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„Picture A Day Like This“ von George Benjamin an der Oper Köln. John Brancy, Performer*innen © Sandra Then

„Picture A Day Like This“ von George Benjamin an der Oper Köln. John Brancy, Performer*innen © Sandra Then

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Bechers Bilanz – Mai 2026: Die Ruinen eines Festivals

Vorspann / Teaser

In Köln lässt sich an den ersten beiden Mai-Wochenenden die Ruine des von der Stadt geschleiften Acht-Brücken-Festivals besichtigen. Überall Zeitgenössisches, das längst unter Dach und Fach war, als die Stadt der musikalischen Gegenwart den Rücken zukehrte und – ohne Notwendigkeit – die tragende GmbH abwickelte. Man wird sie aufs Neue gründen müssen: Ewa Bogusz-Moore, Intendantin der Kölner Philharmonie, will Acht Brücken im kommenden Jahr unter anderen Vorzeichen wieder aufleben lassen.

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Köln: Botschaften des verstorbenen Fräuleins R. V. Trusova

Lachen, Weinen, Gurren, Fluchen

Ein Kompositionswettbewerb des letztjährigen Festivals kürte zwei Werke, deren Uraufführung durch das Ensemble Musikfabrik am 9. Mai plangemäß in der Kölner Philharmonie erfolgt – nur eben ohne Festival. Dass Kölns ehemaliger Generalmusikdirektor Markus Stenz dirigiert, darf als Verbeugung vor der jungen Komponistin und dem jungen Komponisten gewertet werden. Deren durchaus gegensätzliche Werke brennen vor Unruhe: In „Superheroines“ von Żaneta Rydzewska tasten sich die Instrumente durch diverse Frauenporträts, fiebrig, wuschig, um einen Ton kreisend, dann wieder im Geräusch kramend, immer durchhörbar, in einem niedlichen Ständchen auf der Spieluhr verlöschend. Alex Hren dagegen überstrahlt „Cotton Candy“ mit Triumph-Gesten, die er zerbricht und neu zusammensetzt, wobei die Fragmente mal verloren gehen, mal in der Sonne glänzen.

Die Musikfabrik ergänzt die Novitäten durch einen Meilenstein der neuen Musik: „Botschaften des verstorbenen Fräuleins R. V. Trusova“ des in diesem Jahr seinen 100. Geburtstag feiernden ungarischen Komponisten György Kurtág, ein Meister der Verdichtung. Die 21 Lieder erinnern vom Umfang her, von der kammermusikalischen Transparenz wie vom exaltierten Gesangsstil an Schönbergs „Pierrot Lunaire“. Kurtág verzichtet selbst im Konzentrat weder auf motivische Entsprechungen noch auf Sinnlichkeit. Die Aufführung gelingt in höchstem Maße: Stenz leitet die Musikfabrik unaufgeregt und präzise, das Ensemble bewegt sich virtuos zwischen Intimität und Opulenz (herauszuheben sind die Hornistin Cecilie Marie Schwagers und die Cymbalom-Spielerin Enikö Ginzery), und die ukrainische Sopranistin Viktoriia Vitrenko macht jede der oft nur halbminütigen Botschaften zu einer eigenen Theaterszene mit glasklarem Gesang in allen Registern, im Lachen und Weinen, Gurren und Fluchen. Eine Aufführung, die man nicht vergisst.

Köln: WDR Sinfonieorchester mit „Musik der Zeit“

Der Tumult unter dem Ton

Das WDR Sinfonieorchester präsentiert unter der Leitung von Bas Wiegers am 2. Mai die Uraufführung des Violinkonzerts „Desorption“, das Vito Žuraj für Isabelle Faust geschrieben hat. Von ihr habe ich eines der genauesten, unsentimentalsten und zugleich berührendsten Berg-Violinkonzerte aller Zeiten gehört. Bei Žuraj aber knarzt sie mit hartem Saitendruck wie in den ersten Unterrichtsmonaten ihres Lebens. Der slowenische Komponist schreibt eine „Coming of Age“-Geschichte, eine klanggewordene Befreiung, rebellisch bis zum Punk. Faust verwendet die „Sfoară“-Technik der Roma, bei der die G-Saite nicht durch den Bogen, sondern durch eine mit ihr verknotete Schnur zum Schwingen gebracht wird. Ein starkes, zuweilen rotziges Werk, augenzwinkernd wie so vieles bei Žuraj.

