Als nach zähen 14 Jahren Bautätigkeit die Sanierung der Kölner Oper für abgeschlossen erklärt wird und die ersten Gäste zur Eröffnungspremiere eintreffen, rollt ihnen Hein Mulders den roten Teppich aus. Der Intendant begrüßt am sonnigen Nachmittag des 27. September höchstpersönlich jede Besucherin und jeden Besucher mit Handschlag. Überall herrscht in diesem ereignisreichen Kultur-September Aufbruchsstimmung, sei es in Köln, Berlin oder Bochum. So viel Anfang war selten.
WDR-Antrittskonzert: Marie Jacquot. Foto: © Taimas Ahangari.
Bechers Bilanz – September 2026: Eröffnen, anfangen, ermutigen!
Inhalt
- #MeToo im Filmgeschäft – Wiedereröffnung mit „Der Rosenkavalier“
- Kein Wagner ohne Risiko – Antrittskonzert Marie Jacquot
- Ein neuer Freund am Bochumer Lagerfeuer – Antrittskonzert Aurel Dawidiuk
- So viel Reichtum, so viel Armut – „Mittwoch“ aus LICHT
- In den kalten Bauten des Tempelhofs – „Lear“ von Aribert Reimann
- Wohnzimmer-Geborgenheit unter der Domplatte – Jubiläumskonzert 40 Jahre Kölner Philharmonie
- Konzertabende für den Jubilar – Henze100
- „Es zerreißt uns schier“ – Anne-Sophie Mutter mit Penderecki
- Klaviermusik vom großen Orgelkomponisten – IDO-Festival mit „Visions de l’Amen“
#MeToo im Filmgeschäft
Köln: Wiedereröffnung mit „Der Rosenkavalier“
Die Kölner Oper thront am Offenbachplatz, befreit von Baucontainern und Absperrungen, wenn auch begrenzt von einer innerstädtischen Autopiste. Dass die Eröffnungspremiere weder in die Zukunft weist noch in die Geschichte der Stadt, sondern sich mit Richard Strauss‘ „Rosenkavalier“ auf ein Hauptwerk des globalen Repertoires verlässt, mag als Verbeugung vor dem Publikum durchgehen. Gleichzeitig stiftet das kluge Sinnieren Hofmannsthals über Zeit und Verwandlung zum Nachdenken über die Historie der 1957 eröffneten Oper des Architekten Wilhelm Riphahn an. Es hat sich gelohnt, die 131 Farbschattierungen der Innenausstattung wieder ins Leben zu holen. (Ich hoffe, dass Carsten Brosda, Kultursenator in Hamburg und ab 1:23:04 fulminanter Redner bei der Kölner Eröffnungsgala am 24. September, noch einmal wohlwollend über „sein“ Haus in der Dammtorstraße nachzudenken bereit ist.)
Kein Wagner ohne Risiko
Köln: Antrittskonzert Marie Jacquot
Auch das WDR Sinfonieorchester feiert den Neuanfang. Das dramaturgisch kluge und energetisch gewagte Antrittskonzert der neuen Chefdirigentin Marie Jacquot geht am 18. September das Risiko ein, gleich zu Beginn den fragilen Silberklang aus Richard Wagners „Lohengrin“-Vorspiel auszubreiten. Jacquot und die nervenstarken Violinen lassen sich von der vorzüglichen Akustik der Philharmonie tragen. Damit ist der Ton des Abends gesetzt. Auch die simple Sinfonische Dichtung „Andromède“ von Augusta Holmès nimmt Anleihen an Wagner und der Russe Alexander Skrjabin sowieso. Jacquot dirigiert sein „Poème de l’extase“, indem sie die vier Steigerungen der Partitur vom schüchternen Beginn bis zum orgiastischen Höhepunkt sorgfältig abstuft und jede Möglichkeit zum Tänzerischen in einem Orchesterklang nutzt, der andernfalls schnell zu versuppen drohte. Darüber recken sich die scharfen Quartsprünge und chromatischen Schmeicheleien des Solotrompeters Peter Mönkediek. Eine lebensfrohe Interpretation, die das Publikum aus den Sitzen reißt.
Die Liebe der Zuhörerinnen und Zuhörer gilt auch dem vom Gesang inspirierten Spiel Yulianna Avdeevas. Die russische Pianistin startete ihre Laufbahn 2010 beim Warschauer Chopin-Wettbewerb, und auch für Marie Jacquot tastet sie sich durch Frédéric Chopins zweites Klavierkonzert ohne ausgestellte Virtuosität. Ein wehmütiger Walzer, wie er auch Skrjabin berührte, und die vielen verhauchenden Girlanden vor den Tönen markieren ihre Klasse.
