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Die Oper Leipzig komplettiert mit „Lohengrin“ den Kanon für „Wagner 22“

28.03.22 (Joachim Lange) -
Der neue Leipziger „Lohengrin“ blickt in zwei Richtungen. Einmal zurück und einmal nach vorn. Zurück, weil seine szenische Umsetzung eigentlich anders geplant war. Was auch, aber nicht nur, mit den leidigen Coronaquerschlägern, die jeder Planung die letzte Sicherheit nehmen, zu tun hat. Eigentlich sollte nämlich Katharina Wagner inszenieren. Die Premiere für deren zweiten „Lohengrin“ (nach ihrem ersten, hochpolitischen in Budapest) sollte eine Übernahme der zuerst für Barcelona gedachten Neuinszenierung in Wagners Geburtsstadt werden. Kurz vor der dortigen Premiere beendete der erste große Lockdown alle Blütenträume.

Flache Mondtag-Show: „Der Vampyr“ in Hannover

27.03.22 (Roland H. Dippel) -
Heinrich Marschner war in Hannover als Komponist nicht mehr so erfolgreich wie in Leipzig, wo „Der Vampyr“ 1828 zur Uraufführung gelangte oder in Berlin mit „Hans Heiling“. Beim „Vampyr“ steht die Rettung aus den Verballhornungen oder Simplifizierungen der letzten Jahrzehnte noch immer aus. Die Premiere an der Niedersächsischen Staatsoper Hannover war in erster Linie eine herausragende Leistung von GMD Stephan Zilias. Ersan Mondtag verzettelte sich mit assoziativer Völlerei in seinem Zutaten-Gestrüpp aus der Geschichte des Antisemitismus, Konsumkritik und Trash.

Theos Kurz-Schluss – Wie ich einmal trotz meines fortgeschrittenen Alters über den Umweg der Toleranz zu aufschlussreichen Einsichten kam

25.03.22 (Theo Geißler) -
Daran kann ich mich noch ganz gut erinnern: Wenn ich, oft „Lausbub“ genannt, in Nachbars Garten die – im Vergleich zu den unseren – wesentlich süßeren Erdbeeren klaute und erwischt wurde, drohte mir der wachsame Nachbars-Opa – ich war schon auf der Flucht: „Das nächste Mal holt dich der schwarze Mann, und dann gibt’s ordentlich Watschen“. Diese Drohung schien seinerzeit sehr in Mode gewesen zu sein – sie wurde mir bei ungefähr jedem zweiten meiner Vergehen von unterschiedlichsten Autoritäten meist nachgeschrien. Damals war ich noch recht flink. Das führte bei mir zu einer seelischen Störung.

Amyntas und Knirfix: „Pastorelle en musique“ bei den telemann festtagen Magdeburg

24.03.22 (Roland H. Dippel) -
„klangfarben“ lautet das Motto der 25. Magdeburger telemann festtage. Diese sind ein Corona-Chiaroscuro mit zweijähriger Verzögerungshistorie. Die Produktion von „Pimpinone“ wurde 2020 fast fertig geprobt und doch ein Opfer des ersten Lockdowns wie vieles andere. Im Rahmen geltender Bestimmungen konnte man 60% der bestehenden Platzkapazitäten anbieten.

Theaterraum als Tempel des lyrischen Widerspruchs: Zwei Einakter von Peter Maxwell Davies in Weimar

22.03.22 (Roland H. Dippel) -
Der Doppelabend 2 im Festival Passion :SPIEL des Deutschen Nationaltheaters Weimar scherte bei Peter Maxwell Davies „Eight Songs for a Mad King“ in seiner Haltung erfreulich aus: Uwe Schenker-Primus brillierte in dem von Dirk Girschik als poetische Utopie inszenierten Einakter.

Die Vernunft hat keine Chance – Verdis „Les vêspre siciliennes“ an der Deutschen Oper Berlin

21.03.22 (Joachim Lange) -
Die Deutsche Oper Berlin, Oliver Py und Grand Opéra passen eigentlich ganz gut zusammen. Mit dem Genre hat das Haus Erfahrung und auch die nötigen Ressourcen dafür. Und der Franzose Olivier Py war schon sowohl mit Verdi als auch mit Grand Opéras (wie Meyerbeers „Les Hugenotes“, Halévys „La Juive“ und an der Deutschen Oper mit Meyerbeers „Le Prophete“) erfolgreich.

