Eine alte Bekannte

Neue Musik bei „Jugend musiziert“


(nmz) -
Man muss nicht lange suchen, bis man in den „Jugend musiziert“-Annalen den ersten Hinweis auf Neue Musik findet. So lange es den Wettbewerb gibt, ist sie integraler Bestandteil gewesen und regt seither Generationen von „Jugend musiziert“-Teilnehmern dazu an, sich mit ungewohnten Klängen, überraschender Notation, neuer Spieltechnik und ungewöhnlichen Besetzungen zu beschäftigen. Beim Bundeswettbewerb „Jugend musiziert“ 2018 in Lübeck wird mit einem überraschenden Matineekonzert, initiiert von der Musikhochschule Lübeck und dem Landesmusikrat Schleswig-Holstein, ein neues Kapitel dieser Förderung aufgeschlagen.
Ein Artikel von Jugend musiziert

Mehrmals hat sie im Laufe der Jahrzehnte bei „Jugend musiziert“ ihren Namen gewechselt – „Musik unserer Zeit“, „Werke des 20. Jahrhunderts“, „Zeitgenössische Musik“, „Neue Musik“ – konstant jedoch blieb die Aufforderung an die Nachwuchsmusikerinnen und -musiker, Neues zu wagen, die bekannten Pfade zumindest für ein paar Minuten im 10- bis 20-minütigen Wertungsprogramm zu verlassen, und nicht zuletzt der Neuen Musik eine attraktive Plattform zu verschaffen: Junge, herausragende Interpreten sorgten auf künstlerisch hohem Niveau für eine angemessene Präsentation dieser Musik.

Als „Sonderwertung Zeitgenössische Musik“ erhielt die Gattung ab 1988, anlässlich des 25. Bundeswettbewerbs, gar eine eigene Bühne. Aus dem laufendenden Bundeswettbewerb heraus nominierten die Jurygremien geeignete Kandidatinnen und Kandidaten, jedes Jahr kamen etwa 30 solistische oder kammermusikalische Beiträge zusammen. Die Teilnehmer der „Sonderwertung Z“ musizierten am letzten Wettbewerbstag vor einer eigens eingesetzten Jury um einen Geldpreis, den die Stadt Erlangen ausgelobt hatte. Der „Erlanger Preis“ gehörte für Jahre zum festen Bestandteil des Wettbewerbs.

1996 wurde auf einer „Jugend musiziert“-Konferenz aller auf Regional-, Landes- und Bundesebene Verantwortlichen in Neuss ein weitreichender Vorschlag präsentiert: Der Entwurf eines Wettbewerbskonzeptes, das sich primär auf die vielfältigen Musiziermöglichkeiten an der Basis bezog, also eine weitestgehende Öffnung für alle Formen des Musizierens im bisher bei „Jugend musiziert“ praktizierten und definierten Rahmen klassischer oder ernster Musik vorschlug. Dieser Entwurf bedeutete augenblicklich, dass man die Kategorien und den Turnus, in dem sie bei „Jugend musiziert“ angeboten wurden, genauer beleuchtete. Wollte man die Gleichbehandlung aller Instrumente vor dem Hintergrund stetig steigender Teilnehmerzahlen, so musste man alle Instrumente rhythmisiert anbieten. Auch die Aufgabenstellung, das gemeinsame Musizieren zu intensivieren, schlug umgehend auf die Angebotspalette bei „Jugend musiziert“ durch – es wurden weitere Ensemblekategorien ab zwei bis zu fünf oder teilweise sechs Interpreten eingerichtet. Zusätzlich wurde eine jährliche Kategorie „Besondere Kategorie“ für zwei bis zu 13 – insbesondere gemischte – Besetzungen skizziert. Sie sollte offen für genau die Besetzungen sein, die in keiner anderen Kategorie würden teilnehmen können. Die neue Kategorie hatte die jährlich wechselnden Schwerpunkte „Alte Musik“, mit his­torischen Instrumenten, „Klassische Besetzungen“ der klassischen und romantischen Epoche und „Zeitgenössische Musik“, für beliebige, auch experimentelle Ensemblebesetzungen. Der Stellenwert der Neuen Musik erhielt erneut Aufschwung, gleichzeitig reagierte „Jugend musiziert“ einmal mehr auf die Musizierpraxis in der Bundesrepublik, was Eckart Rohlfs, der das Konzept in Neuss präsentierte dann auch entsprechend formulierte: „Wenn der Wettbewerb „Jugend musiziert“ seine Funktion als Forum der Anregung und Bewährung behalten soll, wird von allen Seiten, von Musikschulen, Verbänden, Vereinen und deren Pädagogen und Ensembleleitern, aber auch von Jugendlichen selbst und deren Eltern erwartet, dass sich alle praktizierte Formen des instrumentalen Zusammenspiels im Wettbewerb widerspiegeln, daß alle musizierenden Kinder teilhaben und sich darin messen können.“