Bára Gísladóttir hält mit „Sea Sons Seasons“ dagegen. Wo Scelsi sich ins Innere des Tons verkroch, lotet die Isländerin die Klangwelt unter dem Ton aus. In ihrer Tiefe brodelt es derart, dass wir nicht hineinfallen wollen. Gísladóttir schreibt das feinste Rauschen und den größten Drone-artigen Tumult, wie er lange nicht mehr in einem Orchesterkonzert zu hören war, immer gestaltet, nie lärmend, immer neugierig. Wer das Konzert ab 2. Juli nachhört, möge es laut tun.

Zwei Orchesterwerke zum 100. Geburtstag von Hans Werner Henze rahmen das Konzert: die Suite „Los Caprichos“ von 1963 und die kaum noch live zu erlebende 3. Sinfonie, 1949/50 für Donaueschingen geschrieben. Man möchte nostalgisch werden, denn die Verknüpfung von Farbenpracht, bezwingender Rhythmik und Kontrapunkt, in der sich Schönberg, Strawinsky und die reife Klangfantasie des erst 23-jährigen Komponisten verbinden, wird heute nicht mehr geschrieben. Einmal mehr muss man über die Eindimensionalität der meisten Orchesterprogramme, verursacht von finanziell bedrängten Veranstaltern, mutlosem Publikum und eitlen Dirigenten den Kopf schütteln. Wie viel Schönes gäbe es zu hören!

Köln: Picture A Day Like This

George Benjamins dezente Andeutungen

Sage und schreibe sieben Opernhäuser und -festivals teilen sich Auftrag und Produktion des neuen Musiktheaters von George Benjamin – von London über Paris und Aix-en-Provence bis nach Köln. Intendant Hein Mulders vernetzt die Kölner Bühne in der europäischen Opernlandschaft. Man findet die Uraufführung von „Picture A Day Like This“ aus dem Jahr 2023 auf Youtube. Die Inszenierung von Daniel Jeanneteau und Marie-Christine Soma tourt jetzt durch die Häuser, die Sänger Cameron Shahbazi und John Brancy reisen mit. Zwei der drei Sängerinnen aber besetzt Köln bei der Premiere am 10. Mai aus dem eigenen Ensemble: Adriana Bastidas-Gamboa singt die um ihr Kind trauernde Frau. Ein einziger Knopf eines glücklichen Menschen brächte ihr das Kind zurück, und so macht sie sich wie ein Kleiner Prinz auf den Weg, um am Ende zu erkennen, dass Glück nicht ohne Verzweiflung zu haben ist, Leben nicht ohne Tod. Bastidas-Gamboas spielt die Frau mit erhobenem Haupt, nobel bettet sie ihren glühenden Mezzosopran in Benjamins Gesangslinien, stets auf dem Sprung zwischen Verzweiflungsausbruch und ergebener Sanftheit.

Zur finalen Gartenszene, in der sich das bis dahin schweigsame Bühnenbild durch Licht und Projektion endlich zu etwas Zeichenhaftem durchringt, schlägt die Stunde des nuancenreichen Soprans von Emily Hindrichs, während Elizabeth Reiter (aus dem Frankfurter Ensemble) mit größter Klarheit die Rollen der Liebenden und einer zynischen Erfolgs-Komponistin verkörpert. Benjamins gut einstündige Oper ist für einen Abend im Grunde zu kurz und szenisch wenig ergiebig. Gut möglich, dass sie in den Konzerthäusern aufblüht. Musikalisch gibt es unendlich viel zu entdecken, weil Benjamin eine konkrete, narrative Musik schreibt, mit Seufzermotiven, Melismen, kaltherzigen Streichern, erdigen Blockflöten und verführerischem Oboengesang. Jedes Gespräch der Frau kippt irgendwann, wenn sich das Glück verdunkelt; manchmal genügt Benjamin ein Shot im Schlagzeug, dann wieder verrutschen die Streicher oder stören leise am Steg. Eine dezente Andeutung können viele, aber nur wenige geben ihr auch den angemessenen Raum.