Abschied aus Dingsda, äh, Münster – Ulrich Peters inszeniert Eduard Künnekes Erfolgsoperette

Fast zehn Jahre lang war Ulrich Peters Intendant des Theaters Münster, im Herbst 2021 wechselte er von dort aus ans Badische Staatstheater Karlsruhe, wo er nach der Abberufung seines Vorgängers Peter Spuhler in den kommenden drei Jahren als „Interimsintendant“ für die Verbesserung des Arbeitsklimas sorgen will. Aus Münster verabschiedet sich Peters nun endgültig mit Eduard Künnekes „Der Vetter aus Dingsda“.

Keine Chance für die Liebe – Ignacy Jan Paderewskis „Manru“ an der Oper Halle ausgegraben

20.03.22 (Joachim Lange) -
Es gehört zu den Eigentümlichkeiten der Rezeptionsgeschichte, dass eine Inszenierung der Oper „Manru“ von Ignacy Jan Paderewski heute nur als ambitionierte Ausgrabung auf einen Spielplan kommt. Nicht nur in Deutschland – aber da besonders.

Tödlich-düsteres Patriarchat – Christian Josts Musikdrama „Rote Laterne“ in München

19.03.22 (Wolf-Dieter Peter) -
Ein zu drei Vierteln besetztes Theater, nahezu alle Sparten der Theaterakademie August Everding im Einsatz, dazu das Münchner Rundfunkorchester, der Komponist selbst am Dirigentenpult: zur deutschen Erstaufführung seines 2015 in Zürich uraufgeführten Musikdramas – wieder einmal schien die Musikstadt München über eine dritte Operncompagnie zu verfügen.

Der Mythos in Zeiten von Corona – Manfred Trojahns jüngste Oper in Amsterdam uraufgeführt

18.03.22 (Christian Kröber) -
Wie sich die europäische Pandemie auf unser kulturelles Leben auswirkt, ist vielfach in den Feuilletons beschrieben worden. Es ist jedoch das Eine, Lebensumstände intellektuell zu verarbeiten und ein Anderes, sich ihnen auszusetzen. Der Besucher aus Deutschland, der Manfred Trojahns jüngste Oper „Euridice. Die Liebenden, blind“ an der Amsterdamer Oper erleben durfte, spürt unmittelbar Veränderungen, die die Andersartigkeit der Nach-Corona-Zeit mit sich bringen werden.

„Opera und ihr Double“ von Ole Hübner und Thomas Köck bei der Münchener Biennale

18.03.22 (Roland H. Dippel) -
Wenn es für Produktionsengpässe und musikalische Lieferkettenunterbrechungen der Pandemie eine emblematische neue Oper gibt, ist diese „opera! opera! opera! Revenants and Revolutions“ von Thomas Köck und Ole Hübner. Als vollständige Aufführung hätte die Koproduktion der Oper Halle und der Münchener Biennale für Neues Musiktheater 2020 ein satter 150-Minüter und die bisher massivste Choroper des 21. Jahrhunderts werden können. Stattdessen kam es zur „operativen Installation“ des bitteren Sujets in der riesigen UTOPIA-Halle München: Der breit geschwungene Abgesang auf eine große Kunstform in bezwingenden Arrangements.

Sonderbare Geschichte … – Brittens Kammeroper „The Turn of the Screw“ in Lübeck

16.03.22 (Arndt Voß) -
Benjamin Britten hat in Lübecks Musikleben einen festen Platz, nicht nur weil sein „Death in Venice“ nun einmal in die Thomas Mann-Stadt gehört. Auch anderes aus seinem vielseitigen Opernschaffen ist auf dem Spielplan des Theaters verankert. Zurzeit wird ein ganzer Zyklus erarbeitet. „Owen Wingrave“ gehört dazu, mit seiner Pazifismus-Parabel zu Beginn der Spielzeit durch Afghanistan aktuell, inzwischen noch mehr durch die Entwicklung in der Ukraine. Die zweite Inszenierung, nur ein halbes Jahr später, gilt „The Turn of the Screw“ (Premiere: 11. März 2022), auch darin die Thematik von beklemmender Dichte und durchaus von gesellschaftlicher Sprengkraft.

Drei bleibt Drei – Giacomo Puccinis „Il Trittico“ in Brüssel

16.03.22 (Joachim Lange) -
Giacomo Puccinis „Il Trittico“ ist schon deshalb ein Unikum, weil eine Formalie für den Titel sorgt und nicht der Inhalt. Weder im Ganzen, noch gedrittelt. Drei Geschichten von zwei Librettisten. Giuseppe Adami lieferte die Vorlage für „Il tabarro“ (Der Mantel) und Giovacchino Forzano die für „Suor Angelica“ (Schwester Angelica) und „Gianni Schicchi“. Etwas handfestes, dann etwas lyrisch Tragisches und zum Abschluss etwas Heiteres. Das dann obendrein mit dem popularitätsfördernden Wunschkonzerthit „O mio babbino caro“, mit dem eine Tochter ihren Papa einwickelt und das Puccinipublikum gleich mit.

