[nmz-newsletter] 31.10.2019 – Vielerlei Haltung [Bushido, Alma Deutscher, Deutscher Musikrat …]


31.10.19 -
Der Deutsche Musikrat fordert auf, Haltung zu zeigen; Moritz Eggert sieht erzreaktionäre Haltungen bei mancherlei Musikvorstellung; die Bayerische Akademie der Schönen Künste übt sich im Haltungsturnen. Ein paar Gedanken zum Thema „Haltung“ und „Unterhaltung“ in unserem Newsletter vom 31.10.2019.
31.10.2019 - Von Martin Hufner, KIZ

[nmz-newsletter] 31.10.2019 –  Wer Musik macht, muss Farbe bekennen | Mythos Tonalitätsverbot | 43. Jazztage Leipzig | Sonic Genome | Nachrichten

Heute im Fokus unserer Berichterstattung. Vielerlei Haltung!

Es geht zum Beispiel in einem Verfahren vor dem Bundesverwaltungsgericht Leipzig darum, ob die Bundesprüfstelle Bushidos Album „Sonny Black“ 2015 zu Recht als jugendgefährdend eingestuft hatte. Das Bundesverwaltungsgericht stimmt zu, schreibt die dpa und zitiert den vorsitzenden Richter: „Die hemmungslose Gewaltdarstellung zieht sich durch die Titel“. Frauen und Homosexuelle würden durch „vulgäre Sprache“ herabgewürdigt. Ob eine Indizierung das Mittel der Wahl in Zeiten des Internets sei, darüber gehen die Meinungen allerdings auseinander. Verbote, weiß man, können Anreize darstellen. Aber, wenn man so denkt, verböten sich Verbote an sich. Absurd. 

Haltung und Unterhaltung

Moritz Eggert sieht sich vor einem doppelten Problem. Da haben wir eine junge Komponistin, die als Genie gehandelt wird: Alma Deutscher. Diese hat den Europäischen Kulturpreis erhalten. Deutscher wünsche sich den Beginn einer toleranteren Zeit, in der es nicht mehr verboten sei, harmonisch zu komponieren, so in etwas der Wortlaut ihrer Dankesrede. Eggert zeigt nun auf, dass dies Quatsch sei und macht einen Streifzug durch die Musikgeschichte. Allerdings sagt er auch, ist sei „in dem Alter normal, sich an Vorbildern zu orientieren, und würde sie sich von der Öffentlichkeit unbeeinflusst ganz neugierig und selbstständig weiterentwickeln, würde sie in 10 Jahren eine ganz andere Musik machen, das Talent dazu hat sie ganz sicher.“ Eggert schließt mit den Worten: 

Es ist an der Zeit, dass sich die Gegner neuer Musik von dem Mythos der „Zwangsatonalität“ verabschieden. Und dass sie vielleicht einfach zugeben, was wirklich hinter ihrer Argumentation gegen alles Neue und Andere steckt: eine handfest erzreaktionäre Haltung, die sich der Phantasie und der Freiheit in den Weg stellt. Und diese Haltung will jemanden wie Alma Deutscher gerne instrumentalisieren.

Haltungen können behindern, oder aber … 

… gefordert sein. Schließlich berichtet die nmz-Mitherausgeberin Barbara Haack in der aktuellen Ausgabe der nmz von der Mitgliederversammung des Deutschen Musikrats, der in Berlin vor anderthalb Wochen seinen 5. Berliner Appell mit dem Titel „Musik machen – Haltung zeigen“ verabschiedet hat. Sie schreibt: 

Projekte finden und fördern, Begegnung initiieren und begleiten und – ganz wichtig! – die Ergebnisse professionell der Öffentlichkeit präsentieren – ein wichtiger Punkt, der leider oft unter den Tisch fällt! Wie wäre es, wenn – nach „Kultur macht stark“ – ein weiteres Bundesprogramm aus der Taufe gehoben würde, etwa: „Musik stärkt Integration“? Nicht von ungefähr setzt sich der Musikrat in diesem Jahr das Motto: „Haltung zeigen“. Musikmachen allein genügt da nicht. Zumal Musik durchaus auch für fremdenfeindliche, Kultur einengende oder rassistische Haltungen missbraucht wird und missbraucht wurde. Aus der gesellschaftlichen und politischen Diskussion kann sich „die Musik“, kann sich der Musikrat nicht heraushalten. Im erkennbaren aktuellen Gefahrenfächer kultureller Missachtung und Demontage ist das eine zentrale Aufgabe: Haltung zeigen!

Damit schließt sie den Kreis eben auch zum Fall der musikalischen Erzeugnisse von Bushido. 

