Unübersehbar #45 – nmz-Streaming-Empfehlungen vom 26.3. bis zum 1.4.2021


(nmz) -
Tempus fugit – so schnell kann’s gehen. Da war diese Ausgabe unserer Streaming-Tipps schon fertig, da kam eine Absage aus der Kirche Aumühle. Zu Ihrer Information und um das verantwortungsvolle Verhalten der Beteiligten zu dokumentieren, haben wir Sie dennoch – entsprechend gekennzeichnet – stehen gelassen. Mögen alle anderen Musiken störungsfrei bei Ihnen ankommen. Nur wer die Sehnsucht kennt… [jmk]


Ab 26. März


Capella Jenensis: Klingende Thüringer Residenzen
Videos on demand unter www.klingende-residenzen.de

Im Rahmen des Soforthilfeprogramms für freie Orchester und Ensembles entstanden vorerst acht Filme mit dem Thüringer Barockorchester Capella Jenensis. Die drei ersten Filme sind ab 26. März zu sehen und werden ebenso auf den Websites von Schloss Heidecksburg in Rudolstadt, Residenzschloss Elisabethenburg zu Meiningen und Wilhelmsburg in Schmalkalden online gestellt. Weithin noch unbekannte musikalische Schätze der Thüringer Hofmusiken wurden unter der Produktionsleitung von Gertrud Ohse, Daniela Döhler-Schottstädt und Tillmann Steinhöfel sowie Konzertmeisterin Claudia Mende eingespielt. Es erklingen Werke wie Philipp Heinrich Erlebachs Sonata prima und Johann Ludwig Bachs Orchestersuite G-Dur sowie Kompositionen von Heinrich Schütz und Moritz von Hessen-Kassel.
Ab 26. März werden im Wochentakt weitere Musikfilme online gestellt, die auf den Schlössern in Arnstadt, Dornburg, Sondershausen, Wilhelmsthal bei Eisenach und Altenburg eingespielt wurden. Eine wichtige Quelle stellte das „Partiturbuch Ludwig“ dar. Diese von dem Gothaer Schreiber und Musiker Jakob Ludwig für die damals größte Bibliothek Europas erstellte Sammlung von Instrumentalstücken enthält wichtige Informationen über die Musizierpraxis an den Fürstenhöfen Eisenach, Weimar und Arnstadt. Für einige Komponisten stellt es die einzige Quelle dar.
[Roland H. Dippel]

Oper Frankfurt: „Nur wer die Sehnsucht kennt“ – Tschaikowski-Lieder inszeniert von Christof Loy
Freitag, 26.3.2021, 19.30 Uhr
Live-Videostream auf der Theaterwebseite und via ARTE Concert; anschließende als Video on demand drei Monate lang verfügbar

Es steht einem ambitionierten Haus wie der Oper in Frankfurt am Main gut zu Gesicht, auch bei ihren Online-Angeboten (in der Rubrik „Oper Frankfurt zuhause“) Ehrgeiz zu entfalten. Bei einem Regisseur wie Christof Loy versteht sich das von selbst. Loy sollte eigentlich für den Januar 2021 seine Stockholmer Inszenierung von Umberto Giordanos Melodramma „Fedora“ aus dem Jahre 2016 als Frankfurter Erstaufführung einstudieren. Künstlerisch kamen für ihn aber die pandemiebedingten Abstandsgebote nicht in Frage. Dabei kann sich Loy auch in Pandemiezeiten nicht über einen Mangel an Aufträgen beklagen. Gerade hat er an der Deutschen Oper Berlin mit Riccardo Zandonais „Francesca da Rimini“ geglänzt. In Salzburg hatte er im letzten Sommer mit seiner „Così fan tutte“-Inszenierung im Großen Festspielhaus einen wesentlichen Beitrag für das Experiment Salzburg geleistet, dessen Erfolg in Deutschland die politischen Entscheidungsträger dennoch nicht zur Nachahmung inspirierte. Danach brachte er noch im Theater an der Wien Leoncavallos „Zaza“ und im Teatro Real in Madrid Dvoràks „Rusalka“ auf die Bühne.
Für Frankfurt hat jetzt, als Ersatz für die zunächst geplatzte „Fedora“, unter dem Titel „Nur wer die Sehnsucht kennt“ in einer kleinen aber feinen Inszenierung Romanzen, Klavier- und Kammermusik von Peter Tschaikowski zu einem eigenständigen Stück geformt. Für das typische Loy-Ambiente sorgt der Ausstatter Herbert Murauer. In einem Salon mit riesiger Projektionswand in einem Prunkbilderrahmen und einem Flügel treffen drei Männer und zwei Frauen aufeinander. Der eine Mann im Zentrum, der russische Bariton Vladislav Sulimsky, hat zwei jüngere Alter Egos – den italienischen Tenor Andrea Carè und den Bariton Mikołai Trąbka. Die beiden Frauen (die russische Sopranistin Olesya Golovnev und Mezzosopranistin Kelsey Lauritano) verkörpern unterschiedliche Typen, die nach und nach ihre Rollen tauschen. Unterdrückte Gefühle, Sehnsucht nach dem Rausch aber auch Trauer und Einsamkeit alles ist in der Musik vorhanden. Tschaikowskis Vertonung eines Mignon-Gedichts nach Goethe „Nur wer die Sehnsucht kennt“ gibt diesem vielversprechenden szenischen Abenteuer das Motto.
Gesungen wird in russischer Sprache mit deutschen Übertiteln. Mariusz Kłubczuk und Nikolai Petersen sind am Klavier und Mitglieder des Frankfurter Opern- und Museumsorchesters als Streichersextett vom Band mit von der Partie. Die digitale Premiere wird durch die Mitwirkung der deutschen Produktionsfirma Unitel und arte ermöglicht.
Online-Premiere ist am Freitag, 26. März 2021, um 19.30 Uhr auf der Website der Oper Frankfurt (www.oper-frankfurt.de) sowie auf ARTE Concert https://www.arte.tv/de/arte-concert…, jeweils für die Dauer von drei Monaten zu sehen. Die Veröffentlichung als DVD ist in Planung. Ein Trailer befindet sich bereits auf der Homepage der Oper.
[Joachim Lange]

