Die Nachkriegsavantgarde wird 100. In diesem und dem letzten Jahr häuften sich die Geburtstage der 100-Jährigen. Miles Davis, John Coltrane, Joki Freund, Ruth Zechlin, Pierre Boulez, Luciano Berio, David Tudor, Morton Feldman, Hans Werner Henze, Friedrich Cerha, Jani Christou, Gottfried Michael Koenig und György Kurtág, haben seit den 50er-Jahren des letzten Jahrhunderts den Lauf der zeitgenössischen Kunstmusik und des Jazz’ deutlich geprägt und damit nicht nur Theorie, sondern auch Hör-, Wahrnehmungs- und Kulturgeschichte geschrieben. Mit György Kurtág lebt sogar noch einer von ihnen.
Seite 1 der nmz 2026/03.
Ab-Kling-Becken
Die Avantgarde ist gleichwohl nicht alt geworden. Sie wird gehört. Bojan Budisavljević sieht bei den Besucher:innen von Konzerten (hier mit Musik von Feldman) „die Altersstruktur des hochgespannten wie begeisterten Publikums“ bei den „zumeist neugierigen Endzwanzigern und alt-gierigen Babyboomern“ (alle Zitate nmz.de). Und er bemerkt eine „auffällige Delle“ bei denen, die zwischen 30 und 50 Jahren alt sind. Dass es diese Delle gibt, dafür mehren sich die Indizien, wie die Studie „Soundtracks of Our Lives: How Age Influences Musical Preferences“, die von der Association for Computing Machinery veröffentlicht wurde, nahelegt.
Das Problem ist zugleich sozialpolitisch interessant: „Diese Delle füllen auch die heutigen Entscheider. Sie hören nicht oft hin“, schreibt Budisavljević. Das ist ein Problem insbesondere bei ästhetischen Phänomenen, bei denen Hinhören wirklich unvermeidlich dazugehört. György Kurtág, für den eine „Note ein ganzes Universum sein kann“ (Michael Ernst), ein Meister des mühselig geschürften Konzentrats, steht Morton Feldman als Meister des „Nimmergleichen“ (Bojan Budisavljević) gegenüber. So verschieden ihre musikalische Poetik auch ist, knüpfen und weben beide auch Teppich-Fäden zu Samuel Beckett in ihren Nicht-Opern „Neither“ und „Fin de Partie“.
Die Ästhetik der Gedellten – grob vereinfacht – besteht in pragmatischer und politischer Taubheit gegenüber einem gesellschaftlichen Bedarf an Kunst. So sollte man diese Generation, die sich gewissermaßen im ästhetischen Abklingbecken befindet, mit besonders viel Zuwendung unserer 100-Jährigen bedenken.
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