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Shin Taniguchi (hinten), Isaac Lee, Tamta Tarielashvili. Foto: © Anke Neugebauer
Shin Taniguchi (hinten), Isaac Lee, Tamta Tarielashvili. Foto: © Anke Neugebauer
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Wenn die Liebe zur Kunst über Leichen geht … Paul Hindemiths Opernkrimi „Cardillac“ in Meiningen

Vorspann / Teaser

Ums Künstlerego geht es in der Oper ja oft. Um Mord und Totschlag auch. In dem Werk, das Paul Hindemith (1895–1963) und sein Librettist Ferdinand Lion aus E. T. A. Hoffmanns Erzählung „Das Fräulein von Scuderi“ gemacht haben, geht es um beides gleichzeitig. Ein Goldschmied kann sich nicht von seinen Werken trennen. Wenn er eins verkauft, bringt er den Käufer heimlich um und holt sich das Schmuckstück zurück. Auf die Dauer geht das natürlich nicht gut. Zumal der Bewerber um die Hand der Tochter sich nicht abhalten lässt, auch so ein Kunstwerk zu erwerben. Mit großer dramatischer Geste gesteht der Goldschmied am Ende selbst, der gesuchte Mörder zu sein, und fällt so dem aufgebrachten Mob zum Opfer.

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Die stimmige Meininger Inszenierung nutzt die verblüffende Parteinahme des letzten (Beinahe-)Opfers für die radikale Fixierung des Künstlers auf sein Werk zu einer bemerkenswerten Pointe. Aus der individuellen Disposition eines aus der zivilisatorischen Bahn geratenen Einzelgängers wird hier eine bellizistische Wende. Ein großer Teil des über den Einzelnen empörten gutbürgerlichen Mobs tauscht sein Zivil gegen Uniformjacken. Nur eine Minderheit verweigert das. Einer von ihnen wird sogar von einem Einpeitscher massiv attackiert und geht zu Boden. Damit wird das Ende von einem Verweis auf eine die gesamte Kunstproduktion der Zwanzigerjahre prägende Zwischenkriegszeit mit all ihren traumatischen Erfahrungen unter der Hand zu einem Menetekel für die Gegenwart. Und der exzellent in Szene gesetzte Psychokrimi wird ins gesellschaftlich Relevante geweitet, ohne dabei ins Plakative auszuweichen. 

1926 in Dresden uraufgeführt, gehört „Cardillac“ zu den immer noch ziemlich modern wirkenden Novitäten einer für die Gattung Oper höchst ergiebigen, kurzen Epoche hellen Leuchtens vor der großen Finsternis, die die Nazis der Moderne verordneten. Die Werke des Hessen Hindemith fielen dieser exemplarischen Kulturbarbarei genauso zum Opfer wie die seiner jüdischen Kollegen. Seine Oper „Mathis der Maler“ konnte 1934 nur noch in Zürich uraufgeführt werden, 1938 emigrierte er in die USA, nach dem Krieg ließ er sich in der Schweiz nieder. Im Falle der Rezeptionsgeschichte seines „Cardillac“ gelang es der dort revidierten Fassung von 1951 nicht, die auch in Meiningen gespielte Urfassung von 1926 zu verdrängen.

Musikalisch ist das nur knapp einhundertminütige Werk eine dezidierte Polemik gegen die Spätromantik. Mit neusachlichem Bauhaus-Barock, wie es im Programm heißt. Dabei findet Hindemith mit einer nicht allzu großen Besetzung im Graben dennoch zu einem wuchtig schroffen, aber heutzutage fast schon eingängigen Ton. Er lässt den Protagonisten und dem Chor, der hier selbst eine Hauptrolle spielt, vollen Entfaltungsspielraum, verlangt ihnen aber auch einiges ab.

GMD Killian Farrell setzt mit der fabelhaften Hofkapelle in Hochform auf geradezu kammermusikalische Präzision für einen transparenten, durchhörbaren Klang, lässt gleichwohl nichts an dramatischem Drive fehlen. Inklusive der eingebetteten, gar jazzigen Bühnenmusik oder der aufrauschenden Quartett-Stimmpracht, die dann doch an Richard Strauss denken lässt. Es ist wieder eine von Farells Produktionen, von denen es später mal heißen wird, dass er das schon in Meiningen mustergültig hinbekommen hat.

Aber auch die Inszenierung von Giulia Giammona (Regie) und Susanne Maier-Staufen (Ausstattung) ist ein ästhetisch stimmiger Wurf. Die Drehbühne wird von riesigen Vitrinen beherrscht. Mal zeigen sie die Kunstwerke, mal die Opfer, mal imaginieren sie die Straßen der Stadt. Das Fragile von Kunstwerken wird in Glas übersetzt, die Morde von zersplitterndem Glas und Sequenzen von Hans-Richter-Filmen aus der Uraufführungszeit der Oper werden akustisch und optisch illustriert. Auch der bürgerliche Habitus der Chors deutet auf diese Epoche. Wobei der Meininger Chor von Roman David Rothenaicher nicht nur hervorragend einstudiert wurde, sondern auch von der maßgeschneiderten Choreografie von Alessandra Bareggi profitiert und so zum wahrnehmbaren Akteur wird.

Aus Cardillac macht Shin Taniguchi mit vokaler und darstellerischer Intensität den Psychopathen, der bei seinen Morden von Gestalten mit Kopfmaske von (diebischen) Elstern begleitet wird, die auf sein inneres Getriebensein verweisen. Seiner doppelten Natur kann er nicht entkommen und liefert sich am Ende selbst ans Messer.

Aber auch die nach einem Schmuckstück lechzende Dame (mit elegantem Mezzo: Tamta Tarielashvili) und der Kavalier (smart und eloquent: Isaac Lee), der ihr das Teil besorgt und dafür mit dem Leben bezahlt, überzeugen mit ihrem episodischen Auftritt. Das gilt auch für den misstrauischen Goldhändler (intensiv präsent: Selcuk Hakan Tiraşoğlu), der Cardillacs Doppelleben letztlich aufdeckt. Für vokale Glanzlichter sorgen auch Lena Kutzner als Tochter und Roman Payer als der um sie werbende Offizier. Meiningen ist mit dieser Neuproduktion musikalisch ganz und gar auf seinem (exzellenten) Niveau. Und hat obendrein für dieses Schmuckstück der Moderne auch die passende szenische Fassung gefunden!

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