Ensemble L’ART POUR L’ART: Sounding Words
Freitag, 26.3.2021, 19:30 Uhr, Video in demand, verfügbar bis 27. März via YouTube, Programmheft (pdf-Datei), YouTube-Trailer

Dem Trailer nach zu urteilen ist das ein hochwertiger Schwarz-Weiß-Konzertfilm, den das Ensemble L’ART POUR L’ART da für kurze Zeit ins Netz stellt. Auf dem Programm stehen Werke von Thierry Tidrow (Shelter, 2019), Peter Ablinger (aus Voices and Piano, seit 1998), Mathias Spahlinger (adieu m’amour / hommage à guillaume dufay, 1982/83) und Georges Aperghis’ Perkussions-Klassiker „Le corps à corps“ (1987). Es spielen Astrid Schmeling (Piccolo), Imke Dithmar-Baier (Violine), Saerom Park (Violoncello), Hartmut Leistritz (Klavier) und Johannes Fischer (Zarb) vom Ensemble L’ART POUR L’ART, die Klangregie hat Stefan Troschka, den Film verantwortet Karsten Wiesel.
[Juan Martin Koch]


Bis 28. März


MaerzMusik – Festival für Zeitfragen
Streams, live und on demand auf der Festivalwebseite, Programm hier, Tickets hier

Seit dem 19. März sendet die MaerzMusik im Angesicht einer weiterhin kontaktlosen Gegenwart ihre Inhalte in Form von Live-Events oder vorproduzierten Videos, die diesmal programmatisch weit über den europäischen Tellerrand hinausblicken. Berlins „Festival für Zeitfragen“ war via Film und Performance bisher für einige Entdeckungen gut (Halim El-Dabh, Élaine Radigue) und auch das Abschlusswochenende hat noch so einiges auf Lager:
Der Freitag (26. 3.) startet höchst erfreulich, allem Homeschooling zum Trotz: nämlich mit „Querklang“ (19 Uhr), das nun schon seit über 15 Jahren Kollektiv-Kompositionen von Schüler*innen aus Berlin zur Aufführung bringt. Der Abend steht dann im Zeichen der Uraufführung von Manuel R. Velenzuelas „time.cage“ durch das Ensemble Mosaik ein Stück für Solo-Schlagzeuger und Ensemble, indem es zwischen Reizüberflutung und Stille, Hochgeschwindigkeit und Ereignislosigkeit um grundlegende Wahrnehmungen von Zeit gehen wird. Das Ganze als Konzertfilm aus den Spreehallen Berlin (20 Uhr). Anschließend spielt das internationale Ensemble Extrakte unter Leitung von Cathy Milliken „Dulab al taj“, eine audiovisuelle Komposition für 12 Solos und Gruppenimprovisation. Ausgangspunkt ist ein Thema des syrischen Musikers Farhan Sabagh, das von den einzelnen Musiker*innen an unterschiedlichen Orten improvisatorisch fortgesponnen wird. In „Useless Land“ (ab 23 Uhr) gibt es dann Gedanken zur Nacht von Catalina Insignares und Carolina Mendonça. Die kolumbianische Tänzerin und Choreographin und die brasilianische Regisseurin lesen die ganze Nacht Texte aus der vorindustriellen Welt, bei denen man wachbleiben, hineindämmern oder einschlafen kann.
Normalerweise steht das Abschlusswochenende von MaerzMusik im Zeichen der hypersozialen Momenthaftigkeit von „The Long Now“, in diesem Jahr wird das raumgreifende Spektakel ersetzt durch den virtuellen Marathon „TIMEPIECE – Eine lebendige Zeitansage“: 27 Stunden Live-Musik aus dem Haus der Berliner Festspiele und von zugeschalteten Komponist*innen und Musiker*innen aus aller Welt. Das dürfte den nicht geringen Vorteil haben, dass man im Gegensatz zu früheren Aktivitäten im Kraftwerk auch etwas hören wird und sich in der eigenen Wohnung nicht durch Barrikaden von Liegepritschen kämpfen muss. Anknüpfend an Peter Ablingers „TIM Song. A Pop Song for a speaking voice and accompaniment“ (2012), das auf der automatischen Zeitansage der BBC beruht, werden auf der Drehbühne im Haus der Festspiele vom 27. März (20 Uhr) bis 28. März (24 Uhr) im Stundentakt „wechselnde Landschaften aus Musik und Sprechstimmen“ zu durchmessen sein. Unter den mehr als 130 Mitwirkenden befinden sich Peter Ablinger, Baba Electronica, Marino Formenti, Ashley Fure, Michael Gordon, Les Percussions de Strasbourg, Phill Niblock & Katherine Liberovskaya, Eva Reiter, stock 11, Terre Thaemlitz, Myriam van Imshoot, Jennifer Walshe und viele viele andere.
Den „Festivalpass“, der Zugang zu allen Programmbestandteilen ermöglicht, erhält man kostenlos oder nach Zahlung eines frei wählbaren Betrages. Die einzelnen Beiträge stehen nach der Erstausstrahlung noch bis Ende April zum Nachhören und –sehen bereit.
[Dirk Wieschollek]