Politisch brisant, ästhetisch fragwürdig: In Regensburg wurde „Wir“ von Anton Lubchenko uraufgeführt

16.03.22 (Juan Martin Koch) -
Begleitet von großem Medienecho ist die Uraufführung der Samjatin-Adaption „Wir“ des russisch-ukrainischen Komponisten Anton Lubchenko am Theater Regensburg über die Bühne gegangen. Juan Martin Koch berichtet von einer Premiere, deren Verschiebung das Werk plötzlich ins Zentrum des weltpolitischen Geschehens rückte.

Wo Beziehungsträume hochkochen – „Carmen“ am Musiktheater im Revier Gelsenkirchen

Vor über zwanzig Jahren verlegte Regisseur Dietrich W. Hilsdorf am Essener Aalto-Theater Georges Bizets „Carmen“ von Spanien in die direkte Nachbarschaft: nach Gelsenkirchen! Das Stück spielte dort in irgend einer schäbigen Eckkneipe. Jetzt inszeniert Rahel Thiel die „Carmen“ im Gelsenkirchener Musiktheater – und die Handlung kehrt zurück an ihren ursprünglichen Ort: nach Spanien! Aber ohne große Folklore und mediterranen Budenzauber.

Alle Macht zersungen und zerlacht – Monty Pythons „Brian“ im Münchner Gärtnerplatztheater

14.03.22 (Wolf-Dieter Peter) -
Natürlich Corona: Da sicherte sich „lange davor“ Münchens Opéra comique die Deutsche Erstaufführung eines Knüllers – und dann war nach der Premiere am 21.Juni 2021 Pandemie-Schluss. Jetzt erstmals im Spielplan vor Publikum - und: Standing Ovations am Schluss, nachdem schon zuvor jede Nummer Szenenapplaus bekam – alles für das „Komische Oratorium“, das der Metier erfahrene Thomas Pigor aus dem Film-Klassiker „Das Leben des Brian“ geformt hat.

Spektakulär: Giacomo Puccinis „Turandot“ an der Hamburgischen Staatsoper

14.03.22 (Dieter David Scholz) -
Das Werk ist ein Solitär. Es ist die letzte Oper, die Giacomo Puccini schrieb. Sie basiert auf einem persischen Märchen aus den „Erzählungen aus Tausend und einer Nacht“, das der venezianische Dramatiker Carlo Gozzi seinerseits schon bearbeitete. Es ist ein Fragment wie Arnold Schömbergs „Moses und Aaron“ oder Ferruccio Busonis „Doktor Faust“. Giacomo Puccini hinterließ das unvollendete Werk 1924, er war am 29. November gestorben, nachdem er Ende März die Instrumentation von Turandot bis einschliesslich der Trauermusikvon Liú fertiggestellt hatte.

Entführung in das Staatenhaus – Oper Köln bringt eine „Entführung aus dem Serail“ auf die Ersatzbühne

14.03.22 (Joachim Lange) -
Es nervt. Die Absagen lange anvisierter Premieren werden immer kurzfristiger. Die Gründe liegen auf der Hand. Viele Tests sind notwendig, bringen aber auch positive Ergebnisse. Wer die draus folgenden Quarantäne- bzw. Genesungs-Zeiten dabei nicht im Blick hat, der riskiert Vorstellungsausfälle in buchstäblicher letzter Minute. Einen Clou landete die Oper Halle mit einem Abbruch einer Premiere nach dem zweiten Akt, weil während der Vorstellung ein positives Testergebnis eintraf.

Braver Parcours: „Memorial of Rebellion“ beim Festival „Passion :SPIEL“ in Weimar

13.03.22 (Roland H. Dippel) -
Ein „Paralleluniversum von besonderen Stücken, Experimenten und Aufführungen“ versprechen Weimars Operndirektorin Andrea Moses und ihr Konzeptdramaturg Michael Höppner für Passion :SPIEL. Die erste Ausgabe des Festivals für Neues Musiktheater findet vom 10. bis zum 19. März 2022 im e-werk Weimar auf der versatilen Raumbühne Martin Miotks statt.