Ein neuer Freund am Bochumer Lagerfeuer
Bochum: Antrittskonzert Aurel Dawidiuk
Zwei Wochen vor seinem 26. Geburtstag eilt ein schlaksiger Hannoveraner auf die Bühne des Anneliese Brost Musikforums Ruhr (einem der schönsten Konzerthäuser Deutschlands) und dirigiert sein erstes Konzert als Generalmusikdirektor der Bochumer Symphoniker. Man umarmt sich an diesem 5. September, musikalisch allemal. Oberbürgermeister Jörg Lukat schwärmt vom Gänsehautfaktor, den diese neue Zusammenarbeit auslöse. Das ganze Publikum wird anschließend eingeladen, mittendrin der junge Dirigent: Aurel Dawidiuk. Es sei „Liebe auf den ersten Ton“ gewesen, als man vor einem Dreivierteljahr erstmals zusammenarbeitete, nun ermutigt er am Vorabend des Triumphes der Rechtsextremisten in Sachsen-Anhalt zum Miteinander, das Musik stiftet.
Tatsächlich musiziert Dawidiuk mit gewinnendem Lächeln und fern überlebter Maestro-Posen mit den Musikerinnen und Musikern des Orchesters. Er setzt sich an den Flügel, frickelt Joseph Haydns D-Dur-Konzert in die Tasten und sorgt dafür, dass das Orchester die Lichtwechsel im ersten und zweiten Satz mit Samthandschuhen modelliert. Johannes Brahms‘ Erste Symphonie gestaltet er nach der Pause als Lagerfeuergesang des Bürgertums. Er verschattet das Dramatische und zeigt nicht lehrerhaft auf Details. Dafür kann ihm das Pizzicato im Finalsatz nicht fein genug sein, und die Symphoniker schenken ihm ihr Bestes. Mit der gestochen scharfen Kontrapunktik schließt Dawidiuk am Eröffnungsstück an, Paul Hindemiths virtuosem „Ragtime (wohltemperiert)“, eine fröhliche Bach-Parodie für die Tanzsäle der Weimarer Republik. Als Hindemith sie komponierte, war er 25 und freute sich über die Uraufführung seiner „Nusch-Nuschi-Tänze“ in Bochum. Heute hat die Dirigentenwahl dort einen Nerv getroffen, das Publikum jubelt.
So viel Reichtum, so viel Armut
Berlin: „Mittwoch“ aus LICHT
In Berlin hebt die neue Intendanz von Aviel Cahn an der Deutschen Oper mit Karlheinz Stockhausen an: von den einen überschätzt, von den anderen belächelt. Spintisierereien dringen auf eine Weise in seine Kunst ein, die eine unbefangene Kenntnisnahme erschwert. Die Berliner Neuproduktion von „Mittwoch“ aus Stockhausens siebenteiligem Opernzyklus nimmt das Werk beim Wort. Die minutiösen Vorgaben zu Kostümen und Bewegungen der Musiker/Darsteller werden von der Regisseurin Susanne Kennedy umgesetzt, Dirigent Maxime Pascal hat die Musiker von „Le Balcon“ und den Chor der Deutschen Oper so umfassend und präzise vorbereitet, wie es nur einem gelingt, der tief in den Stockhausen-Kosmos eingetaucht ist. Bühne und Videos von Martin Selg unterstützen die Suggestivkraft der Musik. „Liebe heilt diese Welt, LUZIFER durch LICHT-Musik wird umgestimmt“, verspricht der Komponist. Ritual und Albernheit, Fremdheit und Schönheit umschlingen sich in irritierender Vertrautheit. Die Produktion setzt Maßstäbe und darf als Auftakt zum 100. Geburtstag von Stockhausen 2028 gelten.
In den kalten Bauten des Tempelhofs
Berlin: „Lear“ von Aribert Reimann
Ein riesiges, gelblich ausgeleuchtetes Rechteck, auf dem ein Dutzend Menschen, manchmal auch nur zwei verlorene Seelen entlanghirschen, um die Leere des Raumes zu durchmessen; am Kopfende autoritäre Stahltürme, aus denen es unnachgiebig wummert und hämmert; am Fußende ein Orchester, das den Mantel des Mitleids nicht ausbreiten darf – das ist „Lear“, die bedrückende Shakespeare-Adaption von Aribert Reimann, mit der die Komische Oper Berlin ihre Saison im riesigen Hangar 4 des verlassenen Tempelhof-Flughafens eröffnet (besuchte Vorstellung: 20. September). Der Raum ist für Aufmärsche und Materialschlachten geeignet, aber erst im mörderischen Kammerspiel einer misslungenen Erbfolgeregelung offenbart er seine menschenverachtende Tektonik.