27. März


Dietrich Buxtehude „Membra Jesu nostri“
Samstag: 27.3.2021, 18:00 Uhr @ Kirche Aumühle über dringeblieben.de

Kurzfristig abgesagt! Die Verantwortlichen schreiben: „Es tut uns leid. Die aktuellen Corona-Fallzahlen am Ort ließen ein verantwortliches Proben und Aufnehmen nicht zu. Deswegen kann leider kein Konzert gestreamt werden.“

„‚Membra Jesu nostri‘ von Dietrich Buxtehude (1637–1707) ist eine Nahaufnahme des leidenden Christus. Der Zyklus betrachtet in 7 in sich geschlossenen Kantaten die sieben Gliedmaßen und Organe Jesu am Kreuz. Der zugrunde liegende mystische lateinische Text stammt aus dem Mittelalter. Buxtehudes Musik ist meditativ-zärtlich und gleichzeitig voller spannungsreicher Dissonanzen.“ So wird es angekündigt, das Konzert in der Aumühler Kirche (also in einem Vorort Hamburgs). Dort werden sich einzeln genannte Vokalsolist*innen und Instrumentalist*innen dieses wohl eher selten gespielten Werks annehmen. Kurz gesagt: Ich mag einfach (die Musik von) Dietrich Buxtehude. Es wird sicher toll! Bei dringeblieben.de kann man spenden. Die Musizierenden spenden ja auch etwas: Musik, Sinn, Freude, Reflexion, Resonanz.
[Martin Hufner]


29. März


NICA Magazin presents: Philip Zoubek
Montag, 29.3.2021, 20:00 Uhr
Live-Videostream via Stadtgarten oder Vimeo

Die Streaming-Reihe „NICA Magazin presents“ zeigt jeden Montag eine neue Folge mit Magazin-Beiträgen und bisher unveröffentlichten Konzertaufnahmen der NICA Artists. Jede Sendung besteht aus drei Teilen: ein kurzes Interview, gefolgt von Konzertmitschnitten und „High Five“ mit spontanen Improvisationen. Am Montag steht der Jazz-Pianist Philip Zoubek auf dem Plan. Im Konzert begleitet von Dominik Mahnig (drums) und David Helm (bass). Da braut sich was zusammen.
[Martin Hufner]


Bis 6. April


NDR Elbphilharmonie Orchester/Alan Gilbert: „Tempus fugit“
Video on demand via Elbphilharmonie und YouTube

Derzeit fühlt es sich kaum so an, als fliehe die Zeit. Doch mit Magnus Lindbergs „Tempus fugit“ entflieht es sich gut aus dem Corona-Alltag. Es sei zu guten Kopfhörern geraten, um den Klang des NDR Elbphilharmonie Orchesters genießen zu können. Wem das Pausenüberwindungsgeplauder über die fantastische, farbenreiche, einzigartige Musik fehlt, kann sich auf das zehnminütige Gespräch zwischen Alan Gilbert und dem Trompeter Håkan Hardenberger freuen. Dirigent Alan Gilbert möchte, dass nicht nur die Werke der alten Meister wertschätzt werden sollten, „sondern immer auch das, was unsere Zeitgenossen erschaffen.“ Deshalb folgt Olga Neuwirths „… miramondo multiplo…“. Der Titel bedeutet ungefähr „die Welt aus unterschiedlichen Perspektiven betrachten“. Im Mittelpunkt des Orchesterwerkes steht die Trompete. Nach Neuwirth ist sie „das Instrument zur Verlängerung des menschlichen Atems“.
[Juana Zimmermann]

Mit freundlicher Unterstützung der

ernst von siemens musikstiftung

 

Das könnte Sie auch interessieren: