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Jinjer in Köln. Foto: Christoph Becher

Jinjer in Köln. Foto: Christoph Becher

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Bechers Bilanz – Januar 2026: Rost oder Rose?

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Der Wutausbruch der FAZ-Autorin Lotte Thaler, bitte endlich das Regietheater der 70er-Jahre und dessen Erben im Alteisen des Musiklebens zu entsorgen, attackiert mehr angriffslustig als besserwisserisch einen Interpretationsansatz, der sich als Rost erweisen kann (hier den Namen der verhasstesten Inszenierung einsetzen) wie als Rose (wer möchte ernsthaft eine werktreue „Frau ohne Schatten“ sehen?). Ein Dauerbrenner, weitgehend beschränkt auf deutschsprachige Häuser, immerhin mehr als jedes zweite weltweit. Ich halte es lieber mit Christine Lemke-Matwey, die in der ZEIT die Fülle an neuen Opern in 2026 bejubelt. Auch mein Jahr beginnt mit vier Opernbesuchen.

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München: Die englische Katze

Rabenschwarze Satire im schnuckeligen Theater

Anlässlich des 100. Geburtstages von Hans Werner Henze bringt die Bayerische Staatsoper seine Tierparabel „Die englische Katze“ auf die Bühne des schnuckeligen Cuvillié-Theaters. Ein Großteil der fast 50 Theaterkompositionen Henzes (Opern und anderes) bleibt auch im Jubiläumsjahr links liegen, vielleicht als Ausgleich dafür, dass sich der Komponist, der zu einem Zeitpunkt an der Oper festhielt, als man sich dafür zu rechtfertigen hatte, stets einer guten Präsenz in den Spielplänen erfreuen durfte. Das gereimte Libretto des britischen Antikapitalisten Edward Bond prangert eine auf Heuchelei und Habgier fußende Katzengesellschaft an, in der selbst Liebende kein Vorbild abgeben. Christiane Lutz inszeniert über das Katzenmilieu hinweg. Die Kostüme von Dorothee Joisten spiegeln die Entstehungszeit des Werkes Ende der 1970er-Jahre, zu Katzenohren hochtoupierte Frisuren ersetzen die Tiermasken, die Henze so mochte. Dafür fordert das Bühnenbild von Christian Andre Tabakoff mit einem 45%-schrägen Blechdach die Solisten aus dem Opernstudio der Staatsoper heraus. 

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Die ganz anderen Cats – Das Opernstudio der Bayerischen Staatsoper präsentiert Henzes „Englische Katze“ im Cuvilliéstheater

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Hans Werner Henzes Beziehungen zu München waren tatsächlich so umfangreich und vielfältig, dass ihnen zu Recht ein Programmheft-Beitrag gewidmet ist. In der hiesigen Aufführungsgeschichte fehlen zwar die wirklich...

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Die Englische Katze 2025. Foto: © Geoffroy Schied

Die Englische Katze 2025. Foto: © Geoffroy Schied

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Die Regisseurin garantiert ein lebhaftes Theater, verschenkt aber den Schluss: Sie streicht den Plot-Twist, wonach die Heroine von ihrer (menschlichen) Besitzerin in der Themse ertränkt wird, und lässt im Unklaren, wann Minette (gesungen von Seonwoo Lee) lebt, wann sie stirbt und wann sie als Geist zurückkehrt. Michael Butler als alternder, aber mordlüsterner Präsident Lord Puff zieht am 25. Januar alle schauspielerischen und sängerischen Register, stets textverständlich und melodisch intonierend, selbst in Extremlagen. Meg Brilleslyper füllt mit vollem und wandelbarem Mezzo die Rolle der Babette mit Leben. Am Pult des Bayerischen Staatsorchesters betont Katharina Wincor die vielen tänzerischen Momente der Partitur, manchmal auch zuungunsten der Sänger oder der transparenten Instrumentation mit Zither und Heckelphon. Die Schlagzeuger prügeln in den Proszeniumslogen darüber hinweg, aber das passt zu der rabenschwarzen Satire.