Haltungsturnen in den Schönen Künsten in Bayern

Haltung zeigen könnte auch die Bayerische Akademie der Schönen Künste im Umgang mit dem Fall Siegfried M. über den ausführlich und prägnant nmz-Chefredakteur Juan Martin Koch geschrieben hat. Alexander Strauch bleibt der Akademie und ihrem Verhalten in der Sache auf der Spur und weist neben der nötigen Kritik auch auf einen Ausblick hin. 

Hier jetzt unsere Meldungen.


Wer Musik macht, muss Farbe bekennen –
Zur Mitgliederversammlung des Deutschen Musikrats · Von Barbara Haack

„Musik machen – Haltung zeigen“ lautete das Motto der diesjährigen Mitgliederversammlung des Deutschen Musikrats e.V. Den Mitgliedern lag ein Entwurf zu einem „5. Berliner Appell“ vor, in dem es um das gesellschaftspolitische Engagement des Musikrats geht. Eines von drei „Schlaglichtern“ zum Thema hielt Barbara Haack, Mitherausgeberin der neuen musikzeitung. Wir drucken es hier leicht gekürzt ab.

Mythos Tonalitätsverbot.
Einige Gedanken zu Alma Deutschers Statement beim Europäischen Kulturpreis

Es ist an der Zeit, dass sich die Gegner neuer Musik von dem Mythos der „Zwangsatonalität“ verabschieden. Und dass sie vielleicht einfach zugeben, was wirklich hinter ihrer Argumentation gegen alles Neue und Andere steckt. Moritz Eggert analysiert.

Und der Zukunft zugewandt –
Die 43. Jazztage Leipzig präsentierten Utopien von gestern und heute

Die Analogie ist etwas gewagt, aber vielleicht ist es kein Zufall, dass die ostdeutsche Jazz-Hauptstadt Leipzig zum Ausgangspunkt der friedlichen Revolution von 1989 wurde. Ihr Flair war und ist weltoffener, individualistischer und kulturbewusster als in den meisten anderen Städten der neuen Bundesländer. Die vitale Musik-Szene trägt wesentlich dazu bei – mit dem Gewandhaus, der Hochschule für Musik und Theater „Felix Mendelssohn Bartholdy“, mit dem seit 1973 existierenden Jazzclub und seinen „Jazztagen“ als Aushängeschild. Oliver Hochkeppel war für die nmz vor Ort.

Tun und Unterlassen der BADSK-Musikdirektion in Sachen Siegfried Mauser – und trotz Kritik & Ärger ein Ausblick

Der Austritt Mausers, er nennt es „Verzicht“, aus der Bayerischen Akademie der Schönen Künste (BADSK) hat die Lage noch nicht beruhigt. Neues Feuer gießt das Erscheinen der Festschrift zu seinem 65. Geburtstag in die Affäre. Alexander Strauch bleibt am Ball.

Was sonst noch wichtig war oder wird …

Radio-Tipp

23:03 – 24:00 | Ö1
musikprotokoll 2019. Die facettenreiche Musik des Arash Azadi.

Arash Azadi ist ein junger iranischer Komponist und interdisziplinär arbeitender Künstler mit Wohnsitz in der armenischen Hauptstadt Jerewan. In seiner audiovisuellen Installation „Karvan Sara 4050“, die beim diesjährigen musikprotokoll Anfang Oktober in der Akademie Graz live zu erleben war, werden die historischen Karawansereien, Orte, an denen sich Händler aus Ost und West entlang der Seidenstraße trafen, zur Metapher für die Kaukasusregion als Knotenpunkt der Kulturen.

2019 wurde Azadi vom musikprotokoll für die Plattform Shape für spannende neue Projekte aus dem Bereich der Musik und audiovisuellen Kunst des Festivalnetzwerkes ICAS der International Cities of Advanced Sound nominiert. Gestaltung: Susanna Niedermayr.

Die Radiowoche bis zum 03.11.2019

Erinnerung

100. Todestag von Herman Charles Steinway · Klavierbauer, Unternehmer (* 3. Juni 1857 in New York City/New York – † 31. Oktober 1919 in New York City/New York)

85. Geburtstag von Walter Steffens · Komponist, Musiker, Hochschullehrer (* 31. Oktober 1934 in Aachen) [Aquarelle nach Paul Klee, op. 63: Kleine Landschaft in Regenstimmung (1991) - Benedikta Bonitz, Flöte - auf YouTube]


PS: Feiertag und Erfahrungskosmos

Hier in Brandenburg ist Feiertag. In Berlin steppt der Jazz. Das Jazzfest Berlin geht heute in die Spur mit einem sechsstündigen Event im Gropius Bau. Anthony Braxton präsentiert da sein „Sonic Genome“ und „verwandelt gemeinsam mit 60 Musiker*innen aus Australien, Deutschland, UK und USA den Gropius Bau in einen musikalischen Erfahrungskosmos“, wie die Veranstalter vermelden. Wir sind nach Möglichkeit vor Ort und versuchen zu berichten.


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