Astor Piazzolla zum 25. Todestag – eine kommentierte Playlist


(nmz) -
Um unseren Leserinnen und Lesern des Piazzolla-Features in der unüberschaubaren Fülle an Einspielungen ein wenig Orientierung zu bieten, hat nmz-Chefredakteur Juan Martin Koch eine Liste mit YouTube-Links zusammengestellt. Auf Spotify ist sie als Playlist, teilweise mit den empfehlenswerteren Aufnahmen, unter dem Stichwort „Piazzolla nmz Feature“ zu finden.
04.07.2017 - Von Juan Martin Koch

In Klammern jeweils das Aufnahmedatum

Gardel und Piazzolla: „El día que me quieras“ (1935)
Piazzolla ist ab 4'25'' als Zeitungsjunge zu sehen, in dieser Qualität ist allerdings sein Abgang kaum zu erkennen.

 

Piazzollas erstes eigenes Orchester: „Dedé“ (1951)
Ein mit Oboe ungewöhnlich instrumentierter Tango-Vals.

 

Pariser Streicherarrangements: „Picasso“ (1955)
Von diesen Aufnahmen an begann Piazzolla, das Bandoneon stehend zu spielen, seine führende Rolle unterstreichend. Ab welchen Nummern dieser Pariser Sitzungen Martial Solal den ursprünglich von Piazzolla als Pianisten engagierten Lalo Schifrin ersetzte, ist nicht bekannt. Ich tippe hier auf Schifrin, Weiß jemand Näheres? 

 

Keimzelle eines Welthits: „Nonino“ (1955)
Ebenfalls in Paris entstand diese erste Aufnahme von „Nonino“. Das seinem Vater Vicente gewidmete Stück nahm Piazzolla vier Jahre später, nach dessen Tod, zum Ausgangspunkt für „Adios Nonino“.

 

Das Octeto Buenos Aires: „Lo que vendrá“ (1956)
Nach der Violin- und Cello-Einleitung ein erstes typisches Piazzolla-Thema, dann übernimmt die elektrische Gitarre von Horacio Malvicino das Kommando.

 

Piazzolla explodiert: „Tres minutos con la realidad“ (1957)
Der Titel spielt auf die übliche Länge von Tango-Nummern an. Von seinem Idol Strawinsky borgt Piazzolla sich die kompromisslos dreinfahrenden Schläge aus – der Tango ist in der Realität angekommen. Gegenüber dieser in Montevideo entstandenen Einspielung mit präsenterem Schlagwerk ist die kurz darauf in Buenos Aires aufgenommene Version eine Spur schneller und härter (siehe Spotify-Playlist).

 

Piazzolla versucht sich am Jazz: „Lullaby of Birdland“ (1959)
Die in New York aufgenommene Platte „Take me Dancing! The Latin Rhythms of Astor Piazzolla & his Quintet“ markiert Piazzollas ersten konkreten Annäherungsversuch an den Jazz. Wie man hört, war da 1959 noch Luft nach oben… (Geduld, die Musik startet spät in diesem Video.)

 

Das Original: „Adiós Nonino“ (1961) [nur in der Spotify-Playlist]
Leider ist die flotte, im lyrischen Thema ganz unsentimentale Erstaufnahme (mit dem frisch gegründeten Quinteto Nuevo Tango) von Piazzollas berühmtestem Stück nicht auf YouTube auffindbar. Sie klingt, als wolle er den Schmerz über den Verlust seiner wichtigsten Bezugsperson nicht ganz an sich heranlassen. Hier eine andere frühe Aufnahme (die Jahresangabe 1969 stimmt nicht):

 

Mit Bach und Ernesto Sabato: „Introducción a Heroes y Tumbas“ (1963)
Mit dem Nuevo Octeto entstand diese sakrale Tango-Bachiana. Am Ende rezitiert Ernesto Sabato aus seinem berühmtesten Roman „Sobre Héroes y Tumbas“.

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Der Piazzolla-Sound steht: „Todo Buenos Aires“ (1965)
Neben Piazzolla brillieren hier Jaime Gosis (Klavier), Antonio Agri (Violine), Kicho Díaz (Kontrabass) und Oscar López Ruiz (Gitarre).

 

Das unerreichte Original: „Verano porteño“ (1965) [nur in der Spotify-Playlist]
Als Ersatz für diese herausragende Erstaufnahme hier zumindest die Version von der ersten offiziellen Live-Aufnahme des Quintetts von 1970:

 

Tango-Kontrapunkt: „Fuga y Misterio“ (1968)
Aus „María de Buenos Aires“, der gemeinsam mit Horacio Ferrer entwickelten „Tango Operita“, haben sich mit der Zeit einige Instrumentalnummern verselbständigt, darunter diese Fuge.

 

Fugen-Quintett zum Mitlesen: „Fugata“ (1969)
Noch eine Fuge: Dank eines fleißigen YouTubers kann man hier auch mal Noten mitverfolgen.