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Berlin: Das kalte Herz

Musikalische Eleganz im Totenreich

Regisseur James Darah Black bekennt, er habe schon immer in Claude Debussys „Pelleas et Mélisande“ leben wollen. Da kam das „Das kalte Herz“ von Matthias Pintscher, ein Auftragswerk für die Staatsoper unter den Linden, wie gerufen. Mit der 1902 in Paris uraufgeführten Oper hat das vierte Bühnenwerk von Pintscher, dem Deutschen aus Paris und New York, einiges gemeinsam: thematisch das in Familienbeziehungen wurzelnde Grauen, musikalisch das Fließen, Raunen und Phantasieren. Pintschers Klänge arbeiten sich aus dem Totenreich empor, geschickt von Azaël (in der Oper exaltiert verkörpert von Sunnyi Melles) und Anubis (Rosie Aldridge), grundiert von Donnerblech und Waldteufel. Nur wenige kennen das Orchester so gut wie Pintscher, der die Staatskapelle Berlin dirigiert, und können mit knappem Pinselstrich derart vielschichtige Klangbilder malen. Nur wenige auch erlauben sich solche Kargheit: Bei der großen Herzverpflanzungs-Szene mit viel Trockeneis und Rotlicht (in Hauffs Märchen lässt sich Kohlenmunk-Peter sein Herz durch eines aus Stein ersetzen, um sich gegen die Zumutungen des Alltags zu panzern) schlägt Pintscher mit Altflöte über samtenen Streichern und einem betörenden Solo der Bassklarinette einen beschwichtigenden Tonfall an. Doch dann verstummt das Orchester. Samuel Hasselhorn als Peter singt einsam seinen großen Monolog – „Ich fühle nichts, ich lebe und bin tot. Schwarzschlaf!“ – und ich freue mich am 20. Januar darüber, einen so sicher gestaltenden, gleichmäßig die Register abschreitenden Bariton vor sich zu sehen. Umringt ist Peter ansonsten von Sängerinnen, insbesondere die alle dramatischen Register ziehende Rosie Aldridge und Katarina Bradić als Mutter. Glückliches Berlin, das solche Gäste einladen kann und solche Produktionen stemmt (gemeinsam mit der Opéra Comique in Paris).

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Friedhof der Kuschelwölfe – Matthias Pintschers „Das kalte Herz“ nach Wilhelm Hauff an der Lindenoper uraufgeführt

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Der Deutsche Wald, beschrieben und besungen von ungefähr Tacitus bis „Holla die Waldfee“, durchaus mit exquisit Empfundenem etwa von Schubert (Nachtgesang im Walde), Schumann (Waldszenen), Wagner (Waldweben), Brahms...

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Samuel Hasselhorn (Peter) Foto: Bernd Uhlig

Samuel Hasselhorn (Peter) Foto: Bernd Uhlig

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Unter die Räder allerdings gerät „Das kalte Herz“ aus „Das Wirtshaus im Spessart“ (1828). Wilhelm Hauff platziert das märchenhafte Geschehen millimetergenau in sozialen Konflikten und ökonomischen Verteilungskämpfen. Drei Wünsche werden nicht einfach gewährt, sondern praktisch und moralisch diskutiert. Pintscher und sein Librettist Daniel Arkadij Gerzenberg dürfen die Zauberer im Schwarzwald gerne als „verstaubt und antiquiert“ belächeln. Ihr „Kaltes Herz“ aber bleibt gedanklich hinter Hauff zurück, wenn sie dessen Motive nicht an die Gegenwart heranführen, sondern im Esoterischen vernebeln. „Was willst du von mir?“, ruft Peter mit seltener Klarheit Azaël entgegen, und man möchte das auch diesen Theaterabend fragen. 

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Bonn: Die Ameise

Die kalte Schulter

Das Theater Bonn gräbt eine Oper von Peter Ronnefeld aus dem Jahr 1961 aus, und der Zuschauerraum füllt sich in der dritten Vorstellung am 10. Januar mit jungen Besucherinnen und Besuchern? Wer wagt, gewinnt. Der 1935 in Dresden geborene Dirigent und Komponist, geschätzt von allen Musiker-Kollegen, wurde gründlichst vergessen, da der früh an Krebs Verstorbene nur wenig hinterlassen hat. Sein Hauptwerk, die vieraktige Oper „Die Ameise“, erzählt vom Gesangslehrer Salvatore, dem man das spurlose Verschwinden seiner Meisterschülerin Formica anlastet. Wer die Debatten um unangemessenes Verhalten im Gesangsunterricht an deutschen Hochschulen verfolgt, dürfte den Sprengstoff dieses Librettos mit spitzen Fingern anfassen. Regisseurin Kateryna Sokolova kümmert’s wenig; sie stellt pralles und skurriles Theater auf die Bühne, unterstützt vor allem durch die knallenden, zwischen Dreigroschenoper und Zirkus angesiedelten, nie aber deformierenden Kostüme der Chilenin Constanza Meza-Lopehandía. Sokolova fürchtet sich nicht vor Slapstick, wenn etwa ein Knastbruder die Arie des anderen mit Topfschlagen begleitet. Sie orientiert sich wie einst Prokofjew am nicht-psychologischen Theater Meyerholds und kennt für jede Szene das richtige Tempo. 

