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Relevant

01.06.20 (Gordon Kampe) -
Angenommen, ich hätte ein kurioses Hobby – etwa die Zucht nepalesischer Zierfische – es interessierte vermutlich nur Gleichgesinnte. Um von der Wichtigkeit meines Tuns zu künden, würde ich behaupten, dass die Zucht von „gesellschaftlicher Relevanz“ zeuge. Mir schwant, dass alles, was derzeit unter einem gefühlten Aufmerksamkeitsdefizit leidet, glaubt, sich mit der Vokabel von der „gesellschaftlichen Relevanz“ für die eigene Existenz rechtfertigen zu müssen. Man suche in der Online-Ausgabe dieser Zeitung – schwupps: Treffer bis der Arzt kommt.

Umsonst ist einfach zu billig

05.05.20 (Martin Hufner) -
Viele Musikerinnen und Musikern können aktuell nicht in gewohnter Weise auftreten. Vor Publikum, bei Veranstaltungen mit Eintritt für die sie einmal engagiert wurden. Macht ja nix. Man kann ja auch aus den Wohnzimmern streamen, was das Equipment so hergibt. So als Dank vielleicht? Für was denn? Für wen denn?

Geschenke

08.04.20 (Gordon Kampe) -
Als ich noch Organist war, gar nicht so lang her, beschwerten sich insbesondere Hochzeitsgesellschaften darüber, dass Zusatzwünsche extra zu bezahlen sind. Drei Choräle, Einzug und Auszug: das ist inklusive. Ein Ave Maria – es will ja „geprobt“ werden – kostet ein paar Taler. Alle Kolleginnen und Kollegen kennen die folgenden Standardfloskeln: von „Hobby zum Beruf gemacht“, über „dauert doch nur drei Minuten“ bis „was machen sie tagsüber?“. Musik ist meine Arbeit. Und Arbeit wird, sollte nicht übermorgen Revolution sein, bezahlt.

Prioritäten

28.03.20 (Martin Hufner) -
Bis vor einem Monat machte im Internet das Schlagwort, beziehungsweise internetisch, der Hashtag #TrendwendeKlassik die Runde. Es hatte den Anschein, als könnte man an so vielen Stellen einem Aufblühen der klassischen Musikszene beim Wachsen zusehen. Auslastungen von Theatern, Initiativen im Konzertbereich, alles sah nach glücklichem Wachstum aus. Man las: „#TrendwendeKlassik ermög­licht durch Boom der #Musikvermittlung“ oder „Ermutigende Umfrage: knapp die Hälfte der Menschen in Deutschland ‚hört gerne Klassik‘“. Und dann dreht ein Virus den gesamten Trend innerhalb von wenigen Tagen um. Nicht nur hier, sondern weltweit.

Seifenhiebe – Lach‘, Mann

28.02.20 (Martin Hufner) -
Seit mehreren Tagen, Wochen, Monaten und Jahren fällt es noch schwerer, sich mit Musik zu beschäftigen, wo die Trauer über den Umgang von Menschen mit anderen Menschen laufend zunimmt. Kann man sich da noch ernsthaft über Probleme des Musik- und Kulturlebens, über Kontrapunkt und Qualitätssicherung im Musikunterricht unterhalten? Ich denke: Ja. Denn die Kraft der Musik, die Kraft der Kunst erhöht die Fähigkeit der kritischen Selbst- und Fremdwahrnehmung. Und sie kann einem materielos auch jene Glücksmomente schenken, ohne die ein Leben grau bliebe. Deswegen hier eine kuriose kleine Geschichte, die Karl Friedrich Wilhelm Wander (1803–1879) in seinem Sprichwörterlexikon eingesammelt hat:

Guten Tag!

28.02.20 (Gordon Kampe) -
Neulich, in der Pause eines angesagten Nerd-Festivals im Südwesten der Republik, lief mir eine Großkritikerin über den Weg. Ich mümmelte an einer Brezel und wagte das Unfassbare – ich sagte: „Guten Tag, Frau...“ Sie schaute irritiert auf meine Brezel, erwiderte „Ja“ – und entschwand wichtig. Mir wollte die Entgegnung „Ja“ auf die Grußformel „Guten Tag“ nicht sofort einleuchten, aber immerhin: Es war die erste Silbe Aufmerksamkeit ever und ich bleibe optimistisch.

Blumen

19.02.20 (Gordon Kampe) -
„Vielen Dank, für die Blumen. Vielen Dank, wie lieb von Dir!“ Haben Sie jetzt auch den Udo Jürgens-Superhit im Ohr? Dann sind Sie jetzt bester Laune. Wir müssen nämlich, Sie ahnen es, über Blumen reden. Wenn Sie Musikerin oder Musiker sind, dann kennen Sie das: Nach dem Konzert bekommen Sie Blumen (vulgo: Jubelgemüse) geschenkt und wissen dann im Hotel nicht, wohin damit.

Endlich: Beethoven, ja

19.02.20 (Martin Hufner) -
Nein, ein Beethoven-Jahr ist nicht endlich. Das haben Musikwissen­schaftler/-innen und die Werbebranche längst festgestellt. Auch wir sagen zu Beethoven: Ja. Immer. Zu jeder Tages- und Nachtzeit und dazwischen. „Ewig, ewig – immerzu, immerzu“, singt ja auch die Subkontra-Countertenorin im sechsten Satz seiner zehnten Sinfonie, die gerade mit Hilfe Künstlicher Intelligenz in irgendeinem pfälzischen Forschungszentrum für Klingeltöne auf Initiative der Deutschen Telekom zusammengebastelt wird.

Schlager – dialektisch

17.01.20 (Martin Hufner) -
Die „Junge Union“ hat in Berlin zu einer Weihnachtsfeier eingeladen, die unter dem Motto „Schlager gegen Links“ steht. Angeblich ist der Zuspruch so groß, dass man die geplante „Location“ wechseln muss. Wie man aus gut unterrichteten Kreisen gehört hat, soll es sich bei den zahllosen Interessentinnen vor allem um Musikwissenschaftlerinnen handeln, die sich auf dieser Veranstaltung fortbilden möchten. Welche Werke der Musik haben die Heldinnen der „Jungen Union“ denn da im Blick? Wo sind all die Schlager, die explizit „gegen Links“ wären. Außer eher den Schlägerinnen von rechts eben.

Beruhigt Euch

02.01.20 (Gordon Kampe) -
Um mit den Worten eines berühmten Bochumer Philosophen zu beginnen: „Früher war nichts besser. Aber es gab Sachen, die waren früher gut!“ Zum Beispiel: das Streiten. Himmel, was wir uns gestritten haben. Nach Klassen­abenden und Konzerten, in der Kneipe oder noch beim Vibraphon-Verstauen im Keller: „Das kannste so nicht machen! Das hat doch schon … ne, das ist ein Allgemeinplatz. Uiuiui.“ Glasklar aber war: wir sitzen im gleichen Boot. Wir wurden nicht persönlich, sondern feierten einfach weiter. Manchmal vermisse ich das, auch wenn zäher Widerspruch der Eitelkeit ja nicht immer guttut.
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