Schulterschluss der neuen Musik in Köln: Dass der WDR-Redakteur für neue Musik und der Intendant des Ensemble Musikfabrik die Köpfe zusammenstecken, schien vor einigen Jahren noch undenkbar. Inzwischen haben neue Personen alten Zwist begraben, und so präsentieren am 9. Oktober Anselm Cybinski für den WDR und Gregor Hotz für die Musikfabrik ein gemeinsames Programm im Funkhaus. Wir erfahren dabei: Die neue Musik fürchtet sich nicht vor Sinnlichkeit, Körperlichkeit und Kabarett.
Chor des HSTW, Sascha Zarrabi, Oreste Cosimo. Foto: Lukas Anton
Bechers Bilanz – Oktober 2026: Keine Angst vor Körper und Kabarett
- Zeit für Körper und Sinne – Köln: Musik der Zeit
- Sirene des Friedens – Düsseldorf: Gesänge gegen die Nacht
- Mehr Venusberg geht nicht – Köln: WDR Sinfonieorchester
- Ein ungarisch gefärbtes Programm – Köln: Luxembourg Philharmonic
- Abseits der einschlägigen Konzerthäuser – Bottrop: Henze100
- Offenbach geht in den Zirkus – Wiesbaden: „Les Contes d‘Hoffmann“
Zeit für Körper und Sinne
Köln: Musik der Zeit
Die Musikfabrik lässt den Komponisten Simon Steen-Andersen auf seine ehrwürdigen Harry-Partch-Instrumente los. Die Suche des amerikanischen Eigenbrötlers nach neuen Tönen und Klängen ist dem Dänen allerdings wumpe. Er engagiert Partchs Klangskulpturen als Nebendarsteller in dem wie immer kurzweiligen Steen-Andersen-Kabarett. Dessen Humor findet bei Sir Harrison Birtwistle keinen Widerhall, schon gar nicht in „Cortege“, einer Memorial-Komposition für Michael Vyner, den legendären Leiter der London Sinfonietta. Die Musikerinnen und Musiker des Ensembles treten hier nacheinander mit einem auswendig zu spielenden Solo in die Bühnenmitte; da sie sich anschließend einen anderen Platz wählen, verschiebt sich der Klang in dieser edlen Komposition fortwährend.
Der Auftritt des WDR Sinfonieorchesters bereitet sich in einer dreiviertelstündigen Konzertpause vor, verkürzt durch ein Alphorn-Duo aus der Feder des unangepassten Hans-Joachim Hespos – wie den Abend auch ein fröhliches Tuba-Solo von Januibe Tejera mit einem bramarbasierenden Maxime Morel eröffnete. John Luther Adams’ episches Wasserdrama „Become Ocean“ ist eine bemerkenswert eindimensionale Esoterik-Komposition in pentatonischer Harmonik. Als Aufnahme plätschert das Werk dahin (wer das Konzert ab dem 10. November in der Mediathek nachhören will, drehe die Lautsprecher gen Anschlag), live aber entfaltet es eine bedrohliche Physis, die Dirigent Titus Engel kompromisslos zelebriert. Die Bereitschaft zur Körper- und Sinnlichkeit in der neuen Musik wächst.
Sirene des Friedens
Düsseldorf: Gesänge gegen die Nacht
Auch beim Internationalen Orgelfestival Düsseldorf geht das Komponistenduo Laura Marconi und Gianluca Castelli am 15. Oktober von einer Meeresmetapher aus, wenn es den Orgelton gis als Horizont begreift und mit dem notabu.ensemble neue musik die Klangwelt ober- und unterhalb dieses Tons, also in der Luft und unter Wasser, erkundet. Mögen die beiden vor der Aufführung auch zum Scherzen aufgelegt sein, die Uraufführung von „Meet Me at the Edge“ schlägt einen spirituellen, von Arvo Pärt beeinflussten Ton an, der aber erst in der Tiefe der letzten Takte zu sich zu kommen scheint. Der Wunsch des Konzertes, gegen die Nacht anzusingen, ist beim neuen Werk des Schweizers Daniel Glaus besser aufgehoben: „Sing against the Breaking Night“. Christina Daletska meißelt die Grabinschriften auf die Opfer des Angriffskrieges der Russen auf die Ukraine leidenschaftlich in den hohen Raum der Ev. Petruskirche, immer präzise auf den Tonhöhen, glockenhell in der Höhe, glühend in der Tiefe, eine Sirene des Friedens, der das Engagement mehr liegt als das Zarte. Das siebenköpfige Ensemble ordnet sich dem Gesang unter und stützt mithilfe einer breiten Palette von Spieltechniken dessen sinnliche Qualität. Festivalintendantin Frederike Möller wechselt sich mit Odilo Klasen an den Tasteninstrumenten (Orgel – Klavier) ab und dirigiert das Ensemble. Das Publikum ist wacher, als von der Musik an diesem Abend verlangt.
