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Alle Artikel kategorisiert unter »Gerhard R. Koch«

Sympathisant und Protagonist des Neuen

29.08.17 (Gerhard R. Koch) -
Ein giftiges Bonmot lautete: Kunst-(also auch Musik-)Wissenschaft, hieße so, weil sie weder mit Kunst noch Wissenschaft zu tun habe. Ähnliches ließe sich von manchen Kulturpolitikern sagen, denen es sowohl an ästhetischer Empathie gebricht, als auch an Macht, sprich Geld. Ähnlich löst das Wort „Kulturmanager“ widerstrebende Gefühle aus, lässt es doch an Technokraten denken, denen es mehr um das Wie des administrativen Procedere geht als um das Was der Kunst. Institution, Organisation, Finanzierung, Legitimierung von Nicht-Profitablem oder aber Nicht-„sozial Relevantem“ sind deren Hauptprobleme. Sie zu ignorieren, ist nicht ratsam, will man innerhalb des bestehenden „juste milieu-Systems bestehen.

Am Lichte hängt doch alles

30.06.17 (Gerhard R. Koch) -
Dass wir im „optischen Zeitalter“ leben, ist zunächst eine Banalität. Natürlich waren auch die gotischen Kathedralen Licht-Kunstwerke, und die Barock-Kunst stand im Zeichen der Illusion. Aber erst die Elektrizität hat die allumfassende Beleuchtung ermöglicht – in Alltag, Reklame und Film. Entsprechend schrumpfen schon die Räume, in denen es nachts völlig dunkel wird. Ja mehr noch: Wirklichkeitserfahrung verlagert sich für nicht wenige auf‘s Virtuelle des Displays. Wohin also mit ästhetischen Visionen?

Rückzug ins neunzehnte Jahrhundert 

09.06.17 (Gerhard R. Koch) -
Vor dem Hintergrund einer durch innenministeriale Wortmeldungen einmal mehr angefachten Diskussion um eine so genannte „deutsche Leitkultur“ lohnt es sich, auch einen genaueren Blick auf Tendenzen der Geisteswissenschaften zu richten. Deren Prominenz, so die These unseres Autors Gerhard R. Koch hängt einem immer engeren National-Kultur-Ideal nach.

Eine fatal weitreichende Affäre

07.03.17 (Gerhard R. Koch) -
Kaum ein Name hat sich so paradox ausgewirkt, wie der, den Richard Wagner für seine Bayreuther Villa erkor: „Hier wo mein Wähnen Frieden fand – Wahnfried – sei dieses Haus von mir benannt.“ Es mag sein, dass der ruhelose verfolgte Revolutionär, unbeirrbare Komponist und Schriftsteller hier tatsächlich endlich seinen „sicheren Port“ erreicht zu haben glaubte. Doch ausgerechnet dieser als Ruhepunkt beschworene Ort mutierte ins Gegenteil, wurde zum Sammelbecken von Wahnvorstellungen skurril-schrecklichster Art: Rasse, Volk, überlegene weiße, sprich germanische Kultur, Lebensborn, das „Gesamtkunstwerk“ als Religionsersatz addierten sich zum braunen Gebräu für alle möglichen Chauvinisten und Antisemiten, die da meinten, wer von diesem koste, der würde zum unbesiegbaren Helden – wie Obelix nach dem übermäßigen Genuss des Zaubertranks von Miraculix. Nur, dass dies auf das kleine Gallier-Dorf beschränkt blieb. Während von Bayreuth aus der Größenwahn befeuert wurde, der in NS-Staat und Zweiten Weltkrieg führte.

Körper-Krassheit und Gedächtnis-Sondermüll

28.10.16 (Gerhard R. Koch) -
Am mythischen Anfang der Musik stehen polare Figuren für Verklärung und Grauen: der verklärend-entrückte Sänger Orpheus und der Satyr Marsyas – der sich erdreistete, Apoll zum Wettgesang aufzufordern, und schmählich unterliegen musste. Doch der Strahlegott war kein großmütiger Sieger, sondern ließ dem Frevler zur Strafe bei lebendigem Leib das Fell über die Ohren ziehen. Die „hässliche“ Stimme des Halbmenschen und der Schmerzensschrei des Geschundenen sind gleichsam die Kehrseite, der Abgrund aller „orphischen“ Erhabenheit: Elementar-Symp­tome einer in mehrfacher Hinsicht wahrhaft kruden Ästhetik. Doch der Apoll-Marsyas-Mythos ist auch Urbild musikalischer Wettbewerbe: Wer sich dabei bewirbt, riskiert Versagen, Niederlage, Ausscheiden. Zwar geht es nicht gleich um Kopf und Kragen, aber der Misserfolg kann schon schmerzen, auf jeden Fall die Karriere vermasseln.

