Pure Emotion rein, pure Emotion wieder raus: zu einer einzigartigen Gefühlsreise führen seit viele Jahren die Rachmaninow-Interpretationen des 1989 geborenen Pianisten Alexander Krichel.
Pure Emotionen aus Russland – Alexander Krichel wieder einmal mit Rachmaninow unterwegs
Dem tiefen, so oft angefeindeten melancholischen Tableau des russischen Komponisten fühlt Krichel sich seit vielen Jahren nahe, 2023 erschien seine CD mit dem Titel „My Rachmaninow“. Auch von seiner Ausbildung her ist er – der Hamburger – sozusagen russisch verankert: Sein letzter Lehrer war der letzte Schüler aus der russischen Heinrich Neuhaus-Pianistenschule, Vladimir Krainev. Dem hatte er auch kurz vor dessen Tod 2011 das 2. Klavierkonzert op. 18 vorgespielt. Aus dieser vielfachen Verankerung entstand eine maßstabgebende Interpretation, mit der Krichel nach seinen internationalen Erfolgen jetzt wieder mit der NDR Radiophilharmonie in drei Konzerten unterwegs war. Und der in St. Petersburg geborene und ausgebildete Dirigent Stanislaw Kochanowsky, seit letztem Jahr Chefdirigent des Orchesters, garantierte eine ergänzende russische Perspektive, was auch immer das sein mag und in diesen angespannten politischen Zeiten zu neuem Nachdenken anregt. Also Anlass genug, einmal nachzuhorchen, was im Laufe der Jahre aus Krichels Rachmaninow geworden ist.
In dem umjubelten zweiten Konzert in der Bremer Glocke, der Herbert von Karajan einmal eine der besten Akustik der Welt bescheinigt hatte, war höchst eindrucksvoll zu hören, dass den Pianisten Rachmaninows emotionale Tiefe nicht loslässt. Sogar im Gegenteil. Eher selten hört man auch bei besten InterpretInnen, dass die gespielte alte Musik wirklich ihrs geworden ist, dass sie mit ihr etwas erzählen wollen. Bei Krichel ist es so: Er vermittelt mit schwer fassbarer Stärke seine eigene Befindlichkeit – zumindest scheint es so. Mit unglaublicher Zärtlichkeit und unglaublicher Wucht, mit beißender Intensität stürzt er in den nächsten Schmerz, die nächste Steigerung, wie die schier atemberaubende Schlusssteigerung des ersten Satzes. Und es ist schwer zu beschreiben, wie er hingebungsvoll Pathos spielt, Pathos genießt, ohne je sentimental zu werden. Krichel bewahrt immer strukturelle Klarheit und Transparenz, meißelt vorsichtig die kammermusikalischen Strukturen heraus wie in dem Dialog mit der Flöte im zweiten Satz. Es gelingt ihm, Pathos und Struktur gleichermaßen zu spielen, das macht seine mitreißende Faszination aus. Sein Spiel ist ebenso nachhorchend wie impulsgebend. Und die dem 1900 geschriebenen Werk zugrunde liegenden Strukturen von zurückgehender Anspannung und wachsender Spannung klingen ganz einfach regelrecht aufregend. Eine Interpretation, die taugt, dem Komponisten neu gerecht zu werden, als es vernichtende Komponisten und Musikwissenschaftler jahrzehntelang taten: Er sei ein guter Filmkomponist, meinte Igor Strawinski, ein Vulgär-Töner, befand George Bernard Shaw und ausgerechnet Richard Strauss schwang sich zum Urteil „Gefühlsjauche“ auf. Die französische Pianistin Hèlène Grimaud allerdings nennt als ihren musikalischen Seelenheiler immer wieder Rachmaninow.
Mächtig und schwungvoll erklang in dem Konzert am Anfang die Polonaise aus „Eugen Onegin“ von Pjotr Tschaikowsky und traumverhangen stimmungsvoll dessen erste Sinfonie op. 13 mit dem Titel „Winterträume“, genau das Richtige in dieser Kälte.
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