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Programm Kurtág 100.

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Eine Note ist ein ganzes Universum: György Kurtág schürft am Wesen der Musik

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Ungarn feierte den 100. Geburtstag des Komponisten mit einem einzigartigen Festival – und er sich selbst mit der Uraufführung seiner zweiten Oper.

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Als György Kurtág zur Welt kam, war Ludwig van Beethoven noch keine hundert Jahre tot und wurde sein Landsmann Béla Bartók von der Prüderie des Kölner Oberbürgermeisters Konrad Adenauer brüskiert, der dessen Ballett „Der wunderbare Mandarin“ nach der Uraufführung umgehend verbieten ließ. Insofern ist Kurtág näher an Beethoven, Bartók und einer ganzen Reihe anderer musikalischer Bezugspersonen der Musikgeschichte als am Heute. Dennoch ist der am 19. Februar 1926 im rumänischen Banat geborene Komponist ein Zeitgenosse der Moderne. Zu seinem 100. Geburtstag wurde er in aller Musikwelt gefeiert – und in Budapest mit einem ausführlichen Musikfest ganz persönlich gewürdigt.

Man sieht dem alten Herrn, auf Ungarisch liebevoll György-bácsi genannt, die Hundert nicht an, erkennt das Saeculum in seinem musikalischen Schaffen nicht wieder. Meisterlich hat der zunächst als Pianist und nach 1945 in Budapest als Komponist ausgebildete Kurtág zu einer eigenen Tonsprache gefunden. Mit herben Hürden in den Anfangsjahren: Nach der Niederschlagung des ungarischen Volksaufstandes durch die Sowjets musste er die einstigen Befreier als Besatzer erleben und floh nach Paris. Dort genoss er zwar Kompositionskurse bei Darius Milhaud und Olivier Messiaen, geriet jedoch in eine Schaffenskrise, die wohl auch dem Spagat zwischen der inzwischen diktatorisch geprägten Herkunft und dem nach ungebundener Freiheitlichkeit gierenden Westen geschuldet war und nur dank einer intensiven Therapie behoben werden konnte.

Musik aus der Stille

György Kurtág, der dann erst sein 1959 geschaffenes Streichquartett als Opus 1 gelten ließ und damit alles zuvor Geschaffene in Zweifel zog, darf mit gutem Recht als ebenso gründlicher wie selbstkritischer Arbeiter bezeichnet werden. Einer der bedeutendsten lebenden Komponisten ist er ohnehin, wie das viel Aufmerksamkeit auf sich ziehende Musikfest „Kurtág 100“ einmal mehr bewies. Die Freude über dieses wirklich gelungene und bestens besuchte Fest in Budapest war dem Altmeister anzusehen. Als er auf der Bühne im Müpa erschien, dem 2005 eröffneten Palast der Künste, wirkte er sichtlich beglückt. Einen sehr ähnlichen Eindruck machte er bereits 2018 in der Mailänder Scala, wo damals seine erste Oper „Fin de Partie“ nach dem gleichnamigen Stück von Samuel Beckett uraufgeführt wurde.

Dass er mit diesem Genre so lange fremdelte, mag auch mit seinen Lebensumständen zu tun haben, denn Kurtág war immer ein eher stiller Meister, dem es mehr um Inhalte als um äußere Geltung ging. Dieses Stille, Bedachte, schlägt sich fast in all seinen Kompositionen nieder, bis heute. Oft sind es kleine Tonverbindungen und Intervalle, eine auch von Pausen lebende Musik, beinahe wie aus dem Nichts, und dennoch mit virtuoser Entfaltung. Miniaturen, die wie unter einem Mikroskop zu ganzen Universen geraten, das macht den Kompositionsstil von György Kurtág aus. Da war ihm das große Format Oper offenbar immer zu fremd. 