Köln: Liberation Orchestra of Inverted Traditions

Senegal meets Frankfurt

Was herauskommt, wenn acht Musiker des Ensemble Modern auf die Deggo Band treffen, das bringt am 1. Mai die Kölner Philharmonie in Schwung. Das Frankfurter Ensemble hat während der letzten 45 Jahre die diffizilsten Partituren ausgeknobelt. Bemerkenswert aber waren immer die Seitenschritte, ob zu Frank Zappa, Kurt Weill oder zu Heiner Goebbels. Ohne je das eigene Profil zu verwässern, hat sich das Ensemble Modern eine Offenheit bewahrt, die ihresgleichen sucht. Und so mündete ein durch das Goethe-Institut vermittelter Besuch im Senegal in eine Zusammenarbeit mit der Deggo Band: ein Keyboarder und vier Schlagzeuger, angeführt vom schalkhaften „Talking Drummer“ Mamadou Mbaye. Anderthalb Stunden mit lässigem Groove, modaler Harmonik und Freiheit für alle auf der Bühne. Innerhalb gesetzter Grenzen wird improvisiert. Die Kunst der beiden Ensembles besteht darin, gut aufeinander zu hören und das Gewebe luftig zu lassen. Derweil tänzelt Mbaye von einem zum anderen, wirft ihnen Motive zu, die prompt imitiert, weiterentwickelt oder veräppelt werden. Die Rhythmen beginnen zu singen, die Zuhörerinnen und Zuhörer strahlen. Ein Konzert, das auf jedem Jazz-Festival Furore machen würde. Die Kunst des Schwebens verlangt viel Übung, im Dialog der Senegalesen mit den Frankfurtern erleben wir sie in Reinform.

Dortmund: „We (Wir)“ von Sarah Nemtsov

Dystopische Gesellschaft im Zuschauerraum

Mit Richard Wagner schallt es „Kinder, schafft Neues“ aus der Oper Dortmund, wo Intendant Heribert Germeshausen in seiner achten Spielzeit ein fantasievolles, in der Tradition verankertes und zugleich mutig vorausdenkendes Programm verantwortet. Also setzen sich in der Stadt, in der Peter Konwitschny seinen „Ring“ inszeniert hat, nicht nur kluge Opernbeobachter in einem Symposion zusammen, sondern es erklingen auch zwei neue Opern: „Mazeppa“ von Clémence de Grandval als Erstaufführung und „We (Wir)“ von Sarah Nemtsov am 14. Mai als Uraufführung. Die Dystopie, mit der der russische Schriftsteller Jewgeni Samjatin 1920 die Mächtigen der jungen, kulturell noch offenen Sowjetunion aufschreckte, hinterließ deutliche Spuren bei Huxley und Orwell. Lang ist’s her. Heute webt die deutsche Komponistin knisternde Klangflächen, die die Orchesterfarben einzelner Instrumente verschlucken. Immer wieder schwappt ein Puls nach oben, betont das maschinenhafte der uniformierten Gesellschaft. Darüber legen sich synthetische Klänge aus den Apparaturen des grandiosen Tüftlers Sebastian Berweck, die den Science-Fiction-Stoff mit der gleichen Nostalgie umhüllen, mit der man sich heute die erste Staffel von „Star Trek“ ansieht. Das stellt Samjatins Warnung kein Bein, tätschelt ihr aber lächelnd den Rücken.

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Sprechchor Dortmund. Foto: © Thomas M. Jauk
Sprechchor Dortmund. Foto: © Thomas M. Jauk
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Nemtsovs Musik treibt einen spektakulären Theaterabend voran. Ausgehend von Samjatins Satz über den „kalten Spiegel“ dreht sich die Perspektive in Dortmund: Die Zuschauer (für knapp 200 ist Platz) sitzen auf der Bühne mit Blick auf den Dirigenten Michael Wendeberg und auf den rot-sesseligen Zuschauerraum, in der die grau uniformierte Gesellschaft des „Geeinten Staates“ paradiert. Das Spiel der Räume, regelmäßig durch eine Spiegelfläche unterbrochen, trägt über die zweieinhalbstündige Werkdauer hinweg, wobei die ausgefeilte Lichttechnik von Florian Franzen die Wirkung erst herstellt. Regisseurin Eva-Maria Höckmayr bespielt die ungewöhnliche Raumsituation entlang des Stücks ohne Effekthascherei. Der „Wohltäter“, in etwas klischeehafter Brechung ein Counter, überragend gesungen von David DQ Lee, thront anfangs im vierten Rang und greift erst am Schluss in die Handlung ein, um seinen Ingenieur D-503 wieder auf Kurs zu bringen. Den singt der Amerikaner Seth Carico mit einem Bassbariton, der in den wenigen Momenten, wo ihm Nemtsov kurze Figuren überlässt, messerscharf in das Orchester hineinschneidet. Carico wie auch Gloria Rehm, deren Sinnlichkeit und Freigeistigkeit den Ingenieur so folgenschwer aus der Bahn werfen, verkörpern das Drama musikalisch und physisch intensiv. Dortmund schafft Neues.

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