Der Solitär und seine Gegenwelten

02.02.16 (Gerhard R. Koch) -
„cresc ...“ ist der Titel eines Festivals Neuer Musik, das 2011 in Frankfurt lanciert worden ist, und der durchaus Heterogenes assoziieren lässt. Denn schon der Begriff des crescendo signalisiert Mehrdeutiges: nicht nur das Anwachsen der Dynamik, sondern auch generell die Steigerung über das Gewohnte hinaus – ganz gewiss nicht im Sinne des „Deutschland!“-Rufers in der Wüstenei der nationalvergessenen Moderne, Botho Strauß, und seines „anschwellenden Bockgesangs“. Crescendieren kann aber auch in und über die Extreme, also auch Grenzen, führen, sie sprengen. Doch der Anfang des italienischen Terminus läßt sich in angelsächsischer Phonetik auch als „crash“ interpretieren, als Zusammenprall, Einstürzen, abrupte Konfrontation von Gegensätzen. Zudem spricht man von „Crash“-Kursen, etwa zum komprimierten Erlernen von Sprachen.

Von der Furie des Verschwindens

02.11.15 (Gerhard R. Koch) -
„Abschied“, das jüngste Buch von Peter Gülke, thematisiert zweierlei: den Verlust eines geliebten Menschen und den „Abgesang“, das formale wie emotionale Schließen von Musik. Und wenn schon Schubert bekundete, er kenne keine „fröhliche“ Musik, so kann man nicht eben weniger bedeutender „ernster“ Musik einen mehr oder weniger ausgeprägten Requiem-Charakter zuschreiben: Sie gedenkt eines Dahingegangenen (nicht nur Individuums), sondern erhebt auch die Hoffnung, dass nicht alles ein für allemal im Orkus verschwunden sei. Nun sind die Donaueschinger Musiktage nicht gerade das Jahres-Meeting der metaphysischen Trostes bedürftigen abendländelnden Wertekonservativen: Moderne und Avantgarde gelten schließlich nicht unbedingt als Refugien religiöser Sinnstiftung. Trotzdem ergab sich in mehrfacher Weise eine Art Memento-Stimmung.

Rätselcharakter, Gag und Galgenhumor

31.10.14 (Gerhard R. Koch) -
„Drohende Gefahr, Angst, Katastrophe“. Die Untertitel zu Schönbergs „Begleitmusik zu einer Lichtspielszene“ (1930) haben darüber spekulieren lassen, an welchen Stummfilm, ja ob er überhaupt an eine konkrete Vorlage gedacht habe – oder nicht vielmehr an eine ahnungsvolle Horror-Vision kommenden Unheils, analog zu Siegfried Kracauers Buch „Von Caligari zu Hitler“. Drei Filmversionen haben, höchst unterschiedlich, die tönende Beunruhigung beklemmend bebildert, doch die vierte verlegte sich auf die Burleske: Ausgerechnet der „Seher“ Klaus Michael Grüber hat in Brüssel Schönbergs Werk mit einem Kino-Klassiker kombiniert.

Wuchernde Phantastik

31.03.14 (Gerhard R. Koch) -
Organisten stellt man sich gerne als geflissentliche Musikbereiter der hehren Amtskirche vor: aufopferungsvoll dem Ritus dienend, aller modernen, gar modischen Exzentrik abhold, konservativ in mehrfacher Hinsicht, am bes- ten auch noch fromm. Selbst Olivier Messiaen mag dem Bild des gläubigen Katholiken entsprochen haben, der demütig unbeirrbar sein Organistenamt verrichtet. Der Avantgardist, erst recht der Komponist der erotischen Trilogie („Turangalila“, „Harawi“, „Cinq réchants“) wird darüber vergessen. Nun gibt es gar nicht einmal so wenige Kirchenmusiker, die es mehr mit der Moderne als mit der hierarchischen Tradition halten, die die Orgel lieben, nicht aber im Religiösen versinken, und die der Institution misstrauen – und entsprechend mit ihrer Gemeinde-Obrigkeit im Clinch liegen.

Déja vu-Vernetzungen

03.02.14 (Gerhard R. Koch) -
In manchem jüngstem Film wird nicht wenig geredet, sinniert, philosophiert, mit Meta-Ebenen jongliert. Manches wird erst nachträglich evident, anderes wiederum schockiert als jähe „Déja vu“-Erfahrung. So gibt es in Ridley Scotts „Counselor“ eine Szene, in der der Anwalt, in die Fänge der texanischen Drogen-Mafia geraten, nicht mehr vorwärts wie rückwärts weiß, ratlos einen ihm halbwegs fast als Vaterfigur vertrauten Kartell-Insider konsultiert. Der gibt dem tödlich Bedrohten, in bester Orakel-Tradition, vieldeutig alles und nichts sagende Weisheiten mit auf den Weg: Diesen nämlich gebe es eigentlich gar nicht; sondern einzig indem er ihn gehe, entstünde dieser, ja erschaffe er ihn sich selbst.
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