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„Die Meistersinger von Nürnberg“ im Stadttheater Minden, September 2026. © Foto: Bettina Stöß

„Die Meistersinger von Nürnberg“ im Stadttheater Minden, September 2026. © Foto: Bettina Stöß

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Wagners „Meistersinger“ in Minden: Splendide Bestleistung mit Sensibilität und Glück

Vorspann / Teaser

Die sechs Vorstellungen von „Die Meistersinger von Nürnberg“ im Stadttheater Minden bis 27. September sind fast ausverkauft. So schließt der imponierende Zyklus mit allen Werken des Bayreuther Kanons im Dreijahresabstand, den der Richard-Wagner-Verband Minden 2002 mit „Der fliegende Holländer“ begann und 2019 gerade rechtzeitig vor der Pandemie mit dem kompletten Vierteiler „Der Ring des Nibelungen“ zum Höhepunkt brachte. Ein weiterer Triumph: Der Dirigent Frank Beermann, der Regisseur Jakob Peters-Messer, die Nordwestdeutsche Philharmonie und die Opernchor-Vereinigung Coruso schlagen sich hier mit einem beneidenswerten Rückhalt bei Publikum, Bürgerschaft und einer imponierenden Reihe von Sponsoren. Sternstunden mit überragenden Besetzungen – an der Spitze Simon Bailey (Hans Sachs), Jussi Myllys (Walther von Stolzing) und Stephen Chambers (David).

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Am Ende ist der Schusterpoet Hans Sachs, dessen 450. Todestag die Stadt Nürnberg dieses Jahr feiert, allein auf der Bühne. Bei den überschaubaren Raumverhältnissen des 1908 eröffneten Stadttheaters mit zwei Rängen für 535 Zuschauer und dem schwarzen Hintergrund gerät das umso beklemmender und schmerzlicher. Simon Bailey leuchtet die Riesenpartie bis dahin mit großer Menschlichkeit und gesanglich bewundernswerter Souveränität aus, vollkommen ohne sonst kaum vermeidbare Konditionsprobleme. Dann rutschen der Figur die beiden Verse Wagners heraus, welche das Werk seit der ideologischen Einverleibung durch den Nationalsozialismus erst recht problematisch machen: Der am Ende des ersten Aktes den jungen Dichterkollegen Walther gegen den bornierten Traditionalismus der Meistersinger verteidigende Sachs fordert vor den Massen auf der Festwiese urplötzlich eine Kunst, die „deutsch und echt“ gegen „welschen Dunst mit welschem Tand“ auffährt.

Es waren schon aufgrund der Raumsituation sehr personenreduzierte und dabei auf allen Ebenen sehr verspielte, weil auch anrührende „Meistersinger“. Da es aufgrund der kleinen Bühne keine szenische Chor- und Pantomime-Unterstützung gab, waren die acht sogenannten kleinen Meister intensiv gefordert: Leon Noel Wepner (Kunz Vogelsang), Frieder Flesch (Konrad Nachtigall), Vaclav Vallon (Balthasar Zorn), Ilya Silchuk (Ulrich Eisslinger), Steffen Schantz (Augustin Moser), Mykola Piddubnyk (Hermann Ortel), Oscar Marin-Reyes (Hans Schwarz) und Maurice Giancarlo Avitabile (Hans Foltz). Sie zeigten den Albtraum des hier durch Michael Borth nobilitierten Merkers Sixtus Beckmesser, der sich ohne großes Bashing nach der Brautlied-Schlappe wieder in die Meistersinger-Riege einreiht. Und als „Mädels von Fürth“ machten sie in orangen Tutus „bellissime figure“.

In Minden nahm man sich vorbildlich Zeit fürs Casting der 1868 in München unter dem Protektorat Ludwigs II. von Bayern uraufgeführten Oper. Gastsolisten – für die meisten waren es Partituren-Debüts – kamen aus den Musiktheater-Ensembles von Detmold, der Deutschen Oper am Rhein, Leipzig, Meiningen und anderen. So entstand eine Sternstunden-Besetzung, bei der auch große Häuser aufhorchen sollten. Das liegt in Minden gleichviel an Dirigat und Regie, welche empathisch in die Noten schauten und ein burlesk-sensibles Kammerspiel entwickelten, ohne die Musik kleinzumachen. Guido Petzold setzte den dekorativen Rahmen – wenige Holzmöbel und Requisiten. Dazu sinnfällige Videos mit der Nürnberger Meistersinger-Tabulatur aus dem 16. Jahrhundert, dem Typoskript von Walthers Preislied als poetische Überhöhung, vielen Gesichtern aus der realen Stadtgesellschaft Mindens und einem Weser-Panorama mit der Porta Westfalica und sommerlicher Flusslandschaft. Deutlich wird in Jakob Peters-Messers Regie auch das „Meistersinger“-Dilemma: Je sympathischer die Figurenführung, desto drastischer gerät die kaum leistbare Aufarbeitung von Wagners zu tumben Interpretationen herausforderndem Schluss. Den kann man schwerlich canceln oder schönschreiben wie jene drei Silben, in denen im Verwechslungstreiben der Nürnberger Johannesnacht aus „Die Alte“ das höflichere „Die Andre“ wurde.

