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„Siegfried“ an der Bayerischen Staatsoper. N. Brownlee. Foto: Monika Rittershaus

„Siegfried“ an der Bayerischen Staatsoper. N. Brownlee. Foto: Monika Rittershaus

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Mal eben Wagner verbessern – In Münchens neuem „Siegfried“ darf das Bühnenteam Vielerlei bis Alles

Vorspann / Teaser

Die Bayerische Staatsoper versteht sich neben Bayreuth als die andere Wagner-Stadt von Weltgeltung. Sie kann im Nationaltheater seit 1963 auf eine beachtliche „Ring“-Tradition zurückschauen. Die setzen nun Vladimir Jurowski im Orchestergraben und Tobias Kratzer auf der Bühne fort – jetzt mit dem von Wagnerianern oft weniger geschätzten, mitunter als „Scherzo“ etikettierten Abend um den jungen Helden, der die Welt retten soll.

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Im „Rheingold“ interessierte sich Kratzer in Interviews für den Komplex „Glauben“ und ließ mit seinem Ausstatter Rainer Sellmaier alles in einem Kirchenraum spielen, mit einem Altarbild als Götter-Walhall (vgl. nmz online vom 28.10.2024). Dem folgte in „Walküre“ banaler Hyper-Realismus für den Inzest des Wälsungen-Paares auf dem Küchentisch samt Slip als Beweismittel und ein falsch niedriges Dachgeschoß von Hundings Försterhäuschen. Die „Apocalypse now“-Anspielung mit Brünnhildes Hubschrauber-Flug zum „Walküren-Ritt“ über München, erst recht der Nachbau des Königssaals im Nationaltheater als Matratzenlager für ihren Schlaf wurden in der Premiere zwar bejubelt – enttäuschten aber alle Werk-Kenner mit der Hoffnung auf einen „Ring für 2026 und die kommenden Jahre“ (vgl. nmz online vom 26.06.2026). Verunsicherte Erwartungen also… 

Kratzer selbst stellt nun Siegfrieds Weg als „Coming-of-Age-Erzählung“ in den Mittelpunkt. Unkonventionell neu zeigen Sellmaier und Kratzer nun Mimes Höhle als kleinbürgerliche Zwei-Zimmerwohnung: neben der IKEA-Wohnküche ein heutiges Kinderzimmer mit vielerlei wenig geschätztem Spielzeug – das zeigt der etwa zehnjährige Junge Siegfried von Felix Fröbel trotzig und rotzig – bis hin zur kleinen Entsetzlichkeit, dass er sein Meerschweinchen in Mikrowelle zu Tode grillt – Scherzo. Dazu singt Tenor Benjamin Bruns im schwarzen Anzug am Bühnenportal links aus dem Klavierauszug. Dann agieren beide zunehmend miteinander, basteln mit Küchenreibe, Ofen, Aquarium-Kühlung unter einem Betttuch-Zelt das Schwert Nothung – wobei sich Rollendebütant Bruns schonen darf und das Schmiedehämmern aus dem Orchester kommt. Wotan-Wanderer ist wie ein brutaler Stadtstreicher eingedrungen, fesselt Mime zum Rate-Spiel mal eben an die Heizung, isst einen mitgebrachten goldenen Freia-Apfel halb, den Jung-Siegfried dann im Müll entsorgt… viele weitere Detailaktionen…

Auch im 2. Aufzug geht es nicht in den Wald. Zum Vorspiel zeigt ein Film, wie Fafner mit dem Ring die Zeit vor- und rückwärts laufen lassen kann, durch Pferdewetten Milliardär wird, vielerlei Luxus ausprobiert und jetzt einsam in einer Wohnung im Armenviertel vor sich hin wartet. Sellmaiers Ausstattungsfreude an Prekariatsdetails mit zahlreichen stummen Nebenfiguren hat in einem mittelmäßigen Drachenkampf, zu dem ein Polizeiauto hereinfährt, keinen Höhepunkt. Alberich schießt nebenbei mal das Vögelchen ab, das Siegfried dann im Tarnhelm pflegt und am Ende mit ihm davonstürzt. Hinterher stürzt auch Alberich mit seiner wüst gekleideten Horrorbande, in der von der AK47 über Baseballschläger bis zur Machete alles droht…

