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Georg Nigl und Simon Rattle beim Konzerttheater der musica viva. Foto: BR

Georg Nigl und Simon Rattle beim Konzerttheater der musica viva. Foto: BR

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Konzerttheater mit Nekrolog: Die Uraufführung von Olga Neuwirths Trauer-Rhapsodie „Zones of Blue“ und Henzes „Floß der Medusa“ bei Musica Viva München

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Sie alle hatten vor fast vierzig Jahren Verbindungen zum von Hans Werner Henze gegründeten Musikfest Deutschlandsberg im Steirischen Herbst: Der Klarinettist und Komponist Jörg Widmann, die Ernst von Siemens-Preisträgerin Olga Neuwirth und ihr am 23. März 2023 verstorbener Vater, der österreichische Jazz-Universalist Harry Neuwirth. Ihm widmete Olga den 2024 im Auftrag des Cleveland Orchestra, des Stockholm Philharmonic Orchestra, des Barcelona Symphony Orchestra und des Grafenegg Festival entstandene Rhapsodie „Zones of Blue“. Es folgte in der Münchner Isarphilharmonie mit dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks unter Sir Simon Rattle Henzes zunehmend als ‚Klassiker‘ des 20. Jahrhunderts etabliertes Oratorium „Das Floß der Medusa“ über den von Théodore Géricoult auf seinem berühmten Gemälde imposant dargestellten Tod vieler Menschen auf einem Floß, während sich die Reichen und Mächtigen auf Rettungsbooten in Sicherheit brachten.

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Das dritte Musica Viva-Konzert gehört zu den tendenziell spärlichen Hommagen der Henze-Stadt München zum hundertsten Geburtsjahr des Gründers der Münchner Biennale für Neues Musiktheater. Der Applaus nach beiden Werken war lang, herzlich und respektvoll – mit einigen Bravi. Man merkt: Die Zeitgenossen der bunten 1980er Jahre werden weniger. Anwesende zeigten ein eher würdigendes als herzlich-enthusiastisches Interesse. Jörg Widmann beginnt die mit einer großen Menge von literarischen und assoziativen Querverweisen durchsetzte Partitur von Olga Neuwirth (geb. 1968) mit einem unspektakulären, aber die Konzentration der Hörenden bündelnden Hauchen in den Klarinette-Korpus. Auf erste zaghafte Linien des Soloinstruments folgt ein schwerer Cluster des vollen Orchesters. In knapp 20 Minuten steigert sich Neuwirths schillernd suggestive und Jörg Widmann gewidmete „Rhapsodie für Klarinette mit Orchester“ zur freien Fantasie über Tennessee Williams’ gleichnamiges Gedicht „Zones of Blue“. Das Konzert folgt unmittelbar der Uraufführung ihres Musiktheaters „Monster's Paradise“ für die Hamburgische Staatsoper.

Rahmen um versteckte Detailbotschaften

Hier betrachtet Neuwirth die Klarinette des Komponisten-Kollegen Widmann nicht als dominierendes Soloinstrument, setzt sie dafür mit Kontrastfarben und Kolorit für variantenreiche Schichtungen und Mischungsverhältnisse neben und im Orchester ein. Zwei achtsame und für Neuwirths Musikfakturen wesentliche Kleinstmotiv-Ranken durchsetzten zwei monumentale Crescendi. Das erste ist ein wilder Ritt, dem die Klarinette neben den rhythmischen Akzenten einen suggestiv ruhigeren Puls einverleibt, das zweite eine akzentuiert virtuose Steigerung. Unter den vielen „Blue“-Assoziationen hommagieren fast-solistische Klarinetten-Passagen verdächtig George Gershwins berühmten Startlauf in die „Rhapsody in Blue“.

Neuwirths facettenreich persönliche und Wesentliches sorgfältig camouflierende Trauerarbeit vereint Affekt, Erinnerung und innere Klärung. Wie eine Trauerrede, in der Wesentliches für die Kondolierenden unbemerkbar bleiben soll. Anders als schreiende Todesmeldungen in den Sozialen Netzwerken mit hoher Verpixelung setzt Neuwirth ihren nachdenklich leuchtenden Rahmen um versteckte Detailbotschaften. So filigran sind hier die Erinnerungsspuren hinter den Ablenkungsmanövern und Agglomeraten, dass Neuwirth erst hinter der kurzweilig schillernden Mauer für die Konzertöffentlichkeit den Dialog mit dem toten Vater intimisiert. Insofern gerät die Uraufführung zur eigenwilligen Privatisierung im performativen Raum. Noch setzt Neuwirth explizite Zugriffsbeschränkungen auf Schichten, welche sich einer analysierenden und erläuternden Erschließung verbergen. Ein großes Werk der kleinen Gesten. 

Hans Werner Henzes dem lateinamerikanischen Linkspartisanen Che Guevara gewidmetes, aus dem Studentenunruhe-Jahr mit einem legendären NDR-Uraufführungsskandal 1968 in die aufgerührte Wirtschaftswunderwelt entstandenes ‚Oratorio volgare e militare‘ hat die stärksten Momente in den leisen Momenten. Dort, wo sich aus Ernst Schnabels traurigen Textmetaphern Hoffnungslosigkeit und dem Tod vorausgehende Lethargie ausbreitet. Die Sprache, helle Affekte und lakonische Rufe des Todes in Beziehung bringende, dabei substanziell wie gestisch packende Klangsprache Henzes setzt nach Aufführungen bei den Salzburger Festspielen und im Flughafen Tempelhof auch in der Isarphilharmonie starke Emotionen frei. Kathrin Zugowski ist in der für Edda Moser komponierten Partie ein lyrisch hypnotischer Tod, Georg Nigl ein leichte Emotion und Deutlichkeit verbindender Bariton-Solist. Michael Rothschopf setzt als Sprecher Charon bellende Anklage mit melancholischen Farben. Ganz unspektakulär vollzieht sich der symbolische Pilgermarsch der Chorpersonen und des Tölzer Knabenchors (Leitung: Ursula Richter) von der rechten Podium-Hälfte der Lebenden auf die linke der Toten. Der dritte Solist von ihnen zeigte imponierende Stimmreinheit. Der Chor des Bayerischen Rundfunks (Leitung: Peter Dijkstra, Max Hanft) und der Chor des WDR Rundfunkchor (Leitung: Paul Krämer, Alexander Lüken) schmiegen sich mit sensitivem Gen für Konzertdramatik an – bis zu den martialischen Ho Chi Minh-Rufen in Henzes nachträglicher Retusche des Finales. Durch diese wurde das Lamento über Ungleichheit zum Zeitdokument.

Sir Simon Rattle zeigt verlässliche Vertrautheit bei Henze und sympathetische Gelassenheit bei Neuwirth. Er wirft dem Erstpublikum ohne Zeigefinger-Theater erkennbare Bedeutungssignaturen zu – auch für die Hörbühnen im Rundfunk und den akustischen Mediatheken. Egal ob die sinnliche Opernarchäologie mit der französischen Stiftung Bru Zane oder Großprojekte wie dieses prachtvoll opulente Musica-Viva-Konzert: BR Klassik und dessen Klangkörper stehen für vieles ein, was die bayerischen Musiktheater- und Konzerteinrichtungen nicht bewältigen, wollen oder können. Dieses Potenzial ist in der aktuellen Spardebatte definitiv schützenswert.

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