Unübersehbar #26 – nmz-Streaming-Empfehlungen vom 5.11. bis zum 12.11.2020


(nmz) -
Die Mails mit Veranstaltungsabsagen häufen sich im Maileingang der Redaktion wie das Laub in den Alleen und Gärten. Da hilft nur eins gegen den herbstlichen Trübsinn: raus in den Blätterwald oder rein ins virtuelle Konzert- und Opernvergnügen. Diese Woche im Angebot: Akademisch-Philharmonisches aus Hamburg, Zeitgenössisches aus Düsseldorf, Jazziges aus Berlin, Großstädtisches aus Berlin, Vogelwildes und Chorisches aus München. Allemal besser als Laubgebläse. [jmk]


5. bis 7. November


Philharmonisches Staatsorchester Hamburg – Akademiekonzerte
Donnerstag, 5.11., Freitag, 6.11., und Samstag, 7.11.20, jeweils um 20.00 Uhr
Live-Videostreams auf der Orchesterwebsite oder via YouTube

Die Konzerte im Rahmen der Philharmonischen Akademie des Philharmonisches Staatsorchesters Hamburg finden Corona-bedingt ohne Publikum im Saal statt und werden als digitales Angebot in der Hamburgischen Staatsoper produziert. Am 5., 6. und 7. November 2020 jeweils um 20 Uhr stellt das Philharmonische Staatsorchester die Konzertprogramme als kostenlose Streaming-Angebot ins Internet. Den Auftakt macht die Uraufführung des Klarinettenkonzerts „Adrift“ von Matthew Ricketts mit Philharmoniker-Klarinettist Rupert Wachter als Solist unter der Leitung von Kent Nagano. Die Termine und Programme im einzelnen:
Do, 5. November 2020, 20.00 Uhr: Matthew Ricketts: Klarinettenkonzert (Uraufführung); Johannes Brahms: Serenade Nr. 2 A-Dur op. 16; Kent Nagano, Dirigent; Rupert Wachter, Klarinette; Philharmonisches Staatsorchester Hamburg
Fr, 6. November 2020, 20.00 Uhr: Benjamin Britten: Sechs Metamorphosen nach Ovid op. 49; Alessandro Marcello: Konzert für Oboe und Orchester in d-Moll; Pierre Boulez: Messagesquisse für Violoncello solo und 6 Violoncelli; Joseph Haydn: Symphonie Nr. 92 G-Dur „Oxford“ (Bearbeitung für Bläserensemble); Thomas Rohde, Oboe; Clara Grünwald, Violoncello; Mitglieder des Philharmonischen Staatsorchesters Hamburg
Sa, 7. November 2020, 20.00 Uhr: Wolfgang Amadeus Mozart: Duo für Violine und Viola G-Dur KV 423; Johannes Brahms: Streichquintett G-Dur op. 111; Peter I. Tschaikowsky: Streichsextett d-Moll op. 70 „Souvenir de Florence” Cho-Liang Lin, Violine; Mitglieder des Philharmonischen Staatsorchesters Hamburg
[Juan Martin Koch]


7. November


POD. play on demand – Neue Musik. Neue Medien. Düsseldorf
Samstag, 7.11.20, ab 14:00 Uhr
Live-Videostream unter https://www.playondemand.de

Zeitgenössische Musikkunst ist in den zahlreichen Spielformen der Gegenwart bekanntlich längst kein Fremdkörper mehr auf den diversen Plattformen von social media. Ganz im Gegenteil hat sie ihre Distributionswege und Diskurspotenziale dort fest etabliert. Diesem Phänomen widmet sich am kommenden Samstag (unter kritischer Begutachtung des Attributes „neu“) die Veranstaltung POD. play on demand – Neue Musik. Neue Medien, „um nach Kopplungs- und Nutzungsmöglichkeiten, Affinitäten und Widersprüchen, Gefahren und Chancen zu fragen“.
Eigentlich sollte das „Podcast-Event“ live und mit Publikum in der Zentralbibliothek des Düsseldorfer NRW-Forums stattfinden, angesichts der aktuellen Einschränkungen haben sich die Verantwortlichen entschlossen, die Veranstaltung in modifizierter Form live ins Netz zu stellen. Womit sie nun selbst Teil der diskussionswürdigen Intensität medialer Kunstvermittlung geworden ist.
Einführende Vorträge zum Thema gibt es von Musikwissenschaftlerin Anna Schürmer und Martin Tchiba. Per Zoom-Konferenz diskutieren Irene Kurka (Sopranistin, Podcasterin), Prof. Moritz Eggert (Komponist, Blogger), Prof. Christian Jendreiko (Künstler), Dr. Anna Schürmer (Musikwissenschaftlerin, -journalistin) und Martin Tchiba (Pianist, Komponist, Autor) unter der Moderation von Katja Heldt. Eine Runde, die auch deshalb Perspektivenreichtum verspricht, weil die Beteiligten selber meist auf mehreren kulturellen Arbeitsfeldern unterwegs sind. Inwieweit die pandemiebedingt forcierte Abkoppelung von Musik-/Kunsterfahrung vom sozialen Erleben hin zu reiner Bildschirmerfahrung Auswirkungen nicht nur auf die Rezeption, sondern auch längerfristig auf die Gestalt und Gestaltung von Musik haben wird, dürfte dabei spannender Teil der medialen Diskussion sein. Ganz persönlich gespannt ist der Autor dieser Zeilen auf die Erörterung der Frage: „Ist neue Musik (a)sozial?“
Das anschließende (nun vorproduzierte) Musikprogramm verspricht in der Koppelung von Audio und Video mediale Hybris in einigen Uraufführungen: Irene Kurka (Sopran), Martin Tchiba (Klavier) und Christian Banasik (Elektronik) haben Werke von Christian Banasik (UA), Christian Jendreiko (UA), Martin Tchiba (UA) in eigens modifizierten „online-Versionen“ realisiert. Auch der ursprünglich geplante „Sound Walk“ zwischen Zentralbibliothek und NRW-Forum wurde digitalisiert: auf einem virtuellen Stadtplan sind diverse Soundstationen der beteiligten Musiker*innen anklickbar, die zusammen mit Videos von Antje Kahnt bestimmte Orte im urbanen Raum akustisch-visuell „portraitieren“.
[Dirk Wieschollek]