Wohnzimmer-Geborgenheit unter der Domplatte
Köln: Jubiläumskonzert 40 Jahre Kölner Philharmonie
Andernorts feiert man nicht den Anfang, sondern runde Geburtstage. „Ein Leben ohne Kölner Philharmonie ist möglich, aber sinnlos“, feixt NRW-Kulturministerin Ina Brandes beim Jubiläumskonzert am 14. September. Vor 40 Jahren wurde die Kölner Philharmonie eröffnet: von der Domplatte aus in die Tiefe gegraben, dort gleich einem Amphitheater gerundet, das für Oberbürgermeister Torsten Burmester dem Kulturbesuch einen Anstrich des Parlamentarischen, jedenfalls Demokratischen gibt. Der Sanierungsdruck lastet auf dem Haus, über die Mängel schweigt man (noch), auch die Ministerin weiß zu vermitteln, dass sie darauf nicht angesprochen zu werden wünscht. Lächelnd beschwört Intendantin Ewa Bogusz-Moore dagegen die Wohnzimmer-Geborgenheit des Saals. Und das alles in nicht einmal zehn Minuten. Prägnanter kann man vor einem aus zahlreichen Kulturmetropolen angereisten Publikum kaum reden.
Auch die beiden Orchester des Abends kommen zur Sache: Das Gürzenich-Orchester unter Andrés Orozco-Estrada fetzt „Also sprach Zarathustra“ in den Saal, Chefdirigent, Musikerinnen und Musiker fühlen sich wohl in dieser holzschnitthaften Tondichtung von Richard Strauss. Kerniges Blech, entschlossene Schlagwerker, traumhaftes Holz und ein bittersüßer Streicherklang sorgen für ein konzertantes Ausrufezeichen. Das WDR Sinfonieorchester in der ersten Konzerthälfte hält mit einem kraftvollen Mendelssohn dagegen, eine „Reformations-Sinfonie“, die den Komponisten auf den Boden protestantischer Lebensbejahung zurückholt, und die katholischen Kölner lassen sich von der Spiellust des Orchesters unter der anfeuernden Leitung eines Jörg Widmann anstecken. Den Boden dafür bereitet der Konzertopener, ein in irrwitzigem Furor abspulendes Trompetenkonzert aus Widmanns Feder, ein Kabinettstück auch für den Solisten Sergei Nakariakov, der unaufhörlich Sechzehntel herausschleudert. Mitfiebern, staunen, freuen: Das habe ich in 40 Jahren in diesem Haus oft und gerne erlebt.
Konzertabende für den Jubilar
Köln und NRW: Henze100
Zum 100. Geburtstag von Hans Werner Henze richten sich aller Augen gerne auf München, Berlin, wohl auch auf Köln. Das Opernhaus reicht im Januar die kaum jemals zu hörende „Piccola Cubana“ nach, am 21. September gastiert das Ensemble Modern mit dem Liederzyklus „Voices“ in der Philharmonie. Ingo Metzmacher dirigiert, Amanda Becker und Peter Tatsits singen, die Philharmonie behält die Gesangstexte für sich und die Frankfurter springen stilistisch einmal mehr gewitzt und souverän zwischen allen Stühlen. Henzes 22 Lieder beschwören den Geist der APO, zeigen aber bereits Anzeichen der Desillusionierung. Die 15 Musiker spielen insgesamt 70 Instrumente aus aller Welt und streifen Eisler, Ho Chi Minh, Erich Fried und Fluxus, Heine, Theodorakis, Enzensberger und Zwölftontechnik. Ein aufregendes Sammelsurium, in dem sich grimmiger Humor in unmittelbare Nachbarschaft mit Trauer über die Gemordeten begibt.
Gleichzeitig koordiniert unter dem Motto „Henze100“ der Komponist Michael Em Walter mit Unterstützung des Instituts für Kulturarbeit Recklinghausen ein feines Programm quer durch Nordrhein-Westfalen. Am 8. September startet der Pianist Rainer Maria Klaas mit einem Undine-Abend im Ruhrfestspielhaus Recklinghausen, unterstützt von Pianistin Jay J. Wang und Flötist Max Streicher. Das Programm umfasst Undine-Musik von Carl Reinecke bis Grete von Zieritz und mündet in die für Henze so typischen Auskoppelungen aus Bühnenmusik, diesmal aus der Oper „Der junge Lord“ und aus dem Ballett „Undine“. Klaas und Wang spielen einen knackigen Klaviersatz, der die Lyrismen der Originale in den Hintergrund drängt und das Motorische betont. Es gibt bei diesem vielseitigen Komponisten immer noch Neues zu entdecken, und „Henze100“ lädt dazu bis zum großen „Cimarrón“-Finale am 20. Dezember ein. Bis dahin: „Apollo et Hyazinthus“ und das 1. Streichquartett im Malakoff-Turm Bottrop (11. Oktober), das Streichtrio von 1998 im Essener Folkwang-Museum (13. November), die frühe Kammersonate im Musiktheater im Revier in Gelsenkirchen (14. November), „Le Miracle de la Rose“ in der Musikhochschule Münster (22. November) und vieles, vieles mehr.