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Chor des Theater Bonn, Svenja Wasser, Dietrich Henschel, Ján Rusko. Foto: © Bettina Stöß

Chor des Theater Bonn, Svenja Wasser, Dietrich Henschel, Ján Rusko. Foto: © Bettina Stöß

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Die Aufführung gehört Dietrich Henschel, den ich in Bonn schon als Moses bewundert habe. Nicht nur seinem edlen, präsenten und immer präzise artikulierenden Bariton nimmt man den Gesangslehrer ab, auch körperlich besitzt er eine beneidenswerte Geschmeidigkeit. Ihm zur Seite steht Ensemblemitglied Nicole Wacker, ein Koloratursopran mit Wärme, Durchsetzungskraft und komödiantischem Talent. Ronnefelds Musik strebt keine emotionale Deutung des Geschehens an. Er jagt seine Instrumentalfarben in klirrende Spaltklänge, schreckt vor grellen Effekten nicht zurück (eine Arie mit Tuba allein) und zeigt der Überwältigungs-Oper die kalte Schulter. Damit lässt der von Boris Blacher ausgebildete Komponist 1961 noch einmal die 1920er-Jahre aufblühen: schnell, frech und gerne auch zynisch. „Und das nennt der Liebesgeschichte“, wundert sich ein Häftling, nachdem Salvatore sein Herz ausgeschüttet hat. Und klopft sich auf die Schenkel.

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Duisburg: Giulio Cesare in Egitto

Partyzone mit Glitzerfummel

Zwischen Countertenor und Hosenrolle kann man in der Barockoper die binäre Orientierung verlieren. Musikalisch spielt das keine Rolle, aber so mancher Stoff rückt dadurch an die Gegenwart heran. Michaela Dicu schlägt in der Neuproduktion von Händels „Giulio Cesare in Egitto“ an der Oper Duisburg ein Gedankenexperiment vor. Die Regisseurin – ausgebildet in Gießen am Institut für Angewandte Theaterwissenschaft – leitet an der Deutschen Oper am Rhein seit der Saison 2022/23 die „Junge Oper“. Ihre Frage lautet: Was wäre, wenn Giulia eine Frau und Kleopatro ein Mann wären? Gute Idee. Nur leider kleben die Übertitel am Textbuch und erinnern, der Szene widersprechend, penetrant an die Versuchsanordnung. So lodernd indes habe ich die Cesare-Arie „Va tacito e nascosto“ mit Solohorn (klasse: Magdalena Ernst) noch nie gehört. Dirigent Attilio Cremonesi nimmt sie langsam, die Duisburger Philharmoniker folgen ihm – wie stets an diesem 4. Januar – mit feiner Barock-Artikulation, wurzelnd im Spiel einer erlesenen Continuo-Gruppe. Im hochgefahrenen Orchestergraben integriert Cremonesi den zarten Originalklang in die handfeste Operngegenwart, wovon beide profitieren. Ensemblemitglied Anna Harvey singt die Arie und spielt den ganzen Abend mit Eros und Kalkül: eine moderne Herrscherin mit vollem Terminkalender, der leider das Schnittchen Kleopatro in die Quere kommt. 

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 Giulio Cesare in Egitto. Foto: © Jochen Quast

 Giulio Cesare in Egitto. Foto: © Jochen Quast

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Der phänomenale Dennis Orellana verkörpert den jungen Mann mit glockenhellem Sopran und auch in halsbrecherischen Koloraturen scheinbar ohne jede Anstrengung. Countertenor Maximiliano Danta (Sesto) steht ihm in nichts nach, mit großer Leichtigkeit hüpft seine Stimme in die Höhe, während er sich mit Nirena beim Rauchen verbrüdert und tatkräftiger wirkt als in anderen „Cesare“-Inszenierungen. Die Kostüme von Ariane Isabell Unfried verlagern den Historienschinken in eine Partyzone mit Glitzerfummel. Selbst das Böse ist hier halbseiden, mehr Maskerade als martialisch. Es geht um Macht, sagt das Regieteam und lässt groß die Buchstaben P-O-W-E-R über die Bühne schweben. Es geht um Sex, sagen die Kostüme. Es geht um Händel, sagt der Dirigent. Nur um die Geschlechter geht es nicht. 

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Düsseldorf: Ragnhild Hemsing bei den Symphonikern

Der Ruf des Nordens in vier Bordunsaiten

Einhundertjährigen Geburtstag feiert auch das Düsseldorfer Planetarium in diesem Jahr. Die Party schmeißt Tonhalle-Intendant Michael Becker, denn bekanntlich wurde aus dem Himmelstempel in den 1970er-Jahren ein Konzerthaus. Deshalb integrieren die Düsseldorfer Symphoniker in jedes ihrer Konzerte ein Werk von 1926 – neue Musik in den Ohren der Abonnenten, von denen es in Düsseldorf so viele gibt, dass das Orchester seine Konzerte jeweils dreimal spielt, vor vollem Haus. Klassik in der Krise? Nicht in Düsseldorf. Hier empfängt Michael Becker vor Konzertbeginn einen Scheck über 100 000 € von der Targo-Bank und zwinkert dem Publikum zu: Das schloss unter elf Uraufführungen in der Saison 2023/24 den britischen Komponisten Gordon Hamilton besonders ins Herz, also gaben ihm die Symphoniker den Auftrag zu einem Konzert für Ragnhild Hemsing und ihre Hardangerfiedel. Hamiltons Harmonik klingt wie festgenagelt, aber nur so können die vier Bordunsaiten der Fiedel ihre Obertöne in die reiche Akustik der Tonhalle einspeisen. Bezeichnend, dass man erst an die Stuhlkante rückt, als Hemsing mittendrin das Instrument stimmt, wofür Hamilton einen eigenen Raum komponiert hat. Die prächtige Hardangerfiedel erhält als Zugabe noch einen Solo-Auftritt, und man möchte der Geigerin gleich nach Norwegen folgen, zum Hemsing-Festival.

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Ragnhild Hemsing. Foto: © Susanne Diesner

Ragnhild Hemsing. Foto: © Susanne Diesner

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Aus dem Jahr 1926 erklingt am 16. Januar Dmitrij Schostakowitschs Erste Symphonie. Dirigentin Ustina Dubitsky überzeichnet deren Orchestereffekte nicht. Sie dirigiert die Musik hinter dem spektakulären Klangzirkus: Flötengesang, Blechchoral, Streichermarsch. Man möchte weinen. Denn Schostakowitsch erinnert daran, dass die junge Sowjetunion mit der Kunst-Avantgarde in eine bessere Welt aufbrechen wollte, bevor sie in die Hände finsterer Schlächter und gräulicher Agenten geriet. Die hohle Jubelmusik bestellten und bekamen. Auch von Schostakowitsch. 

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Köln: Jinjer

Zerberus und Kassandra

Das Gegengift zu Russland heißt nicht Schostakowitsch, sondern Jinjer, eine Metal-Band aus Kiew. Die ukrainische Sängerin Tatiana Shmayluk wechselt zwischen dem genretypischen Growling und einem rauen, wiewohl (auch live) akkurat intonierenden Mezzosopran, wie es ihr und Jinjers Songdramaturgien gefällt. Sie ist Zerberus und Kassandra in einer Person. 

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Jinjer in Köln. Foto: Christoph Becher

Jinjer in Köln. Foto: Christoph Becher

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Am 23. Januar startet die „Duél“-Tournee mit neuer Platte im Kölner Palladium – vor einem begeisterten Publikum, dessen Höflichkeit mich immer wieder für die Metal-Welt einnimmt. Wer einen anrempelt, was jedem geschieht, der sich zu weit in die brodelnde Mitte vorwagt, bittet lächelnd um Nachsicht. Der Progressive Metal von Jinjer setzt Maßstäbe, nicht nur dank seiner charismatischen Sängerin, deren „Duél“-Outfit auch zu einem Folkfestival der 80er-Jahre passen würde. Im abrupten Umschalten zwischen unterschiedlichen Metren und Tempi, zwischen lichten Melodien und rappeligen Dezibel-Gewittern liegt das Lebenselixier des Genres. Shmayluks drei Mitstreiter verzichten auf das übliche Posing, sie sind mit den komplexen Strukturen der Songs vollauf beschäftigt. Fürs Headbanging sind die Haare ohnedies zu kurz. 

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