inbal, Pietari Inkinen, Neeme Järvi, Marek Janowski, Johannes Kalitzke, Kirill Karabits, Peter Keuschnig, Bernhard Klee, Roland Kluttig, Bernhard Kontarsky, Ton Koopman, Kazimierz Kord, Gérard Korsten, Dieter Kurz, Franz Lang, Yoel Levi, Alexander Liebreich, Wolfgang Lischke, Brad Lubman, Michael Luig, Susanna Mälkki, Othmar Mága, Diego Masson, Mark Mast, Farhad Mechkat, Cornelius Meister, Jacques Mercier, Ingo Metzmacher, Alicja Mounk, Rainer Mühlbach, Christoph-Mathias Mueller, Uwe Mund, Kent Nagano, Günter Neuhold, Yannick Nézet-Séguin, Ulrich Nicolai, Grzegorz Rafael Nowak, Arnold Östman, Gabor Ötvös, Franck Ollu, Kazushi Ōno, Krzysztof Penderecki, Alejo Pérez Robert HP Platz, Emilio Pomàrico, Pierre-Dominique Ponnelle, Christoph Poppen, David Porcelijn, Christof Prick, Hans-Martin Rabenstein, Manfred Reichert, Burkhard Rempe, Peter Richter de Rangenier, Helmuth Rilling, Pascal Rophé, Peter Rundel, Donald Runnicles, Pablo Rus Broseta, Peter Ruzicka, Oswald Sallaberger, Thomas Sanderling, Nello Santi, Jukka-Pekka Saraste, Heinrich Schiff, Urs Schneider, Hanns-Martin Schneidt, Eberhard Schoener, Michael Schønwandt, Holger Schröter-Seebeck, Uri Segal, Leif Segerstam, José Serebrier, Leo Siberski, Nicolas Simon, Stanisław Skrowaczewski, Sir William Southgate, Christopher Sprenger, Alois Springer, Jonathan Stockhammer, Yoav Talmi, Arturo Tamayo, Michael Tilson Thomas, Francis Travis, Wolfgang Trommer, Mario Venzago, Lucas Vis, Ilan Volkov, Edo de Waart, Hans Wallat, Volker Wangenheim, Ralf Weikert, Günther Wich, Gerhard Wimberger, Jürg Wyttenbach, Lothar Zagrosek, Hans Zender, David Zinman

Dossier: 
SWR-Orchesterfusion

Orchesterfusion

Seit wann ist Holger Schröter-Seebeck, 2. Geiger im SWR Sinfonieorchester, "Dirigent"? Welch ein Armutszeugnis für die Unterzeichner, dass sie angeblich nicht in der Lage sind "auf absehbare Zeit aus den zwangsfusionierten Musikern einen Klangkörper zu formen, dessen Rang mit dem der beiden mutwillig zerstörten, traditionsreichen Sinfonieorchester auch nur im Entferntesten konkurrieren könnte." Beruf verfehlt, könnte man sagen. Und die Musiker? in anderen Orchestern "muggen" bis zum Umfallen, aber sich nicht auf die Kollegen im fusionierten Orchester einstellen können? Lächerlich. Exodus der jüngeren Musiker? Wohin denn? So viele hochdotierte Orchesterjobs gibt es gar nicht. Und wer will sich schon die niedrigeren Dienstzahlen im überbesetzten "Fusionsorchester" entgehen lassen? Noch mehr Freizeit zum Muggen….. Und über die höheren Dienstzahlen in normalen Spitzenorchestern (Berlin, München, Leipzig, Dresden) würden sich die Damen und Herren SWR-Musiker ziemlich wundern….