Bis 8. November


Jazzfest Berlin 2020
5.11. bis 8.11.2020: Liveübertragungen (Website)

Dem Jazzfest Berlin hat Corona übel mitgespielt. Alle Planungen sind schneller Makulatur, als man denken kann. Zunächst sollte es ein reduziertes Programm geben mit reduzierter Besucheranzahl. Jetzt sind gar keine Besucher mehr zugelassen. Zack! Und jetzt kommt das Jazzfest komplett im Stream. An vier Tagen von Donnerstag bis Sonntag werden sage und schreibe mehr als 30 Veranstaltungen kostenlos nach außen gestreamt. Dazu kommen einige Live-Übertragungen im Radio (siehe Jazz im Radio).
In Kooperation mit ARTE Concert bringt das Jazzfest Berlin die Livekonzerte und vorproduzierten Filme des diesjährigen Festivals zu Ihnen – wo auch immer Sie sich gerade befinden. Außerdem abrufbar ist der Stream auf Websites der ARD Hörfunkanstalten und der Partner in den USA – des Roulette in New York, des US-weiten Jazzsenders WBGO und des Experimental Sound Studio in Chicago.
Außerdem expandiert das Jazzfest Berlin in Kooperation mit der ARD und Deutschlandfunk Kultur in sieben deutsche Bundesländer und präsentiert erstmals Studio-Konzerte regionaler Künstler*innen in acht Funkhäusern der Landesrundfunkanstalten – sowie zum Abschluss des Festivals in Kooperation mit dem MDR ein Konzert aus dem silent green – mehr Informationen dazu.
Mit anderen Worten: Sie kommen nicht drum herum, sich diese große renommierte Jazzfest Berlin irgendwie einmal anzusehen und anzuhören. Internationales Publikum garantiert.
[Martin Hufner]


11. und 13. November


Maxim Gorki Theater Berlin: Berlin Oranienplatz – 1. Teil der Stadt-Trilogie
Stück von Hakan Savaş Mican, mit Live-Musik von Peer Neumann, Lizzy Scharnofske, Natalie Plöger und Lukas Fröhlich
Mittwoch, 11.11.20, und Freitag, 13.11.20. jeweils ab 19.30 Uhr Stream & Video on demand für 24 Stunden auf der Theater-Hompepage oder bei dringeblieben.de

Die Medien schwankten zwischen „warmherziger Großstadtballade“ (SZ) und „einer Spur zu wohligem Wohlfühttheater“ (rbb). Dabei ist der „1. Teil der Stadt-Trilogie“ des Theater- und Filmemachers Hakan Savaş Mican ein Stück der Stunde, welches inhaltlich und metaphorisch die Ganzkörperkondome, mit denen nicht nur Corona, sondern auch soziale Zwangsläufigkeiten die Leiber und Psychen umhüllen, thematisiert. Can (Taner Şahintürk) scheitert ökonomisch und deshalb auch menschlich. Deshalb will er nach Istanbul, den Ort seiner familiären Wurzeln, dessen Sprache er nicht beherrscht. Die Inszenierung verbindet Video, Live-Musik und dramatischen Großstadtblues auf fast leerer Bühne. Unter der musikalischen Leitung von Jörg Gollasch begleitet ein Jazz-Quartett den Protagonisten durch Räume, in denen Coolness längst von einer Attitüde zum Aggregat-Zustand geworden ist.
Für den zahlungspflichtigen Stream gibt es die Preiskategorien 5,00 Euro (regulär), 3,00 Euro (ermäßigt) und 10,00 Euro (Support)
[Roland H. Dippel]