1999 wurde „Zeitgenössiche Musik“ erstmals über alle drei Wettbewerbs­ebenen hinweg angeboten, damals noch aus organisatorischen Gründen getrennt in „akustisch“ und elektronisch“. Für den Bundeswettbewerb qualifizierten sich 93 Musiker in 23 Wertungen im akustischen Bereich, 20 Interpreten präsentierten mutig in vier Wertungen Zeitgenössiche Musik unter Einsatz elektronischen Equipments.

2007 verstärkte sich bei den Verantwortlichen von „Jugend musiziert“ der Eindruck, dass Neue Musik den Schutzraum einer Verpflichtung nicht mehr brauchte. Aus der Forderung, in jedes Wettbewerbsprogramm zumindest ein zeitgenössisches Werk aufzunehmen, wurde eine Förderung: 2008 fand erstmals WESPE statt, das „Wochenende der Sonderpreise“, in dessen Rahmen schwerpunktmäßig Neue Musik gespielt werden sollte. Anreize gaben hochdotierte Geldpreise in zunächst sieben verschiedenen Kategorien. Auch der „Erlanger Preis“ schlüpfte unter das Dach von WESPE. Die Verantwortlichen gingen gar noch einen Schritt weiter, denn angeregt wurde bei WESPE nicht nur zur Interpretation zeitgenössischer Musik in ihren verschiedenen Facetten. Mit der Einrichtung der beiden Kategorien „Für Jugend musiziert komponiertes Werk“ und „eigenes Werk“ war der Plan ausgetüftelt, als Instrumentalist oder Sänger hautnah an der Entstehung des Werks beteiligt zu sein, das man dann präsentieren sollte. Im einen Fall in enger Zusammenarbeit mit einem Komponisten, den zu finden und zu interessieren Teil der Aufgabe war und ist; im anderen Fall, indem man selbst kompositorisch tätig wurde und sich damit zwangsläufig mit den aktuellen Musik-Strömungen und -Schulen auseinandersetzte.

„Jugend musiziert“ ohne Neue Musik? Unvorstellbar

Auch WESPE feierte im vergangenen Jahr zehnjähriges Jubiläum und die Teilnehmerzahlen in den beiden genannten Kategorien haben in dieser Zeit eine erfreuliche Entwicklung genommen. Mit ihrer „produktiven Neugierde und Kreativität“, so die Formulierung in der Ausschreibung von WESPE, beweisen die Teilnehmer eines jeden WESPE-Jahrgangs, dass „Jugend musiziert“ mit diesem Angebot einen Nerv getroffen hat.

Wenn vom 17. bis 24. Mai in der Hansestadt Lübeck der 55. Bundeswettbewerb „Jugend musiziert“ stattfindet, ist Neue Musik prominent vertreten. Zunächst natürlich in den Wettbewerbs­programmen der Teilnehmer. Denn selbst nachdem es die Ausschreibung nicht mehr zwingend verlangt, entscheiden sich die Musikerinnen und Musiker weiterhin in großer Zahl für die Präsentation Neuer Musik.