Mehr Venusberg geht nicht
Köln: WDR Sinfonieorchester
Der starke Publikumszuspruch beim Abonnementkonzert des WDR Sinfonieorchesters am 17. Oktober in der Kölner Philharmonie könnte auch der Organistin Iveta Apkalna zu verdanken sein. Dennoch steht sie bei Konzertende etwas verloren im Applaus, denn in der Dritten Symphonie von Camille Saint-Saëns spielt sie nur eine Nebenrolle, da der Komponist „sein“ Instrument in zwei von vier Sätzen schweigen lässt. Gleichwohl muss man live gehört haben, wie Saint-Saëns die Regeln bricht, wenn er mit tiefem Orgelton aus ferner Nähe den zweiten Satz eröffnet. Marie Jacquot lässt den Tonfiguren des Werkes freien Lauf, sie entfesselt die Energie der Motive und positioniert ihren Landsmann damit in der Nähe eines lebensfrohen Johannes Brahms (falls dieses Oxymoron gestattet ist). So körperlich, diesseitig, auch laut hört man Saint-Saëns nicht oft. Dass sich das legendäre Todesmotiv „dies irae“ durch alle Sätze schlängelt, beruht hier lediglich auf einer Laune der Intervallstruktur und lädt zu keinerlei morbiden Überlegungen ein.
In diesem Sinne dirigiert die neue Chefdirigentin des WDR Sinfonieorchesters die „Tannhäuser“-Ouvertüre von Richard Wagner, den Saint-Saëns bewunderte und doch, als der Erste Weltkrieg ausbrach, aus den Programmen verbannen wollte. Mit größter Klarheit buchstabieren Klarinetten, Fagotte und Hörner das Pilgerthema, hervorheben möchte ich den neuen Soloklarinettisten des Orchesters, Lyuta Kobayashi. Wenn dann die Streicher einsetzen, weiß man, dass Wagner Walzer tanzen kann, als die Piccoloflöte zu pfeifen beginnt, betritt man ein Zirkuszelt. Mehr Venusberg geht nicht. Zu so viel Vitalität passt das Bratschenkonzert des Notre-Dame-Titularorganisten Thierry Escaich „La nuit des chants“, eine pulsierende, ja stampfende Musik, die jegliche Archaik des „Sacre du Printemps“ abschüttelt. Man fragt sich zwar, warum eigentlich die Bratsche das Soloinstrument sein muss (Escaich könnte auch Versionen für Klavier oder Trompete oder Fagott schreiben), aber Antoine Tamestit spielt mit derart viel Feuer und mit so einnehmendem Lächeln, dass man auch dieses Werk einfach gernhaben muss.
Ein ungarisch gefärbtes Programm
Köln: Luxembourg Philharmonic
Der aus Ungarn stammende Dirigent Martin Rajna leitet seit diesem Herbst die Luxembourg Philharmonic, das Hausorchester eines der elegantesten Konzerthäuser Europas. Mit einem ungarisch gefärbten Programm gastiert man am 4. Oktober in der Kölner Philharmonie. György Kurtágs „Stele“ op. 33, eines der wenigen Orchesterwerke des Hundertjährigen, fasziniert im letzten Satz mit erlesenem Akkorden: Dicht schweben die Töne im Mischklang nebeneinander, isoliert und geschwisterlich zugleich. Der Meister der Lakonie ist hier näher an Feldman als an Webern und erst jetzt finden die Luxemburger einen gemeinsamen Atem in ihrem Konzert.
Béla Bartóks erstes Violinkonzert beginnt mit einer einsamen Veronika Eberle, mit kanonischem Versatz mischen sich die Orchestergruppen ein. Eberles Geige singt mit Herz und Seele, behutsam umkreisen sich Orchester und Solovioline in einem Tonsatz, in dem klassische Tonalität nur noch als Satzzeichen überlebt. In das Finale brechen kleine Tänze hinein, die die Brücke zu Gustav Mahlers Erster Sinfonie für die zweite Konzerthälfte schlagen. Nach einem spannungsarmen Kopfsatz dreht Rajna im zügig genommenen Scherzo an der Energieschraube und feuert sein Orchester von nun an zu einer atemberaubenden Darstellung der Sinfonie an. Insbesondere die Holzbläser fühlen sich wohl und spitzen Mahlers Tonfall nach Kräften an. Das Publikum feiert die Interpreten, eine Zugabe, die den Mahler-Eindruck schwächen würde, unterbleibt.