 

Freie Form mit Saxophon: „Pulsación 1“ (1969)
Für den experimentellen Dokumentarfilm „Une Pulsation“ schreibt Piazzolla diese Musik und dankt dem Regisseur Paéz Vilaró anschließend für die Freiheit, die dieser im gelassen habe: „Ich fühle einen neuen Piazzolla.“

 

Die erfolgreichste Tango-Canción: „Balada para un loco“ (1970)
Auf dieser ersten Aufnahme singt Amelita Baltar, mit der Piazzolla im November 1969 beim Lateinamerikanischen Festival für Lied und Tanz in Buenos Aires den zweiten Preis in der Tango-Kategorie gewonnen hatte. Die Single des Liedes (Text: Horacio Ferrer) wurde sofort zum Kassenschlager und das Lied so populär, dass Piazzolla 1980 scherzte, der einzige, der die „Balada“ nie gesungen habe, sei Ayatollah Khomeini…

 

Perkussion-Quintett: „Buenos Aires hora zero“ (1970)
Ein hypnotisches Stück über einem stetig herauf- und heruntermarschierenden Bass. 1963 erstmals aufgenommen [siehe Spotify Playlist, entsprechend früher eingeordnet], werden in dieser Live-Aufnahme die perkussiv-klangsinnlichen Einwürfe auf die Spitze getrieben.

 

Barockisierendes Tango-Lamento „Tristezas de un doble A“ (1971)
Mit seinem Nonett „Conjunto 9“ entstand die erste Aufnahme dieser berührenden Hommage an sein Instrument. (Es kursieren die Plural- und die Singularform – „Tristeza…“ – des Titels, Piazzolla kündigte das Stück in Konzerten als „Tristezas…“ an.)

 

Rhythmus-Spiele: „En 3x4“ (1971)
Ebenfalls mit dem Nonett interpretiert Piazzolla seinen Lieblingsrhythmus einmal um: statt 3+3+2 im 4/4-Takt, entsteht durch die Unterteilung in 3+3+2+2+2 in zwei 3/4-Takten die Illusion eines ständigen Taktartenwechsels (ab 0’40’’).

 

Der europäische Hit: „Libertango“ (1974)
Das Titelstück des in Italien aufgenommene Albums. Die Handschrift des Produzenten Aldo Pagani ist deutlich zu hören, den Ohrwurm-Qualitäten tut das keinen Abbruch.

 

Mit Gerry Mulligan zu neuen Ufern: „Deus Xango“ (1975)
Sein Baritonsax schleicht sich schön in die Klangmischung hinein.

 

Pablo Ziegler am Piano: „Adios Nonino“ (1981) [nur in der Spotify-Playlist]
Seine anspielungsreiche Einleitung gibt die rhapsodische Stimmung vor, Piazzolla kostet die Freiheit hinreißend aus.

 

Die ultimative Aufnahme: „Balada para un loco“ (1984)
Roberto Goyeneche schafft es in diesem Konzertmitschnitt, mit seiner Reibeisenstimme genau den richtigen Ton zu treffen.

 

Die Erfolgsformel zur Vollendung gebracht: „La Muerte del Angel“ (1984) [nur in der Spotify-Playlist]
Nach der Vorstellung der Musiker bringt das Quintett auf derselben Live-Aufnahme eine der überzeugendsten Piazzolla-Nummern auf den Punkt.

 

Mit Vibraphon in „Little Italy“ (1986)
Beim Montreux-Konzert finden Piazzolla und Gary Burton hier stellenweise zu einem ganz neuen Tonfall.

 

Nostalgische, reflektierte Rückschau: „La Camorra“ (1988)
Auf diesem späten New Yorker Album (hier komplett – unter „Mehr Anzeigen“ sind die Titel anwählbar) kommt Piazzolla wieder ganz bei sich an. Der Camorra-Zyklus beginnt nach der intensiven Ruhe von „Soledad“ bei 7’53’’, das Selbstzitat aus „Todo Buenos Aires“ in „La Camorra II“ beginnt bei 23’00’’. Der Titel bezieht sich auf das Lunfardo-Wort für Streit oder Kampf und damit auf die zwielichtige Frühgeschichte des Tango.

  

Und hier noch drei Beispiel für das ernste Fach:

Piazzollas „Klassik“-Klassiker: Das Bandoneon-Konzert von 1979 (1983)
Hier „Aconcagua“ genannt. Aldo Pagani nahm gerne mal absatzfördernde Umbenennungen vor. Neben Piazzolla als Solist spielt hier das SWF Rundfunkorchester unter Emmerich Smola, in der Spotify-Playlist das Orchestra of St. Luke’s unter Lalo Schifrin (Aufnahme von 1987).

 

Konzertante Sakralstimmung: „Suite Punta del Este“ von 1980 (1982)
Hier die technisch und orchestral unzulängliche Aufnahme mit Piazzolla und dem Orquesta de Cámara de Caracas unter Aldemaro Romero, auf Spotify spielen Daniel Binelli und die Camerata Bariloche (Aufnahme von 1994).

 

Tango-Klassik im Gitarrenduo: „Tango Suite“ von 1985 (2001)
Sergio und Odair Assad brillieren mit diesem Werk, das Piazzollas Anpassungsfähigkeit und Inspiration zeigt, wenn er sich auf neues Terrain begibt.

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