Auch um die zweite Oper, die einen Tag nach Kurtágs 100. Geburtstag in Budapest uraufgeführt wurde, hat der Meister lange gerungen. Erstaunlicherweise waren in ihr viele Parallelen zu seiner Beckett-Adaption zu erleben. In „Fin de Partie“ (dt. „Endspiel“) geht es ja um ein altes Paar, das sich vom Leben verabschiedet. „Die Stechardin“ nun geht auf den Naturforscher und Schriftsteller Georg Christoph Lichtenberg zurück, der seine Schülerin und Haushaltshilfe Maria Dorothea Stechard heiraten wollte. Mit 15 Jahren soll sie bei dem alten und buckligen Mann eingezogen sein, mit 17 allerdings, noch vor der Hochzeit, ist sie verstorben. Seine einzige große Liebe soll sie gewesen sein, bekannte er später, was ihn freilich nicht hinderte, sechs Kinder in die Welt zu setzen. Aus heutiger Perspektive wirkt dieses Verhältnis höchst fragwürdig.

Der Autor Christoph Hein aber, der auf ausdrücklichen Wunsch Kurtágs das Libretto zur „Stechardin“ verfasste, umging geschickt jegliche Frage posthumer Anklage, indem er das Monodram wie aus dem Jenseits erzählen ließ. Die tote Stechard blickt auf ihr Leben zurück und ersehnt eine Wiederbegegnung mit dem Geliebten.

Kurtág hat diese nur etwa halbstündige Kurzoper Heins Frau Maria Husmann quasi auf den Leib geschrieben, sie singt die Solopartie und agiert in der halbszenischen Einrichtung von Csaba Káel. Weiß geschminkt mit weißen Haaren und einem langen weißen Kleid wirkt sie geradezu feenhaft und bezwingend präsent. Ihr allen Höhenlagen gewachsener Sopran lässt Sehnsucht und Rückblick anklingen, oft gibt es tonale Entsprechungen zwischen Gesang und dem von András Keller souverän geleiteten Orchester, das gegen Schluss dann auch Zitate der „Götterdämmerung“ anstimmen darf.

„Die Stechardin“ weckt, wie seinerseits schon „Fin de Partie“, natürlich Gedanken an György Kurtágs Ehefrau Márta, die nach 72 Jahren gemeinsamer Ehe 2019 verstorben ist. Auch Christoph Hein hat seine erste Frau Christine schon 2002 verloren. Ob gewollt oder nicht, die Lichtenberg-Geschichte mit der Stechardin wirkt denn doch eine Spur metaphorisch, zumal über die Bühne ein kreisrundes Medaillon des jungen Mädchens projiziert wird. Zum Finale ist da ein Foto von Márta und György Kurtág zu sehen; ein womöglich etwas despektierlich wirkender Einfall?

Ohne Frage ist diese vielbeachtete und von einem internationalen Publikum gefeierte Uraufführung ein großer Höhepunkt dieser Feierlichkeiten zum 100. Geburtstag des Komponisten György Kurtág gewesen. Doch schon in den Tagen wurde Großes geboten: eine ganze Reihe von Konzerten, einen großartigen Dokumentarfilm über Kurtág (zwei spannende Stunden, zusammengeschnitten aus 300 Stunden gedrehtem Material!), da gab es ein dramaturgisch wunderbar konzipiertes Programm mit Musik des Jubilars sowie mit Anklängen und Zitaten wichtiger Bezugsgrößen von Bach bis Beethoven und Bartók, vorgetragen etwa von Vikingur Ólafsson und dessen Frau Halla Oddny Magnúsdóttir sowie vom fantastischen Pianisten Pierre-Laurent Aimard und dem Orchester Concerto Budapest. Der Dirigent Markus Stenz hat sich da sehr ins Zeug gelegt und Kurtágs Schaffen einen großen Dienst erwiesen; nicht zu vergessen der künstlerische Kopf dieses Fests, der jeden Abend eloquent und souverän moderierende Musikwissenschaftler Gergely Fazekas.

Ein solches Jubiläum hätte freilich neben Publikum und den Medien auch von der ungarischen Politik entsprechend gewürdigt werden können. Die Führungsriege der Regierung glänzte mit Abwesenheit, Budapests Oberbürgermeister Gergely Karácsony jedoch, bekannt als Gegner der Fidesz-Partei, ließ es sich nicht nehmen, dem 100. Geburtstag von György Kurtág beizuwohnen.

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