Was lange währt, muss nicht immer gut werden – Verdis „Don Carlo“ in Essen Aalto-Oper

13.03.22 (Joachim Lange) -
Wie jedes Haus, das auf sich hält, hat auch die Aalto-Oper in Essen vor ihre jüngste Hauspremiere ein Statement gesetzt. Am 17. Tag von Putins Angriffskriegs gegen die Ukraine und Europa fügte das Haus dem bisher praktizierten Abspielen der ukrainischen Nationalhymne (wie in Dresden) oder der Europahymne (wie in München) auf ausdrückliche Empfehlung der Deutschen Orchestervereinigung eine vom gebürtigen Ukrainer Eduard Resatsch eigens komponierte Variante der Solidarisierung mit den Überfallenen hinzu.

Münchner Wiedergutmachung: Ernst Kreneks „Jonny spielt auf“ am Gärtnerplatztheater

12.03.22 (Juan Martin Koch) -
Bei der Münchner Erstaufführung 1928 zettelten Nazis einen Eklat an. Nun ist Ernst Kreneks einstiges Erfolgsstück „Jonny spielt auf“ wieder am Münchner Gärtnerplatztheater zu sehen. Juan Martin Koch berichtet von einer facettenreichen Premiere.

Prominente Pflichtübung: Luigi Cherubinis „Les Abencérages“ in Budapest

12.03.22 (Roland H. Dippel) -
Luigi Cherubinis Oper „Les Abencérages“ (Paris 1813) ist eine anspruchsvolle wie harte Übung in Sachen Musikgeschichte des frühen 19. Jahrhunderts. Zur konzertanten Aufführung im Budapester Konzertsaal MüPa gab es weder Maskenpflicht noch Kontrollen der Impfbestätigung. Sie wurde am 9. März ein Höhepunkt des Barock-Zyklus mit Konzerten mit Emöke Baráth, Philippe Jaroussky und Joyce DiDonato.

Katastrophe – Leoš Janačeks „Katja Kabanova“ in Duisburg

08.03.22 (Guido Krawinkel) -
Die Konstellation ist eigentlich altbekannt: ein willensschwacher Ehemann, der unter der Fuchtel eines „Schwiegermonsters“ steht. Eine Schwiegertochter, die nie gut genug ist. Und eine Liebesgeschichte, die tragisch endet. Gespielt wird das auf einer konventionellen Guckkastenbühne, die sich den ganzen Abend nur in Details verändert. Die allerdings sind entscheidend und unter anderem ein Grund dafür, dass Leoš Janačeks Oper Katja Kabanova im Theater Duisburg zu einem packenden Drama wird.

Wozzeck am Meer –Stefan Herheim mit Benjamin Brittens „Peter Grimes“ an der Bayerischen Staatsoper

08.03.22 (Wolf-Dieter Peter) -
Schon unter den Intendanten Peter Jonas und Klaus Bachler wäre ein Engagement Stefan Herheims zu erwarten gewesen. Jetzt wurde es ein etwas anderer Abend: Herheim und sein engstes Team nach der Generalprobe in Corona-Quarantäne; dann die Nationaltheaterfront in Blau-Gelb angestrahlt, ganz oben auch die ukrainische Flagge im Abendwind; Intendant Serge Dorny mit einer Solidaritätsadresse und einem Bekenntnis zu „Freiheit, Demokratie, Brüderlichkeit“ vor Vorstellungsbeginn auf der Bühne und in der TV-Live-Übertragung; dann die düster orchestrierte Europa-Hymne aus dem Orchestergraben, vom Premierenpublikum im fast voll besetzten Haus stehend rezipiert.

Bilanz im Theater Plauen Zwickau: Musiktheater-Tod und Bauch-Aufschlitzen

07.03.22 (Roland H. Dippel) -
Kammeropern mit der Schicksalswucht eines apollinischen Orakels. Peter Eötvös' „Radames“ (1976/97) und „Harakiri“ (1973) haben es auf der Kleinen Bühne Plauen in sich. Der erste Einakter ist ein Abgesang auf die Kunstform Oper, der zweite ein Kommentar zum Tod Yukio Mishimas. Der scheidende Generalintendant Roland May, Operndirektor Jürgen Pöckel und GMD Leo Siberski konnten nicht ahnen, mit welcher Schärfe der tatsächlich zum geplanten Zeitpunkt stattgefundene Premierenabend mit der Kulturkrise durch die Pandemie und den Angriff Russlands auf die Ukraine koinzidiert. Gnadenlos und freudlos.
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