Zur grandiosen Musikdramatik des 3. Aufzugs könnte es eine überlebensgroße Weltenwende geben: Die männliche Ratio beschwört noch einmal das ur-weibliche Prinzip herauf; beide erkennen ihr Scheitern – und das offene Ende der kommenden Götterdämmerung könnte aufscheinen. Kratzer-Sellmaier zeigen jedoch Wotan-Wanderer im nachtschwarzen, bühnenweiten Fitness-Studio einer Männertruppe in mittelalterlich anmutenden Kettenhemden, die dauernd mit ihren Schwertern herumagieren. Herein wird eine zunächst blind maskierte Erda geschleppt und miserabel wie in Abu Graib oder Guantánamo bis hin zum Waterboarding malträtiert… Unbehelligt darf Siegfried hereinkommen, Wotan den Herrschaftsspeer zerschlagen und zum Brünnhilden-Felsen davonstürzen.

Dann wird in Filmsequenzen auf dem Zwischenvorhang ein mit Stacheldraht gesichertes Nationaltheater mit Zerstörungen gezeigt. Siegfried hebt unbedarft – aber doch wohl bedeutungsschwanger? – den abgeschlagenen Wagner-Kopf des Foyers auf und findet wieder in den Nachbau des Königssaals mit Brünnhilde auf der Matratze. Erstaunlicher-unerklärterweise findet sich im Raum deutlich mehr Stroh oder Heu als im Walküren-Finale … Dem Anschlussfehler steht dann eine der dramaturgisch-psychologisch reizvollsten Erfindungen gegenüber: Zu Siegfrieds „Fürchten“ vor der schlafenden Frau kommt der kleine Kind-Siegfried wieder auf die Bühne – anrührendes Bild und Aktion eben „vor dem ersten Kuss“ –, diese Sensibilität hätte der Musiktheaterfreund dem ganzen Abend gewünscht. Jetzt folgten unerklärlich bunte Malereien von Siegfried und Brünnhilde auf den Spiegelflächen des Saales. Dann kamen noch einmal die acht Walküren-Schwestern herein, halfen beiden in alltägliche Reisekleidung, stürzten mit ihnen davon – und eine führte doch den lebendigen, wunderbar gestriegelten Rappen „Grane“ hinterher. Für all das erntete Kratzers Bühnenteam dann neben amüsiertem Beifall doch auch deutliches Buh. 

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Benjamin Bruns und Georg Nigl in Siegfried an der Bayerischen Staatsoper. Foto: Monika Rittershaus

Benjamin Bruns und Georg Nigl in Siegfried an der Bayerischen Staatsoper. Foto: Monika Rittershaus

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Einhelligen Jubel gab es für GMD Vladimir Jurowski: er hatte das glänzend disponierte Staatsorchester im offenen Graben zu mehrfach überwältigend tosender Wagner-Grandezza animiert und aufgetürmt und dann auch zum heimlichen Elend der Erinnerungsmotive ins Piano zurückgenommen – die Klangvielfalt und -fülle des Vor- und Nach-Tristan-Meistersinger-Wagner war begeisternd zu hören. Auch wenn der schon mit stattlicher Heroen-Figur auftretende Benjamin Bruns zurecht für ein vokal rundum gelungenes Debüt gefeiert wurde: Der Lorbeer für ein scharfkantiges, mehrfach gefährlich bissig-scharfes Alberich-Porträt ist Georg Nigl zu reichen. Neben ihm ein staatsoperngerechtes, sehr gutes Vokal-Ensemble mit der „nach zwanzig Jahren Schlaf“ auftrumpfenden Brünnhilde von Simone Schneider – zurecht alle mit Bravi bedacht… nur konnten sie diese oft diffuse Kleinteiligkeit nicht zu einem „Wurf“ zusammenfügen: das Werk war eher verschlimm-bessert – und auch mit diesem dritten Abend ist kein „Münchner Ring über 2026 hinaus“ in Sicht…

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