„Es zerreißt uns schier“
Köln: Anne-Sophie Mutter mit Penderecki
Seit bald einem halben Jahrhundert ficht Anne-Sophie Mutter an der Spitze des internationalen Musiklebens für Klassik und Komposition. Ihr Ton blüht in allen Lagen, ein schöner und runder Ton, auch an den Rändern des Klangs – das war in den 90er-Jahren die Gegenposition zum rauhen Zugriff der Alte-Musik-Ensembles. Im Programmheft der Westdeutschen Konzertdirektion für ihren Auftritt mit dem Pittsburgh Symphony Orchestra verneigt sie sich vor Krzysztof Penderecki, dessen zweites Violinkonzert „Metamorphosen“ sie am 6. September spielt. „Auschwitz, Hiroshima, 9/11: Penderecki thematisiert große Katastrophen. Und findet für das, was in Worten nicht fassbar ist, eine Klangsprache, die das Bewusstsein durchdringt und das Unverstellbare spürbar macht. Es zerreißt uns schier – wie die Wahrheit –, aber es bleibt auch immer die Hoffnung.“ Penderecki schrieb das Konzert 1995 für die Geigerin, eine kaleidoskophafte, von chromatischen Linien und alarmistischem Espressivo gezeichnete Komposition, dunkel getönt, was vom Orchester und seinen neun Kontrabässen noch verstärkt wird. Schwere Kost, aber die Abonnenten in der voll besetzten Kölner Philharmonie bleiben bei der Stange und jubeln der Weltklassegeigerin zu.
Pittsburgh Symphony, Anne-Sophie Mutter. © Heike Fischer / DK Deutsche Klassik
Antonín DvoÅ™áks Symphonie „Aus der neuen Welt“ – das Repertoirestück nach der Pause – ist selten derart makellos und mitreißend zu hören, wie von diesem amerikanischen Orchester, dem der Österreicher Manfred Honeck seit 2009 als Musikalischer Leiter vorsteht. Die ersten Akkorde schimmern fast unhörbar aus dem Nichts hervor, Tim Daniels lässt sein Englischhorn in aristokratischer Zurückhaltung singen, das Scherzo brettert als „Short Ride in a Fast Machine“ daher (dezenter Hinweis auf den Opener des Konzertes) und im Finale zwingt der bestechende Jericho-Sound der Blechbläser den Saal in die Knie. Das fegt den Penderecki hinweg. Zum Glück kann man ihn jederzeit nachhören. Mit Anne-Sophie Mutter natürlich.
Klaviermusik vom großen Orgelkomponisten
Düsseldorf: IDO-Festival mit „Visions de l’Amen“
Angefangen hat schließlich auch das Internationale Düsseldorfer Orgelfestival (IDO). Stolz verweist Intendantin Friederike Möller auf 42 Konzerte bis Anfang November beim „größten deutschen Orgelfestival“. Die zum 21. Mal stattfindende Konzertreihe besticht erneut durch Vielfalt – nicht nur der Veranstaltungsorte, sondern auch des scheuklappenfreien Programms, das schon mal die Orgel in den Hintergrund verbannt. So geschehen am 30. September, als sich Friederike Möller und die Kollegin Yukiko Fujieda an zwei Konzertflügeln niederlassen, um Olivier Messiaens monumentalen Zyklus „Visions de l’Amen“ in die Tersteegenkirche zu meißeln. Mitten im Zweiten Weltkrieg entstanden, ist in den sieben Stücken über eine Dauer von knapp 50 Minuten alles enthalten, was den französischen Komponisten ausmacht: die tiefe Religiösität, die sich in einer mehr rituellen als diskursiven Klangsprache niederschlägt und die beiden Pianistinnen kraftvoll in den hohen Raum donnern; das Zwitschern der Natur im Diskant der Klaviere; ja, und auch das Süßliche, wenn Messiaen im „Amen du Désir“ (Amen des Verlangens) die Zuhörer tröstet. Zwei Orgelstücke, gespielt von Odilo Klasen auf der luxuriös ausgestatteten Schuke-Orgel, erinnern daran, wie sehr gerade dieses Instrument den Komponisten geprägt hat. Das Publikum reagiert begeistert. Messiaens Spiritualität stößt, das zeigt nicht nur dieses IDO-Konzert, auch im Schroffen auf ein Bedürfnis.
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