Überraschend und neu ist jedoch, dass diesmal ein ganzes Konzert ausschließlich Neuer Musik gewidmet ist. „Jugend musiziert“ freut sich, dass die Musikhochschule Lübeck, namentlich Prof. Dieter Mack, und der LandesMusikrat Schleswig-Holstein gemeinsam für Sonntag, 20. Mai, um 11 Uhr im Großen Saal der Musikhochschule Lübeck ein Konzert programmiert haben, das sicherlich eine Reihe kleiner Sensationen bereit hält.

Neue Musik aus Schleswig-Holstein

Im Programmbuch, das zum Bundeswettbewerb erscheinen wird, macht Dieter Mack nicht nur deutlich, wie dankbar junge Komponistinnen und Komponisten dafür sind, dass „Jugend musiziert“ das aktuelle Musikschaffen auf vielfältige Art und Weise fördert. Die Interaktion zwischen jugendlichen Spielern/-innen und Autoren/-innen beschreibt er als zukunftsweisendes Modell. In seinen Programmnotizen schlägt er auch den Bogen zu den Aktivitäten der Musikhochschule auf dem Gebiet zeitgenössischer Musik:
„Die Musikhochschule Lübeck hat eine lange Tradition der Pflege der zeitgenössischen Musik. Alle Kolleginnen und Kollegen sind sich darüber einig, dass das aktuelle Musikschaffen ein gleichwertiger Bestandteil einer künstlerischen oder pädagogischen Ausbildung sein soll. Die internationale Ausrichtung der MHL bietet dafür ideale Rahmenbedingungen. Andere Denkweisen, andere Musizierformen kennenzulernen ermöglicht es den Studierenden, auf vielfältige Art und Weise den eigenen Horizont wesentlich zu erweitern.“

Die Palette der Neuen Musik in der Matinee, die „Neue Musik in Schleswig-Holstein“ betitelt ist, ist breit und bunt. Anfang und Schuss der Matinee bildet das LandesJugendEnsemble Neue Musik. Es wird zwei Werke für größere Ensembles vorstellen: Pièce Concertante von Isang Yun (1917–1995) und Euphotic Circles von Valentin Marti (*1965). Dirigent ist Rüdiger Bohn.

Das LandesJugendEnsemble Schleswig-Holstein ist aus dem überregional bekannt gewordenen Projekt „Chiff­ren“ in Kiel entstanden. Aktuell wird es vom Landesmusikrat Schleswig-Holstein und in enger Zusammenarbeit mit Vertretern/-innen der Musikhochschule Lübeck betreut. Christine Braun, Vizepräsidentin des Landesmusikrates Schleswig-Holstein, betont: „Das LandesJugendEnsemble für Neue Musik ist ein Auswahlensemble aus den besten jugendlichen Instrumentalistinnen und Instrumentalisten aus Schleswig-Holstein. Mit diesem Ensemble fördert der Landesmusikrat in Schleswig-Holstein den musikalischen Spitzennachwuchs speziell im Bereich der zeitgenössischen Musik.“

In der Matinee werden Gesine Teichmann (Flöte, Altflöte), Inken Grabinski (Klarinette, Bassklarinette), Chiara Paulsen (Sopransaxophon), Matthias Hippe (Trompete), Nora-Lisann Gross (Klavier), Coralie Common (Perkussion), Josse Schubert (Perkussion), Mette Jensen (Violine), Julius von Forstner (Viola), Veronika Graßl (Violoncello) und Karina Tschirner (Kontrabass), konzertieren.

Dazwischen werden neue Werke von Kompositionsstudenten/-innen zu hören sein, die an der Lübecker Hochschule bereits erste Erfahrungen gesammelt haben: Samuel Walther (*1995): Duo IV für Charles Koechlin, Lars Opfermann (*1989): Zeichnung, Leyan Zhang (*1996): Quartett Nr. I, Matius Shan-Boone (*1989): Time and Space.

Konzertkarten: (12 Euro, ermäßigt 8 Euro, für Schüler und Studierende bis zum 27. Lebensjahr) für die Matinee gibt es ab Anfang April bei allen an „Lübeck Ticket“ (www.luebeckticket.de) angeschlossenen Vorverkaufsstellen und am Konzerttag an der Tageskasse.

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