Gegenwartsmenschen begeben sich am Beginn ins Spiel. Sie lüpfen Verkleidungen mit Renaissance-Attributen von Angela Schuetts Kostümständern. Sie gucken immer wieder in „Meistersinger“-Klavierauszüge, springen später je nach Situation von der direkten Handlung in objektivierende Beobachtung und zurück. Das hat Auswirkungen auf ein Singen mit agiler wie schöner Gestik. Die Textverständlichkeit ist meist gut und immer in der genau richtigen Balance zwischen Konversation und Melodie. Gerade die sonst zur Kurzerholung von den anstrengenden Partien genutzten Übergänge erhalten allesamt hohe Wertschätzung.

Frank Beermann und die Nordwestdeutsche Philharmonie, die Platz bis weit auf die Nebenbühnen beanspruchen müssen, sind ein zusammengeschweißtes Expertenteam und bewährungsfähig, sogar in der dichten Wagner-Umkreiskonkurrenz in Hannover, Dortmund und Hamburg. Immer wieder setzt Beermann hochromantisch blühende, aber nie wuchernde Akzente. Für die Sängerinnen und Sänger tut er alles. Beermann gewährt Zeit an den Kulminationspunkten der Deklamation und unterstützt das melodische Gestalten durch flexible, immer im idealen Dienst am dramatischen Fluss stehende Tempi.

Dieses Hohelied auf das Ensemble muss kommen: Kathrin Göring gibt Evas Freundin Magdalene schlichtweg ideal. Emma McNairy ist eine selbstbewusste Eva, die mit angesagter Indisposition eher die Kraft als die Schutzlosigkeit der von ihrem Vater zur Heiratsware deklarierten Frau zeigt. Gerade dadurch gewinnt ihre Beziehung zu Sachs derart an Intensität und Nähe, dass bis zu dessen populistischem Ausrutscher eine polyamoröse Allianz von ihm, Eva und Walther von Stolzing möglich scheint. Die beiden Hauptpartien-Tenöre sind die größte Überraschung von Minden. Jussi Myllys ist kein Heldentenor, sondern eher ein kräftigerer Belcanto-Könner mit Lohengrin-haftem Dauerleuchten und der Leichtigkeit einer perfekten Tongebung, sogar dort, wo Wagner seine Tenöre wieder einmal an physische Grenzen treibt. Wow! Stephen Chambers singt David mit einer Lockerheit und dabei bemerkenswert schwererer Stimme, als es überall sonst zu hören ist. Er zieht in seinen wichtigen Szenen die Augen und Ohren immer voll auf sich. Wenn man Myllys und Chambers zusammen hört, die Herausforderungen wie Aubers „Fra Diavolo“ mindestens ebenso gut meistern würden, kann man den Mangel an deutschen Opern mit zwei großen Tenorpartien nur bedauern. Christoph Seidl zeigt die Widersprüche von Evas Vater Pogner auch in der Stimmführung und nimmt die oft als Liedertafel-Partie missverstandene Figur erfreulich ernst. Michael Borth ist als Beckmesser der akademische Fremdkörper in der handwerklichen Meistersinger-Riege. Dieser wächst bei Borth zu etwas, was alle anderen hier nicht sind: fast eine Kunstfigur mit piekfeinem Outfit, geschliffenen Umgangsformen und Herz, dem nur eines fehlt – echte poetische Potenz! Diese hat er allerdings in der Stimme. Johannes Schwarz ist ein schön singender Kothner, der deshalb minimal ins Hintertreffen gerät.

Das sind sie also, die Mindener „Meistersinger“. Angesichts dieser Sternstunde sollten sich die Beteiligten dringendst zum Weitermachen durchringen. Denn diese Wagner-Aufführung hat weitaus mehr Appeal sowie künstlerische und soziale Bedeutung, als 15 Minuten lautstarke Ovationen ausdrücken können. Inniger Dank an „Wagner in Minden“! Trotz der fulminanten Gesamtleistung steht die Fortsetzung des bewundernswerten Projektes leider in den Sternen. Jutta Winckler, die höchst initiative Drahtzieherin, und der für das Produktionsbüro zuständige Christian Becker denken aus Altersgründen an einen allmählichen Rückzug. Dabei ist die soziale Basis in Minden glänzend, was sich durch den demographischen Wandel wie vielerorts bald ändern könnte.

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