Abseits der einschlägigen Konzerthäuser
Bottrop: Henze100
Eine erlesene Auswahl von Hans Werner Henzes Kompositionen erklingt am 11. Oktober im Rahmen der Reihe „Henze100“ im Klangturm Malakoff von Bottrop, einem der wenigen erhaltenen Fördertürme des Ruhrgebietes. Auszüge aus dem 1. und 5. Streichquartett zeigen, welche Strecke der Komponist zwischen 1947 und 1976 zurücklegte. Aus der „Kammermusik 1958“ spielt der Gitarrist Iñaki Ochoa Moreno die drei Tentos und – gemeinsam mit der Sopranistin Irene Kurka – auch die drei Gesangssätze. Schließlich „Apollo et Hyazinthus“, ein verkapptes Cembalokonzert mit Trakl-Gedicht im Finale, eine Komposition zwischen allen Stühlen aus Henzes Frühphase, dirigiert von Sebastian Rakow. Melchior Kupke spielt ein Cembalo aus der Nachkriegszeit, Rakow kontrastiert die Lyrismen des Werkes mit gelegentlich deftigen Ausbrüchen, die die Klangwelt zwischen Verfall und Schönheit durchlüften. Der Abend verlangt auf der Bühne und im Zuschauerraum Hingabe und Konzentration, die Musikerinnen und Musiker überreichen eine faszinierende Visitenkarte des Komponisten und werben damit für ein Musikleben abseits der einschlägigen Konzerthäuser. Im November geht Henze100 weiter: im Consol Theater Gelsenkirchen (1.), Depot der Neuen Philharmonie Recklinghausen (10.), Museum Folkwang Essen (13.), Musiktheater im Revier Gelsenkirchen (14.), Musikhochschule Münster (22.) und im Kunsthaus Essen (26.). Eine solche Reihe muss man erstmal hinkriegen.
Offenbach geht in den Zirkus
Wiesbaden: „Les Contes d‘Hoffmann“
Das Staatstheater Wiesbaden präsentiert am 10. Oktober einen neuen „Hoffmann“. Regie, Bühnenbild und Kostüme verantwortet der 1991 in Berlin geborene Dennis Krauß, der neben dem „Faust“ auch den European Opera Direction Prize – eben für sein Konzept zu Jacques Offenbachs „Les Contes d’Hoffmann“ – gewonnen hat. Krauß verlegt die Handlung der dramaturgisch mit fiesen Fallstricken versehenen Oper in den Zirkus, wo sich Akrobatik, Taschenspielereien und Halbwelt in schwarz-weiß-roter Ausstattung begegnen. Davon profitiert insbesondere der Antonia-Akt: Sarah Yang ist eine geschmeidige, zuweilen übermütige Antonia, näher am Varieté als an der Grand Opera. Mit dem Erscheinen der zombiehaften Mutter kippt Krauß das Unheimliche ins Horror-Genre, am Ende zersägt der Vater seine unglückliche Tochter in der Zauberkiste. Die agile Camille Sherman wendet die Aura der Giulietta ins Aggressive, keine Edel-Kurtisane, sondern die durchtriebene Partnerin des Messerwerfers. Lediglich die Automaten-Farce des Olympia-Aktes, deren Aktualität unablässig ansteigt, bleibt in Krauß‘ Zirkus blass. Oreste Cosimo bewältigt die anspruchsvolle Tenorpartie des Titelhelden mit robuster Stimmpräsenz, allein für das Verletzliche, das der in prekären Verhältnissen lebende Dichter zur Genüge ausdrückt, fehlt ihm der passende Ton. Dafür gibt Fleuranne Brockway eine stimmgewaltige und sinnliche Muse, die jeden ihrer Einsätze und Arien veredelt.
Dass alle Sängerinnen und Sänger ihre Stärken aussingen können, liegt nicht nur daran, dass Krauß sie nach Belieben an die Rampe lässt, sondern auch am klugen Dirigat von Paul Taubitz. Traumwandlerisch sicher balanciert er zwischen großer Operngeste und der Leichtigkeit einer Offenbachiade, Tempi und Klangbalance immer auf den Punkt. Einzig der Chor entgleitet ihm; diesen am Anfang hinter die Bühne zu verbannen, hätte er Krauß ausreden müssen. Ein paar klug ausgewählte Kürzungen garantieren einen kurzweiligen Opernabend in Wiesbaden.
- Share by mail
Share on