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Neuwirths und Jelineks „Mons­ter’s Paradise“ an der Hamburgischen Staatsoper mit Ruth Rosenfeld und Sylvie Rohrer als Vampi und Bampi im Video von Janic Bebi und Jonas Dahl. Foto: Still aus dem Video von Bebi/Dahl

Neuwirths und Jelineks „Mons­ter’s Paradise“ an der Hamburgischen Staatsoper mit Ruth Rosenfeld und Sylvie Rohrer als Vampi und Bampi im Video von Janic Bebi und Jonas Dahl. Foto: Still aus dem Video von Bebi/Dahl

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Groteske auf das Ende der Kunst

Untertitel
Neuwirth/Jelineks Trump- und Selbstbespiegelung „Monster’s Paradise“ · Von Rainer Nonnenmann
Vorspann / Teaser

Zum Schluss sieht man das Künstlerinnengespann auf einem Floß inmitten ozeanischer Weite vierhändig Schuberts f-Moll-Fantasie spielen. Vorbei an der abgesoffenen Elbphilharmonie treibt das Duo dem Sonnenuntergang entgegen. Zuvor hatte Gorgonzilla den infantilen Despoten im Weißen Haus gefressen und die Erde durch Feuersbrunst und Sintflut von allem sonstigen Unrat gereinigt. Die Abendstimmung atmet Frieden und Ruhe. Doch der Schein trügt. Der Flügel ist total verstimmt und die Tastatur beginnt unter den Händen wie wild zu zittern, als ziehe bereits das nächste Beben herauf. Die Spielerinnen verlieren die Kontrolle und geben schließlich resigniert auf: Ende der Oper, Ende der Kunst, Ende der Welt.

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Monster’s Paradise“ von Olga Neuwirth auf ein von ihr und Elfriede Jelinek verfasstes Libretto ist eine Groteske auf den Trumpismus. Die Uraufführung an der Hamburgischen Staatsoper inszenierte der neue Intendant Tobias Kratzer in Bühnenbildern und Kos­tümen von Rainer Sellmaier. Publikum und internationale Presse hatten neugierig erwartet, wie das prominente Künstlerinnen-Duo den US-Präsidenten darstellen würde. Zielscheibe war aber nicht nur der Autokrat, Naturzerstörer, Spammer und Klimaleugner. Hinter der schrill-bunten Maske entpuppte sich die absurde Komödie als Tragödie über die Ohnmacht der Kunst.

Kann man Trump karikieren? Wie satirisch muss ein Musiktheater sein, damit es die Realsatire des Chaos Clowns im Oval Office nicht bloß abbildet oder gar verharmlost? Ist eine solche Steigerung überhaupt möglich und sinnvoll? Neuwirth/Jelineks „Grand Guignol Opéra“ ist ein überdrehtes, amoralisches Puppentheater für Erwachsene mit bissigem Bürgerschreck und schwarzem Humor. Außerdem befragt die Farce die Rolle der Kunst angesichts von Faschismus, Militarismus, Sexismus und dementem Größenwahn. Ähnlich wie in Wagners „Meistersingern“, Pfitzners „Palestrina“, Schrekers „Ferner Klang“ oder Schönbergs „Glückliche Hand“ geht es um die Wirkungsmacht beziehungsweise Hilflosigkeit von Musik.

Die Komponistin und die Literatur-Nobelpreisträgerin haben sich ins Libretto ihrer dritten Tandem-Produktion als allegorische Figuren selbst eingeschrieben. Vampi und Bampi sind dank Perücken unschwer als deren Doubles zu erkennen. Wie im „Prolog im Himmel“ von Goethes „Faust“ beklagen die zwei die Schlechtigkeit des Weltlauf: hier der tyrannische König-Präsident im Weißen Haus, dort die Zerstörung von Natur und Klima durch die rücksichtslose Menschheit. Obwohl beide die Erde längst aufgegeben und für die Menschheit nur noch Hohn übrig haben, steigen sie dennoch ein letztes Mal hinab, um zu retten, was vielleicht noch zu retten ist. Denn schließlich sind sie Vampiretten, die gar nicht anders können als – Achtung Wortspiel! – zu retten. Und schon landen sie im innersten Höllenkreis.

Im güldenen Oval Office sitzt der Diktator hinter dem Schreibtisch auf dem Klo, säuft Coca Cola, frisst Fast Food, ist mit niemand und nix zufrieden. Ihn bei Laune zu halten versuchen Elvis, Folk-Sängerin, Akrobatin, Captain America, Hula-Hoop-Tänzerin und zwei als Hotdog verkleidete Witzfiguren. Doch alle werden mittels rotem Knopf in den Orkus befördert. Die First Lady Melania steht derweil stumm und starr daneben wie eine Schaufensterpuppe unter typischem Lampenschirmhut, bis auch sie fortgejagt und durch ein neues Girl ersetzt wird. Als Trump-Karikatur läuft Georg Nigl zu Hochform auf. Der Sänger überschlägt sich im Falsett, brüllt, kreischt, fistelt, faselt, furz, rülpst, sabbert, gestikuliert, grimassiert. Die virtuose Parodie auf Masse und Macht in der Art von Alfred Jarrys rübenförmigem Roi Ubu wird eindrücklich ins Bild gesetzt. Das Staatsoberhaupt bläht sich zum greinenden Riesenbaby auf, während der Kopf zum winzigen Wurmfortsatz schrumpft.

Hilfe versprechen Helden aus der Muppet Show. Verkleidet als Frosch Kermit und Miss Piggy dreschen die zwei Vampi-Retterinnen mit Hämmern und Sägen auf den Popanz ein. Ihre Waffen aber sind aus Schaumstoff und prallen am großen Trumpel ab. Vampi und Bampi sind fortan bloß Zaungäste, die taten- und hilflos zusehen. Am Ende treiben die Avatare des Wiener Künstlerinnen-Duos auf dem Meer wie die von Adorno als „Flaschenpost“ charakterisierte neue Musik, ungehört, ohne Echo verhallt. Was den beiden versagt bleibt, gelingt dagegen der Blauschimmelvariante des bekannten japanischen B-Movie-Monsters. Im Gegensatz zur Bestie im White House ist Gorgonzilla gutartig und zeigt menschliche Regungen. Die Mutante einer Atomkatastrophe verschlingt den Despoten, rettet Mutter Erde und wird deswegen von den Überlebenden als „Gott Zilla“ verehrt. Statt der Kunst erlöst eine Figur der Popkultur die Welt.

Das Textbuch springt bierlaunig zwischen Alltagssprache, Klamauk und Kalauern. Ebenso stolpert Neuwirths Musik kreuz und quer durch Operette, Musical, Schlager, Filmmusik, Comic, Walzer und Hüttenmusi. Fast drei Stunden lang sind Klangwust, Wortsalat und Bilderflut finster entschlossen, Spaß zu machen. Die Menschheitsdämmerung wird als grelles Splatter-Horror-Spektakel serviert, das Kunst und Kitsch, Sarkasmus und Showbiz, Disney, Marvel und Karneval zu unterschiedslosem Kulturmüll verquirlt. Und stellvertretend für die durch Kommerz und Kulturindustrie verblödete Menschheit torkelt die Statisterie als stumpfsinnige Zombie-Meute willenlos durchs apokalyptische Geschehen und Pausenfoyer. Eine von Helmut Lachenmann zurechtgedrehte Politphrase beschreibt vermutlich treffend die gegenwärtige Situation: „Die Lage ist hoffnungslos, aber nicht ernst.“

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