Bis 5. Dezember


Bayerische Staatsoper München: Walter Braunfels – „Die Vögel“
Videostream on demand unter auf staatsoper.tv

Die Premiere von Walter Braunfels’ Oper „Die Vögel“ fand am 31. Oktober 2020, einhundert Jahre nach der Uraufführung, im Münchner Nationaltheater statt. Vor Ort durften dabei von den 2.100 Plätzen nur 50 im ersten Rang von Zuschauern besetzt werden. Folgevorstellungen gibt es nicht mehr live, sondern ab 5. November als Video-on-Demand unter staatsoper.tv. Ein 24 Stunden-Ticket für 9,90 Euro ermöglicht einen virtuellen Besuch der Vorstellung. Der Obolus kann per Kreditkarte oder Paypal bezahlt werden. Außerdem bedarf es vorab einer Anmeldung mit E-Mail-Adresse und einem Passwort. Bei den in München üblichen Eintrittspreisen ist das moderat. Außerdem dürfte die Kommerzialisierung von digitalen Angeboten zu den längerfristigen Tendenzen gehören, die wohl auch in Postcoronazeiten bleiben werden.  
Für Werk und Haus war der langfristige angesetzte Termin Planungsglück im Lockdown-Unglück. Im Unterschied zu Frank Castorfs Hamburger Notfall-Schnellschuss „molto agitato“ (an Stelle des geplanten „Boris Godunow“) hat München einen „richtigen“, wenn auch gemäßigten Castorf „im Kasten“. Mit einer typischen Drehbühnen-Phantasiewelt voller Assoziationen von Alexandar Denic und einer revuetauglichen Kostümorgie von Adriana Braga Peretzki für die Vogelschar. Für regelmäßige Castorf-Zuschauer ist das nichts Neues, aber in jedem Fall eine Show für die Augen. Außerdem wird das mit Ingo Metzmacher am Pult, wie in München üblich, auf musikalisch und vokal vorzüglichem Niveau präsentiert. In einem kurzen frei zugänglichen Preview gibt es ergänzende Statements von Charles Workman (Hoffegut), Caroline Wettergreen (Nachtigall) und Alexandar Denic zu diesem opulenten und zu Unrecht so selten zu erlebenden Stück Operngeschichte.
Um sich auf die Stimmung im (fast) leeren Haus einzustimmen, sei noch die 54. Folge der Dramaturgie-Serie „Die unmögliche Enzyklopädie“ empfohlen (https://www.youtube.com/watch?v=W-Z…). Mit sozusagen melancholischer Ironie wird hier eine reichliche halbe Stunde lang eine einzige einsame Zuschauerin auf ihrem Weg durch das Nationaltheaters verfolgt. So wie früher gewohnt, aber doch völlig anders…
[Joachim Lange]


Bis auf weiteres verfügbar


BR-Chor: Howard Arman – „Der Bildhauer“
Web-Uraufführung #2: Howard Arman – „Der Bildhauer“. Es singt der Chor des Bayerischen Rundfunks unter der Leitung von Howard Arman. Tenor-Version und Interview mit Howard Arman auf der Webseite des BR-Chores, Bass-Version in der BR-Mediathek.

Mit der Covid-19-Pandemie machen wir eine Erfahrung, die bereits viele Generationen der Menschheit machen mussten. Die Ohnmacht, die Überforderung, die Hilflosigkeit, der Glaube an Verschwörungen und der schmerzhafte Verlust von Menschen eint alle. Die großen Pestepidemien sind eine gute Weile her und doch sind sie fest im kulturellen Gedächtnis verankert. Der Begriff ‚Quarantäne‘ geht auf die vierzigtägige Isolierung während der Pest in Italien zurück. Die Maske des Pestdoktors steht symbolisch für den Schwarzen Tod, obgleich sie nur regional eingesetzt wurde und nicht weit verbreitet war. Heute ist es die Gesichtsmaske aus Stoff, die sinnbildlich für Covid-19 wurde. Der Dirigent, Komponist und künstlerische Leiter des Chors des Bayrischen Rundfunks Howard Arman (*1954) erhielt von seinem Sender den Auftrag ein Stück aus der Pandemie-Situation über ebendiese zu komponieren. Armans Melodram für drei Frauenstimmen, Klavier und Erzähler handelt von dem Leben eines Pestdoktors und seiner Begegnung mit einem Bildhauer. „Niemand wundert sich, wenn ein Bildhauer hustet, das ist wegen des Staubs. Niemand wundert sich, wenn er stirbt. Den tödlichen Staub sieht man nicht. Aber das Gift muss man rechtzeitig riechen, wenn man Gott zuvorkommen will“, heißt es dort und spätestens dann weiß nicht mehr, ob der Erzähler von der Pest oder doch von Corona spricht.
Das Werk von Howard Arman gibt es in zwei Variationen, mit Tenor oder Bass als Erzähler.
[Juana Zimmermann]

Mit freundlicher Unterstützung der

ernst von siemens musikstiftung

 

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